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Volk und Land · 1919-10-30 · Heft 44-45 (30.10.1919) · p. Seite 1387-1388

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 44-45 (30.10.1919)
Date
1919-10-30
Page
Seite 1387-1388 (sequence 10)
Language
German
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1387 VOLK UND LAND 1388 orientalischen Landwirtschaft ohne Rücksicht auf die Eigenart seiner Bewohner ist vorderhand jedenfalls nicht zu denken. Die Hebung der Landwirtschaft durch die eigene Bevölkerung ist das beste. Insbesondere \vird~ Europa nach dem Kriege Abnehmer für Rohstoffe sein, wie Baumwolle aus Smyrna und Adan, Rohseide aus Brussa und Syrien, Orangen aus Jaffa usw. Dschemal Pascha hatte längs der Eisenbahn nach der Sinaihalbinsel Nomadendörfer bauen und den Boden mit Motorpflügen urbar machen lassen. Die Seßhaftmachung | der Beduinen, dieser echten „Wandervögel“, wäre i überhaupt zu erstreben, denn die wandernden | Stämme belästigen den Bauer wie den Verkehr. I Aber die Aufgabe ist schwer zu lösen, denn der! Beduine haßt das Gebundensein, nichts ist ihm j unerträglicher, als die Enge der Häuser. Ich weiß j von Beduinen, die, als sie nach Bagdad kamen, j die Hände über den Kopf hielten, weil sie fürchj teten, die Häuser könnten Umfallen. Aiuch die j Militärfrage bereitet Schwierigkeiten, weil den Be- [ duinen die Trennung von seinem Stamm umöglich j erscheint. Eine eigentliche Viehzucht in unserni; Sinne kennt man nicht, es werden Schafe, Ziegen, Kühe, Kamele, Pferde, Esel und Maultiere gehalten und die jungen Tiere werden sich selbst überlassen, in der letzten Zeit des Krieges wurde viel Zugvieh eingeführt, hauptsächlich aus Ruj mänien und Bulgarien, auch ein wenig aus Nordj deutschland. Was die Bodenerzeugnisse anbetrifft, so machen Natur und Klima dem Bauer das Leben leicht. Alle Arten Gemüse und Obst gedeihen in wunderbarer Fülle und sind in der Saison fabelhaft billig: Bohnen, Erbsen, Kohl, Bamia, Batlinjan (Aubergines), Speisekürbisse, Tomaten, Datteln, Oliven, Aepfel, Birnen, Erdbeeren, Weintrauben, i Pfirsiche, Aprikosen, Pflaumen, Melonen, Feigen, I Orangen usw. Wenn durch bessere Eisenbahnj Verbindungen mehr Absatzgebiete geschaffen wür- | den, hätte das Land in gärtnerischer Beziehung eine große Zukunft. In Mesopotamien hat man seit dreißig Jahren besonders die Dattelpalme j (nachle) angepflanzt. Der Baum erreicht eine Höhe von 50—70 Fuß, unter der Blattkrone hängen an | langen Stielen 6—10 Datteltrauben, von denen jede! ein Paar hundert Datteln im Gesamtgewicht von j 600 Pfund enthält. Erst hellgrün, werden sie zunächst gelb und im reifen Zustand dunkelrot. Die! Dattelpalmen sind getrennten Geschlechts, nur die i weiblichen tragen Früchte, müssen aber zu diesem I Zweck künstlich befruchtet werden, indem der j männliche Blütenkolben auf die weiblichen Blüten i ausgeschüttet wird. Die nach Europa ausgeführten j Früchte werden unreif abgenommen, da sie den j Transport sonst nicht vertragen. Die geringeren j Arten werden für den Verbrauch im Lande mit den Kernen ganz fest in Ziegen- oder Schafhäute | gestampft, wo sie sich zu einer festen Masse verj härten. Es gibt bis zu 70 verschiedene Sorten, j Syrien mit seinem Hinterland, dem Libanon, j wo die Intelligenz des Arabertums ihren Sitz hat, ist in landwirtschaftlicher Beziehung am weitesten | fortgeschritten. Dies ist hauptsächlich auf den j französischen Einfluß zurückzuführen, aber auch j die Rückwanderung ist dabei beteiligt. Uebervölkerung, Armut und Furcht vor dem Militärdienst haben dazu geführt, daß seit vielen Jahren eine starke Auswanderung, hauptsächlich nach Nordamerika und Argentinien stattfindet. Die Leute bleiben aber nicht immer drüben, sondern viele kehren mit ihrem Verdienst zurück, erwerben Land, bewirtschaften dasselbe rationell, bauen Häuser und bringen moderne amerikanische Arbeitsmethoden mit. In Tanail in der Biskaaebene befindet sich eine Ackerbauschule mit einer Musterwritschaft, in Damascus eine Gewerbeschule, Straßenbauten sind überall in Angriff genommen. So feindlich sich Frankreich im eigenen Lande der katholischen Kirche gegenüber verhält, in Syrien und Palästina unterstützt es die Geistlichkeit, Klöster und Missionen nach Kräften, weil es ihm politisch und im Handel Vorteile bringt. Der Boden Syriens ist ungemein fruchtbar. Besonders für den Ackerbau geeignet ist die Bikaa, das herrliche Tal, das zwischen dem Libanon und Antilibanon liegt und der Hauran. Der Hauran, eine große aus Basalt und Lava bestehende Ebene mit vielen toten Eruptionskratern, ist eine Kornkammer für Nordarabien. Auch dem Libanon mit seinen Terrassenanlagen und wasserreichen Tälern wird jährlich ein großer Ertrag abgewonnen. Hier wird hauptsächlich der Maulbeerbaum, der Oelbaum und die Weinrebe angebaut. Die Seidenzucht ist ein Haupterwerbszweig dieser Gegend, die Fabriken zur Gewinnung der Rohseide sind durchwegs in französischen Händen. Der Libanonwein ist berühmt, gut und billig. Aus den Trauben wird vielfach eine Art Syrup (Dibs) bereitet, auch werden Rosinen gewonnen. In Syrien wie in Palästina gibt es zwei Regenzeiten, den „Frühregen“ und ,,Spätregen“ der Bibel; der erstere setzt Lm November, der zweite, schwächere im April ein, die übrigen Monate sind regenlos, doch fällt in den Sommernächten oft starker Tau. Palästina, die Wiege unserer Religion, das gelobte Land, wo früher Milch und Honig floß, ist jetzt ein armes Land geworden und die landwirtschaftlichen Verhältnisse bedürfen auch hier dringend einer Reform. Ein großer Teil der Länder befindet sich in den Händen der Zawat (Vornehmen). Der kleine Bauer litt schwer unter der Zehntensteuer, so daß es häufig vorkam, daß er seine Oelbäume abschlug und das Holz verkaufte, um die Steuer zu umgehen. Ein großer Mißstand besteht darin, daß die Aecker sehr verstreut und in großer Entfernung von den Wohnsitzen liegen. Der Bau vom Straßen, im Verein mit den neuen Bahnen, werden in dieser Hinsicht Besserung schaffen. An der Küste eignet sich Palästina zum Anbau von Apfelsinen und Zitronen. Der Export betrug vor dem Kriege 4 bis 5 Millionen Franken und ging hauptsächlich nach England. Die beste Orange ist die Jaffaorange; sie ist groß, saftig, fein im Geschmack und hat keine Kerne. Sehr bedeutend ist auch die Weinkultur; es sind hier sowohl von deutschen wie von jüdischen Kolonisten großartige Kellereien angelegt. Im Gebirge Juda, der Ebene Saron, der Tiberiasgegend und im Ostjordanland wird Getreide gebaut; in der letzteren Gegend bringt der Weizen 40—50-fältige Frucht und noch mehr. Neuerdings macht der europäische Gemüsebau gute Fortschritte; Port Said mit seinem regen Schiffsverkehr war dafür ein gutes Absatzgebiet und wird es auch wieder werden. Trüffeln kommen in der Wüste bei Gaza wild vor, sind aber schwer vom Sande zu reinigen. Die Kulturen und Grundstücke sind in der Regel von Hecken aus Kaktusfeigen eingefaßt. Diese Hecken nehmen erhebliche Dimensionen an und sind für Tiere und Menschen fast undurchdringlich. Die flachen, fleischigen Blätter der Kaktusfeige dienen als Kamelfutter, in getrocknetem Zustande als Brennnmaterial und die Früchte werden vom den Eingeborenen in ungeheuren Mengen gegessen. Sie schmecken süßlich und angenehm, haben aber zu viele Kerne und wirken verstopfend. Wälder gibt es in Palästina nur im Ostjordanlande, sie bestehen aus einigen Eichenarten, Cypressen,

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