Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 44-45 (30.10.1919)
- Date
- 1919-10-30
- Page
- Seite 1383-1384 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1383 ■■.■=■■■ ■■■:■ TT.. - - T^™-^== VOLK UND LAND --r:- — =^— 1384 ALLGEMEINER UEBERBLICK UEBER DIE LANDWIRTSCHAFT IN MESOPOTAMIEN, SYRIEN UND PALAESTINA Von Dt. med. Lamec Saad - Berlin. Im ganzen ehemaligen türkischen Reiche hatte! die Landwirtschaft, besonders unter der Regierung Abdul-Hamids, völlig darniedergelegen. Er selbst zwar scheint ihren Nutzen sehr wohl erkannt zu j haben, denn zu jener Zeit, als ich nach der Türkei | kam, ließ er auf den Rat seines Ministers Agop! Pascha, eines Armeniers, überall — besonders in j Mesopotamien und um Bagdad hemm — wo guter Boden vorhanden war, das Land auf seinen Namen einschreiben als tschiftlik hamaium oder kaiserliche Domäne. Aber die Bauern lebten in stumpfer Unwissenheit dahin, bedrückt durch ein veraltetes, unzweckmäßiges Steuersystem, der Willkür eigenmächtiger Regierungsbeamten rechtlos preisegeben; in jeder Provinz und jeder größeren tadt herrschten verschiedene Geldwährungen undj Maße, es fehlte an Verkehrsmitteln, an einem für die dortige Gegend unentbehrlichen künstlichem Bewässerungssystem, an öffentlicher Sicherheit und Hygiene, dazu kamen fast alljährlich wiederkehrend Viehseuchen und Heuschreckenplage. Ein Heuschrecken-Vernichtuingsbazillus, den ich während meines Aufenthalts in Palästina aus Afrika zu Verj suchszwecken gebracht hatte und der sich ausgezeichnet bewährte, wurde nicht verwendet. — Und was könnte dabei aus dem schönen Orient mit seinem fruchtbaren Boden und blauen Himmel gemacht werden! Verlegen doch fast alle Religionen das Paradies in den Orient. Auch ist die Türkei reich an Mineralschätzen. Insbesondere findet sich Eisen, Kupfer, Silber, Zink und Blei; ferner Chromeisen, Mangan, Petroleum, Schmirgel, Borazit, Marmor, Meerschaum usw., allerdings nicht in großen Mengen. Bedeutende Steinkohlenlager besitzt die Türkei nur im Revier von Heraklea am Schwarzen Meer. Gold, das im Altertum viel gefunden wurde, kommt heute nur noch in beschränkten Mengen bei Smyrna und in der Nähe der Dardanellen vor. Bei Mosul und Bagdad wurden bisher 200 Petroleumquellen entdeckt, sonst wird es auch in der Nähe von Erzerum, beim Wansee, in Oulk, im Kreise Perdschan und südlich von Sinope gewonnen. Die reichsten Lager befinden sich in Mesopotamien und Syrien, sind aber noch unausgebaut. Die Petroleumindustrie verspricht bei dem wirtschaftlichen Neuaufbau noch eine große Rolle z/u spielen. Reiche Asphaltlager kommen vor am Abhange des Libanon, in verschiedenen Gegenden von Mesopotamien, in Kerkuk, Hit usw. Bisher betätigen sich aber nur fremde Kapitalien im Bergbau. Zwar haben die Türken unter Dschemal Pascha in Syrien und Palästina manches zu ändern und Neues ins Leben zu bringen versucht — aber zu ispät. Man ließ sich die Pflege der Volksbildung angelegen sein. Der Lehrkörper der Landwirtschaft in Halki (Prinzenr'nseln) gab unter der Leitung Ahmed Muktar Beys eine auifklärende Zeitschrift heraus. Anatolische Bauernsöhne wurden zur Ausbildung nach Galizien, Rumänien, Mazedonien und Deutschland gebracht. Leider nur Türken, nicht Araber, was sehr zu empfehlen gewesen wäre. Das gewerbliche Schulwesen wurde ebenfalls ausgebildet. Um der Arbeiternot abzuhelfen, hatte Dschemal Pascha beschlossen, Bataillone aus Frauen zu bilden, die früher an dem Wirtschaftsleben keinen Anteil nahmen. Es sind ferner Versuche mit der Einrichtung von Datrlehnskassen und landwirtschaftlichen Banken gemacht worden (Saraat Bankassi), die j! sich gut bewährt haben, man hoffte dadurch die Wucherplage zu bekämpfen. In der Türkei sind, was man nicht vermutet, Spargelder genug vor- | handen, die aber zum größten Teil unfruchtbar | in alten Truhen oder wie in Gaza (Palästina) unter! Getreidelägern schlummern. Zwei Wirtschaftsj reformen von der größten Tragweite waren geplant, die Einführung eines neuen Zolltarifs und die Vereinheitlichung des Münz- und Maßsystems. Ebenso bedeutende und grundlegende Reformen der Steuerverhältnisse, besonders der Grund- (und Gewerbesteuer standen bevor. Ein neues Gesetz zum Schutze der Staatsforsten war ausgearbeitet, auch eine Verbesserung der gegenwärtigen Bergbaugesetze war beabsichtigt. ln Türkisch-Asien sollte der Anbau von Baumwolle erweitert werden. Ein Zukunftslamd für die Landwirtschaft ist außer der Adanaebene und einigen anderen Teilen Kleinasiens hauptsächlich Mesopotamien. Schon Herodot schrieb: ,,Unseres Wissens ist Babylonien am meisten geeignet zum Getreidebau. Es trägt I immer zweihundertfältige und in recht guten Jahren drei-hundertfältige Frucht. Die Weizen- und Gersteublätter werden dort leicht über einen Finger breit. Und zu welcher Größe die Hirsen- und Sesamstaude wächst, ist mir zwar ebenfalls bekannt, ich will es aber lieber gar nicht erst sagen. Denn ich weiß recht gut, wer nicht in Babylonien gewesen ist, der glaubt schon das nicht, was ich vom Getreide gesagt/4 — Von dieser alten Fruchtbarkeit ist heute leider nichts mehr zu sehen, Mesopotamien kann aber wieder, wie zu den Römerzeiten, eine Kornkammer werden. Heute noch sieht man, da wo Bewässerungsanlagen vorhanden, isind, Gärten von paradiesischer Schönheit, Weizen- und Gersteufelder von erstaunlicher Ueppigkeit und Palmenwälder, aus deren majestätischen Kronen der Weinstock herunterhängt. Nirgends habe ich so köstliche Früchte, Datteln, Melonen, Weintrauben, Feigen usw. gegessen wie in Mesopotamien. Die landwirtschaftlichen Verhältnisse decken sich so ziemlich mit denen vom Syrien und Palästina,! mit wenigen Unterschieden, die durch die Witterungsverhältnisse bedingt sind. Ein Hauptbedürfnis in allen Provinzen ist die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse. Eine Straßen- und Bahnververbindung nach dem Hinterland würde auf die : Produktion fördernd eiinwirken und der Landwirtschaft zum größten Vorteil gereichen. Sehr notwendig ist ferner die Einführung von landwirtschaftlichen Maschinen. Der Handwerker und Bauer arbeitet im Orient noch zu viel mit veralteten und unpraktischen Geräten. Besonders der Bauer vergeudet seine Kräfte, da er alles mit der Hand bearbeitet und nur über die allerprimitivsten Werkzeuge verfügt. Was bisher an Maschinen nach der Türkei kam, blieb meistens an der Küste. Das Dreschen beispielsweise geschieht noch mit dem Dreschschlitten, der meist von zwei Ochsen bewegt wird; gute Dreschmaschinen gibt es nur auf größeren Gütern. Für Mesopotamien iim Besonderen bedarf es der Ausführung einheitlicher Bewässerungsanlagen und der Belebung der Tigrisschiffahrt. Bisher bestand auf dem Tigris nur eine englische Schiffahrtsgesellschaft, die Lynchgeseilschaft, die ihren Sitz in Bagdad hat. Der Bau | einer Bahn von Bagdad nach Khanekin und Kasr-i-