Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 44-45 (30.10.1919)
- Date
- 1919-10-30
- Page
- Seite 1389-1390 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1389 VOLK UNO LAND als Brennmaterial und die Früchte werden von den Eingeborenen in ungeheuren Mengen gegessen. Sie schmecken süßlich und angenehm, haben aber zu viele Kerne und wirken verstopfend. Wälder gibt es in Palästina nur im ()stjordanlande, sie bestehen aus einigen Eichenarten, erpressen, Aloekiefern und wilden Johannisbrotbäümen. Die Viehzucht beschränkt sich auf Ziegen, Fettschwanzschafe, eine kleine häßliche Rindviehrassc und Kamele. 1300 Der Mist aller dieser Eiere wird zur Feuerung gebraucht. Vor dem Kriege waren infolge der zunehmenden jüdischen Ein wanden ung und des Gerüchts, daß England Besitz von Palästina ergreifen werde, die Bodenpreise sehr gestiegen; wer konnte, legte sein Geld in Orangengärten an. Der Krieg hat Mesopotamien, Syrien und Palästina zum Teil ruiniert. Hoffen wir das beste für die Zukunft Dieser Länder. ZUR GESUNDHEITSFRAGE IN PALAESTINA Von Dr. Kurt Wiener. Anderthalbjährige ärztliche Tätigkeit in Syrien und Palästina (Galiläa) gaben mir Gelegenheit, manchen Einblick in die gesundheitlichen Verhältnisse des Landes zu tun. Ohne politisches Vorurteil und ohne Anspruch auf Vollständigkeit will ich versuchen, Bemerkenswertes meiner Erfahrungen im folgenden auszuführen. Die Krankheit, die in Palästina den größten Einfluß auf das Wohlbefinden der Bevölkerung ausübt, ist die Malaria. Man geht nicht zu weit, wenn man sagt, daß von dieser Erkrankung, ihrer Ausbreitung oder dem Gelingen ihrer Bekämpfung die Zukunft des Landes abhängig ist. Die Verbreitung der Malaria ist in den einzelnen Landesteilen sehr verschieden. Während eine Reihe von Orten des Gebirges Und der Küste ganz oder nahezu frei sind (Saffed, Haifa, Nazareth und eine Anzahl jüdischer, Kolonien des galiläischen Gebirges), gibt es im Jordantal und in der*Ebene Jesreel viele mehr oder weniger stark verseuchten Orte. Auch Jerusalem ist zu den ungesunden Städten zu zählen. Am schlimmsten betroffen sind die fruchtbaren Körnerbaukolonien am El-Hule-See, Mischmar-ha-Jarden und. Jessod-Hamaala, in denen das Schwarzwasserfieber, die gefährlichste Komplikation der Malaria, viele Todesopfer fordert. In diesen Orten entgeht kein Mensch der Malaria, und keiner wird sie dauernd los; viele Kinder sind schon äußerlich an dem durch die riesig vergrößerte Milz aufgetriebenen Leibe a'.s krank zu erkennen. Die Mailaria tritt im wesentlichen in zwei Formen, als Malaria tropica und als Malaria tertiana auf. Die Malaria quartana ist selten. Die Krankheit äußert sich zunächst in schweren Fieberanfällen, die allerdings nur selten zum Tode führen. Unter dem Einfluß der Chininbehandlung erfolgt in einer Reihe von Fällen Heilung. Die Mehrzahl geht aber trotz ärztlicher Behandlung in ein chronisches Stadium über, das dem Erkrankten manchmal nur wenig Beschwerden macht, ihn aber doch immer wieder, bald in wöchentlichen, bald in monatlichen oder gar in Jahresabständen aufs Krankenlager wirft und oft sehr mitnimmt. Da die Malaria keine ( Immunität hinterläßt, ist der lange im Lande Beländliche, der die Krankheit schon durchgemacht hat, ihr ebenso ausgesetzt wie der Neuangekommene. Die Bedeutung der Malaria für die Wirtj schaft des Landes liegt weniger in der Anzahl | der Todesfälle, sondern mehr in dem enormen Ausj fall an Arbeitskraft, der durch die Fieberattacken { bei der chronischen Erkrankung, durch die herabj gesetzte Arbeitsfähigkeit zwischen den Anfällen, j durch die Gleichgültigkeit und dadurch oft ver-; bundene Unsauberkeit und mangelhafte Ausführung j aller Verrichtungen entsteht. In der Fami Migdal, einem mustergültig verwalteten Unternehmen, fallen jährlich 15 "<> an Arbeitstagen durch Erkrankung an Malaria aus. Diese Kolonie ist aber noch nicht so schlimm dran wie die vorher erwähnten Orte am See El-Hule. Besonders leiden die Kinder unter der Malaria. In den verseuchten Orten gelingt es kaum, ein Kind ohne diese Erkrankung groß zu ziehen. Das erkrankte Kind gedeiht natürlich schlecht und ist anderen Krankheiten leichter ausesetzt als ein gesundes. Das fast immer tödliche chwarzwasserfieber bereitet besonders in den Orten ,am Meromsee manchem jungen Menschen, i der mit unsäglicher Mühe großgezogen worden ist, I ein qualvolles Ende im blühenden Alter. Die Malaria ist eine Blutkrankheit und wird durch ein zu den Urtieren gehöriges Lebewesen, das Plasmodium, hervorgerufen, das nur durch den Stich der Malariamücke Anopheles in den Körper des Menschen gelangt. Die Malaria ist also nur durch die Mücke von Mensch zu Mensch übertragbar, nicht wie andere Infektionskrankheiten durch; die Ausscheidungen, durch die Gebrauchsgegenstände des Kranken oder auf ähnliche Weise. Nur wenn man sich immer klar macht, daß zum Zui standekommen der Malaria erstens an Malaria erkrankte Menschen, die den Ansteckuingsstoff, das | Plasmodium, beherbergen und zweitens die Ma- 1 lariamücken, die allein den Ansteckungsstoff überi tragen können, gehören, wird man Verständnis für die Verbreitung und damit auch für die Bekämpfung t der Malaria haben können. Wie in anderen Malaria-; ländern ist auch in Palästina im Volke noch viel-; fach die Meinung verbreitet, daß die Luft oder das Trinkwasser die Krankheit hervorrufen. Dieser j Meinung, die durch die großen Forscher Laveran, I Grassi und Koch längst endgültig widerlegt ist, i muß im Interesse einer rationellen Bekämpfung entgegengetreten werden. Der Kampf kann nur dann von Erfolg begleitet sein, wenn weiteste Kreise des Volkes über das Wesen der Seuche unterrichtet sind und mit Verständnis daran teilnehmen. Ist nun der Kampf gegen ein so weit verbreitetes Uebel aussichtsreich? Diese Frage kann man nach den reichen Erfahrungen, die aus den Kolonien der modernen Kulturvölker, besonders Englands und Deutschlands, sowie aus anderen Ländern vorliegen, in weitem Umfange bejahen. Die BrionisChen Inseln in der Adria waren bis vor 30 Jahren so stark malariaverseucht, daß sie kaum bewohnbar waren. Durch Robert Koch und den tatkräftigen Unternehmer Kuppelwieser wurden sie zu völlig gesunden Luftkurorten ymgewandelt.