Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 44-45 (30.10.1919)
- Date
- 1919-10-30
- Page
- Seite 1395-1396 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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1395 VOLK UND LAND 1395 troffen. Liese Krankheit, che durch die Kleiderläuse übertragen wird, hätte bei größerer Sauberkeit nicht solche Verbreitung gewinnen können. Sie ist aber nicht in den natürlichen Verhältnissen des Landes begründet, sondern eine Kriegserscheinung, die wohl bald verschwinden wird, wenn ruhigere Verhältnisse eingetreten sein werden. Um irrtümer zu vermeiden, sei bemerkt, daß in Palästina das Fleckfieber mit Typhus bezeichnet wird. Häufig trat das Fleckfieber zusammen mit dem Rückfailrieöer auf, gegen das wir aber im Salvarsan ein glänzendes Heilmittel besitzen. Auch das Rückfallfieber wird durch Läuse übertragen. Es wird in Friedenszeiten, wenn die ailgemeine Sauberkeit und die Wohnungen besser werden, wohl nachlassen. Das Trachom, die ägyptische Augenkrankheit (Körnerkrankheit), Granulöse, ist heute in Palästina außerordentlich stark verbreitet. Meiner Schätzung nach haben in Tiberias 90 Prozent sämtlicher Kinder diese Krankheit, die zu schweren Sehstörungen oder zur Erblindung führen kann. Die Behandlung ist aussichtsreich, aber langweilig. Regelmäßige Augenuntersuchungen durch Schulärzte müssen gefordert werden, damit die erkrankten Kinder frühzeitig zur Behandlung kommen, ehe erst schwerere Erscheinungen und Weiterverbreitung eingetreten sind. Die Aleppo- oder Orientbeule ist in einzelnen Orten z. B. Jericho häufig. Sie ist ein langdauerndes Geschwür, das meist im Gesicht sitzt, aber ganz ungefährlich ist und nur zu einer entstellenden charakteristischen Narbe führt, an der man oft den Aleppiner erkennt. Häufig sind Wurmkrankheiten verschiedener Art. Besonders gefährlich aber selten sind die Filariose und die Bilharziose, die zu schweren Blasenleiden führt. Die Geschlechtskrankheiten sind unter den Juden im Gegensatz zur andern Bevölkerung sehr selten. In den Häfen und in Jerusalem kommen venerische Infektionen auch unter den Juden gelegentlich vor, die Kolonien können aber als praktisch frei von Geschlechtskrankheiten angesehen werden. Der Aussatz, die Lepra, kommt nicht allzu selten vor, hat aber als Volksseuche wenigstens! in Galiläa keine Bedeutung. Die allgemein als richtig anerkannte Art der Bekämpfung, die in rücksichtsloser Isolierung der Kranken besteht^ war im Frieden bereits in Jerusalem durch die Errichtung des Lepraheims in Angriff genommen, doch fehlte noch der gesetzliche Zwang zur Verbringung der Kranken in die Anstalt. Neben den eigentlichen Ursachen der ansteckenden Krankheiten spielen für das Wohlbefinden besonders des Europäers in Palästina die a 11gemein hygienischen Verhältnisse eine große Rolle, weil sie oft indirekt das Entstehen der Krankheiten begünstigen. Das, was den Europäer in Palästina zunächst am unangenehmsten berührt, ist die Hitze. Kommt er im Winter ins Land jund kann er sich im Frühling allmählich an die hohen Temperaturen gewöhnen, so verträgt er diese im allgemeinen ganz gut. Der plötzliche Uebergang von kalten in heiße Gegenden bringt aber sehr häufig unangenehme körperliche Störungen mit sich, die je nach dem Aufenthaltsort sehr verschieden sein können. Man kann in Palästina drei verschiedene klimatische Typen unterscheiden. Die Küste ist durch ein warmes und feuchtes Klima ausgezeichnet, das schon bei nicht sehr hohen Wärmegraden als schwül und drückend empfunden wird. Das Baden im Meere bringt im Sommer nur wenig Erfrischung, denn wenn mau sich angezogen hat, ist man meist schon wieder so heiß wie vor dem Bade. Der Schweiß kann in der wasserreichen Luft nicht so schnell verdunsten und wirkt daher nur unangenehm nässend, nicht kühlend. Die blendende Sonnenstrahlung wird durch die auch im Sommer häufige starke Wolkenbildung mehr gemildert als im Innern. Der oft starke Morgentau entzieht bei seiner Verdunstung der Luft und! dem Boden etwas Wärme und trägt so zur Kühlhaltung der Morgenstunden ein wenig bei. Die nächtliche Abkühlung ist meist nicht sehr groß. Der Schlaf ist infolgedessen oft schlecht, besonders da es wenigstens in Haifa nicht üblich ist, auf dem Dache zu schlafen und da die Moskitonetze über den Betten den kühlenden Luftzug noch etwas abhalten. Der Appetit leidet oft sehr, besonders wenn die Nahrung noch dazu einförmig und reizlos ist. Im allgemeinen ist die Leistungsfähigkeit des Europäers im Küstenklima im Sommer herabgesetzt. In Haifa, dessen Verhältnisse ich speziell im Auge habe, gelten die angeführten Tatsachen, nicht für den erheblich angenehmeren Karmel, auf dem es mehr kühlende Winde gibt, und wo sich deb Staub auch nicht so unangenehm bemerkbar macht wie in der Stadt, da die Häuser zum größten Teil in Gärten abseits der allerdings sehr staubigen Karmelstraße liegen. Etwas angenehmer trotz höherer Temperaturen ist der Sommer im Jordantal, da hier die Luft sehr trocken ist. Trockene Hitze wird noch bei ziemlich hohen Graden als mollig und angenehm empfunden, denn der rasch verdunstende Schweiß macht sich nicht durch das lästige Ankleben des Hemdes unangenehm bemerkbar, und die Haut wird nicht wie im feuchtwarmen Seeklima so stark erweicht und für Furunkel und andere Hautinfektionen geeignet. Ich bin oft mittags bei Schattentemperaturen von 42 Grad Celsius und mehr ohne unangenehme Empfindungen längere Wege in der Sonne gegangen und auch geritten oder gefahren. Die Leistungsfähigkeit schien mir im Jordantal weniger herabgesetzt als an der Küste. Das Baden im Jordan oder im See Genezareth ist angenehmer und erfrischender als das Baden im Meer. Appetit und Schlaf waren in Tiberias, das wegen seiner Hitze so verrufen ist, (Jahresmittel 24 Grad Celsius wie das von Chartum am oberen Nil), besser als an der Küste. Die nächtliche Abkühlung ist im Jordantal nicht groß; darum und weil die Luft nicht genügend, Feuchtigkeit hat. Die Wolkenbildung ist über dem heißen Jordantal nur gering, so daß die Sommersonne fast jeden Tag ständig sichtbar ist. Doch verursachen Wind und verschiedener Feuchtigkeitsgehalt der Luft ziemlich starke Abwechslung im Wetter. Vorbedingung zum Wohlbefinden sind in diesem sehr heißen Landstrich natürlich zweckmäßige Ernährung, Kleidung, Wohnung und Lebensweise, Dinge, von denen ich später noch zu sprechen, habe. Recht angenehm wird vom Europäer im allgemeinen der Aufenthalt in den Gebirgsorten Galiläas mit zwar heißen Tagen, doch auch; kühlen Nächten empfunden. Ich denke hier besonders an Nazareth und Safed. Allerdings muß mant sich gerade im Gebirge mit seinen sehr großen täglichen Temperaturschwankungen vor Erkältungen der Verdauungsorgane besonders hüten. Deutsche Truppen, die im Sommer und Herbst nach! Syrien kamen, hatten in der Anfangszeit auch im! Gebirge schwer unter Darmstörungen scheinbar nicht infektiöser Art zu leiden, die wohl zum größtenteil auf die sehr starken Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht zurückgeführt werden mußten. Allerdings war die Unterbringung der Truppen in