Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 44-45 (30.10.1919)
- Date
- 1919-10-30
- Page
- Seite 1379-1380 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1379 VOLK UND LAND 1380 arbeit. Papp-, Holz- und Metallarbeit, Zeichnen, Chemie, Physik und Methodik. Während irn Som- I mer die Gartenarbeit in den Vordergrund rückt, i wird im Winter vornehmlich in den Werkstätten gearbeitet und Gartenbautheorie getrieben. Die Aus-! bildung ist kostenlos, in besonderen Fällen werden j auch Freistellen mit Wohnung und Verpflegung gej währt. j ln der Kriegszeit ist der Arbeitsplan des Semij nars nach einer Richtung hin erweitert worden. Die j Lehrer, die für die Ausbildung in Betracht kamen, waren zum großen Teil zum Militärdienst eingezogen. und es bestand die Gefahr, das Institut ganz schließen zu müssen. Um das zu umgehen, erklärte man sich zur Aufnahme von jungen Leuten bereit, die, dem Lehrberuf fernstehend, sich zu Gärtnern ausbilden wollen. Sie sollen hauptsächlich im Garten, daneben aber auch in den Werkstätten tätig sein. Eine Lehrzeit von zwei Jahren ist dafür vorgesehen. Die Eleven müssen selbst für ihren Unterhalt sorgen und außerdem ein monatliches Honorar von 25 M. zahlen. Es fanden sich alljährlich eine Reihe von Teilnehmern, und die Einrichtung besteht trotz der Wiederaufnahme des Seminarunterrichts, allerdings von diesem völlig getrennt. bis auf den heutigen Tag fort. Damit sind die Institutionen der Simonschen Stiftung kurz charakterisiert, und es fragt sich jetzt für uns, ob Und wie weit sie unseren besonderen, zionistischen Interessen dienstbar gemacht werden können. Manch einer könnte vielleicht meinen, daß der Stifter bei seinen Wünschen, die jüdische Jugend auf Landwirtschaft und Gartenbau hinzulenken, von zionistischen Gedanken getragen war. Das trifft nicht zu. Simon ging von ganz anderen Voraussetzungen aus. Er glaubte, daß in der beruflichen Unterscheidung der Juden von ihrer Umwelt die Wurzel der Judennot läge. Durch die berufliche Umschichtung hoffte er, die sozialen Gegensätze ausgleichen und die vollständige Gleichberechtigung der Juden herbeiführen zu können. Sein Standpunkt war also ein uns völlig entgegengesetzter. Er war Assimilant im wahrsten Sinne. Und in einem Kapitel des Prospektes der Simonschen Stiftung heißt es ungefähr: „Wir glauben klar genug gesagt zu haben, daß die Tätigkeit unserer Stiftung mit den nationalistischen Bestrebungen der Zionisten nicht verwechselt werden darf.“ Aber sollten wir Zionisten uns deswegen wegwenden und die Wege, die hier geebnet werden, und die bis zu einer gewissen Grenze den unseren entsprechend sipds unbeachtet lassen, bloß weil sie nicht ganz zu unserem Ziele führen? Das wäre gewiß falsch und hieße Kraft verschwenden. Soweit der Weg bereitet ist, wollen wir ihn benutzen; mit dem Ausbau der letzten Strecke werden wir noch genügend zu tun haben. Jedenfalls darf man die Sachlage auch nicht etwa so auffassen, als wenn die Simonsche Stiftung antipalästinensisch wäre. Das ist durchaus nicht der Fall. In dem vorher erwähnten Kapitel des Prospektes heißt es auch: „Immerhin halten wir das Ziel, einen Teil der gedrückten osteuropäischen Juden im Orient seßhaft zu machen, für gut und unterstützungswert. Es erscheint richtiger, die Auswanderung der Juden nach diesen Gebieten sals nach den westlichen Einwanderungszentren zu lenken. Der Einfluß des Heiligen Landes aut die Masse der osteuropäischen Juden ist nicht zu unterschätzen. Aus dieser Ueberzeugung heraus war die Stiftung auch bemüht, zur Steigerung der beruflichen Tüchtigkeit der jüdischen Bevölkerung in Palästina beizutragen. Um den Mangel an jüdischen Handwerkern in Palästina auszugleichen, unterstützte sie die Schulen des Hilfsvereins bei der Einführung von Handfertigkeitsunterricht und entsandte auch Lehrkräfte dahin." In Peine wurden drei Lehrer für diesen Zweck vorbereitet. Der „Bezalel“ in Jerusalem erhielt bei seiner Erweiterung Darlehen von der Stiftung, und zur Hebung des Obst- und Gemüsebaues wurden große Schulgärten in Jaffa und in Pethach Tikwah eingerichtet. Die Haushaltungsschule in Kinereth wurde von der Stiftung ebenfalls unterstützt, und in Steinhorst und Ahlem wurden ländliche Haushaltungslehrerinnen für diese Farm ausgebildet.“ Aus alledem geht deutlich genug hervor, daß wir uns nicht zu scheuen brauchen, die Einrichtungen der Simonschen Stiftung für unsere Arbeit in Anspruch zu nehmen. Schon vor dem Kriege hätten wir das nicht nötig gehabt. Um wieviel weniger jetzt wo die Situation sich so völlig geändert hat, wo Palästina für uns als jüdisches Land zur Wahrheit geworden ist. für uns und auch für £ehr viele andere, die vorher unsere Hoffnungen und unsere Pläne nicht ernst nahmen. In welcher Weise wir nun diese Einrichtungen für uns nutzbar machen können, das ist nicht schwer darzustellen. Wir schicken unsere Jungen und Mädchen heute mit Vorliebe auf Güter, auf Gartenbau- und Haushaltungsschulen, damit sie sich dort für Erez Israel vorbereiten. Anstalten wie Ahlem und Peine sollten dabei nicht übersehen werden, wenn sie auch nicht imstande sind, alle in Betracht Kommenden aufzuinehmen. So viele wie irgend möglich sollten sich gerade dort zusammenfinden, denn es ist ein großer Vorzug, eine große Erleichterung, in jüdischer Umgebung jüdische Werte zu schaffen. Und wenn diese Umgebung noch nicht so jüdisch ist, wie wir sie wünschen sollten, dann wird gerade der einheitliche Wille vieler zu allererst eine Umgestaltung herbeiführen können. Auch das ist eine Aufgabe, die wir Zionisten hier in Deutschland zu erfüllen haben. Ich weiß, und dieser Einwand wird mir auch von verschiedenen Seiten zugerufen werden, daß sich in Peine schon manche Zionistitn versucht hat, und daß sie dann der Schwierigkeiten und der Unannehmlichkeiten so viele gefunden hat, daß sie ihre Lehrzeit kaum beenden konnte. Die Gründe dafür sind mannigfach. Leider herrscht in der Peiner Gartenbauschule — ich spreche jetzt nicht vom Seminar — in der Tat ein etwas antisemitischer Zug. Der dortige Inspektor und Gartenbaulehrer, der, nebenbei gesagt, außerordentlich leistungsfähig ist, ist deutschnationaler Christ und läßt es seine jüdischen Eleven fühlen. Er bevorzugt seine Volksgenossen bei der Aufnahme sowohl wie auch später bei der Arbeit. Es ist bedauerlich genug, daß so etwas in einem jüdischen Institut möglich ist. Aber vorläufig ist aus unseren Reihen wohl noch kein Inspektor hervorgegangen, der einen solchen Posten in gleich mustergültiger Weise versehen könnte. Man verlangt nach ihm auch vom seiten der Leitung, aber er hat bis jetzt noch nicht gefunden werden können. Das wäre die glücklichste Lösung, wenn sich die Angelegenheit nach dieser Seite hin erledigen ließe. Eine vornehmere Wirkungsstätte kann man sich für einen jungen jüdischen Landwirt, djer in Deutschland bleiben muß, kaum denken. Aber so lange das nicht der Fall ist, muß man dem Uebelstand auf andere Weise abzuhelfen versuchen. Deswegen auf eine Musteranstalt wie Peine ganz zu verzichten, wäre töricht. Unsere Gesinnungsgenossen und -genossimnen si,nd außerdem an dem Zustand nicht ganz schuldlos. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber im allgemeinen berechtigt ihr Auftreten beinahe dazu, sie hintanzusetzen oder gar sie bei ihren Meldungen überhaupt nicht zu berücksichtigen. Sie hätten auch schon manchem jüdisoen