Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 44-45 (30.10.1919)
- Date
- 1919-10-30
- Page
- Seite 1377-1378 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1377 VOLK und LAND 1378 Auch dann, wenn die anfängliche Unwahvschein- (ichkeit — wie in unserem Falle — durch das Wunder der einnmiitigen Erklärung aller Mächte beseitigt erscheint? Vielleicht hilft zum besseren Verständnis ein Hinweis auf Dr. Nathan Birnbaum, nach dessen neuer Schrift zur jüdischen Wanderungsfrage wir diesen Aufsatz benannt haben. Birnbaum, der geistige Vater des Zionismus, der bereits vor 28 Jahren das Prinzip der Sammlung dem der Zerstreuung entgegenstellte, hat sich neuerdings — wohl auf Grund des so gewaltig angeschwollenen Auswanderungszwanges, wieder dem Gedanken der Vielheit der Einwanderungsländer zugeneigt. Er aber meint doch hierbei nichtmehr den zionistischen Gesichtspunkt z u vertreten, der ihm aus allerlei Gründen in all diesen Jahren verleidet worden war. Während die führenden Zionisten von heute seinen Palästina-Pessimismus teilen ohne zu merken, daß sie sich vom Zionismus entfernt haben. Birnbaum können wir es verzeihen, daß er die Zustände und Möglichkeiten der Juden und Palästinas im Hinblick auf die großzügige Realisierbarkeit des Zionismus nicht im speziellen studiert hat — die zionistische Leitung aber hat kein Anrecht auf solche Nachsicht. Der Zionismus steht am Scheidewege. Seine Führer wollen es nicht wahr haben. Inzwischen wird die welthistorische Gelegenheit versäumt, die das Wunder des Weltkrieges uns geboten hat. Unkenntnis und Mutlosigkeit regieren in der Entscheidungsstunde, wo alles auf die große glanzvolle Tat hinweist. Wer will helfen, diesen unheilvollen Zustand zu wenden? VORBEREITUNGS - MOEGLICHKEITEN Von Hannah Tho Das Simonsche „Seminar für Gartenbau und Handfertigkeit“ in Peine lud jüdische Lehrer und Lehrerinnen für die Zeit vom 7. Juli bis 4. August dieses Jahres zu einem Ferienkursus ein. Ich nahm daran teil, um mich in den genannten mir bisher fremden Gebieten einmal umzusehen, aber gleichzeitig in der Absicht, einen Einblick zu bekommen in eine Ausbildungsstätte, die mir nach ihrem ganzen Arbeitsplan für unsere zionistische Jugend wertvoll erschien. Meine Erwartungen haben mich nicht getäuscht, und ich möchte an dieser Stelle die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, einer breiteren Oeffentlichkeit mitteilen. Das Simonsche Seminar in Peine ist ein Institut der Simonschen Stiftung in Hannover. Diese Stiftung wurde von dem Bankier Moritz Simon errichtet, und ihr hi,nterließ er im Jahre 1905 ein bedeutendes Vermögen. Sie hat den Zweck, Hand- und Fabrikarbeit, Handfertigkeit, Landwirtschaft, Garten- und Obstbau unter den Israeliten in größerem Umfange zu verbreiten. In dieser Absicht hatte Simon schon 1893 die Anstalt ‘Ahlem ins Leben gerufen. Diese besteht aus einer Volksschule, die als eine Art Arbeitsschule anzusehen ist, d. h. sie vermittelt den von einer Volksschule geforderten Wissensstoff, widmet aber einen Teil der Stunden der Handfertigkeit und dem Gartenbau, in der Absicht, in ihren Schülern die Neigung zum Handwerk und zur Bodenkultur zu erwecken, und so bestimmend auf den späteren Beruf einzuwirken. Um den Zöglingen die weitere Ausbildung in der gewünschten Richtung zu ermöglichen, sind der Anstalt eine Lehrgärtnerei sowie Lehrwerkstätten für Schneider, Schuhmacher, Bäcker amgegliedert. Für die schulentlassenen Mädchen ist außerdem eine Haushaltungsschule eingerichtet. In diese Betriebe werden natürlich auch Jungen und Mädchen aufgenommen, die nicht die Ahlemer Schule besucht haben. Die Anstalt, die jetzt übrigens unabhängig von der Simonschen Stiftung arbeitet, hat in den Kriegsjahren sehr gelitten. Die Häuser dienten zum Teil Lazarettzwecken und sind in ziemlich unwohnlichem Zustande. Die Werkstätten mußten wegen Einziehung der Lehrmeister geschlossen werden. Aber es ist zu hoffen,, daß dort bald wieder geordnete Verhältnisse herrschen werden, und daß man sich bei der Neueinrichtung auch wertvolleren Neueinrichtungen Unserer Zeit nicht verschließen wird, auf dem Gebiete des Unteraschewsky, Berlin. richts sowohl wie auch auf dem des Gemeinschaftslebens in der Anstalt überhaupt. Nachdem sich Ahlem als Versuchsstation für die berufliche Umschichtung der Jüdischen Jugend bewährt hatte, ging Bankier Simon weiter und setzte in seinem Testament fest, daß die Einkünfte seiner Stiftung dazu dienen sollten, um a) israelitische Kinder vom frühesten Alter an in den Volksschulen, in Waisen- und Erziehungsanstalten im Handfertigkeitsunterricht, im Garten- und Obstbau, wenn angängig auch in Landwirtschaft unterweisen zu lassen und b) tätige jüdische Lehrer in praktischen Kursen zum Unterricht in diesen Fächern zu befähigen. Um in diesem Sinne zu arbeiten, eine Zersplitterung der Kräfte und der Geldmittel aber zu verhindern, machte sich das Kuratorium der Stiftung an einige Neugrünöumgen. Um einer größeren Zahl von jungen Leuten die Vorbereitung zur Landwirtschaft möglich zu machen, wurde das Lehrgut Steinhorst eingerichtet. Es erübrigt sich heute, über dieses Institut genauer 'zu berichten, denn leider ist es vor kurzer Zeit mit seinen 400 Morgen Acker-, Garten-, Wiesen- und Weideland, mit seinen gut eingerichteten Wirtschafts- und Wohngebäuden, wohl aus Mangel an Schülern und auch an Lehrkräften. in andere Hände übergegangen und kommt für unsere jüdischen Zwecke kaum noch in Eetracht. Mit mehr Erfolg unterstützte das Kuratorium jüdische Schulverwaltungen und jüdische Lehrer bei der Anlage von Schulgarten und Schulwerkstätten; etwa 90 solcher Anstalten wurden eingerichtet und fanden Beachtung und Anerkennung. Dabei stellte sich aber der Mangel an jüdischen Lehrern heraus, die den einschlägigen Unterricht zu erteilen vermochten. und in dieser Erkenntnis wurde das Seminar in Peine für Gartenbau und Handfertigkeit gegründet und im Jahre 1913 seiner Bestimmung übergeben. Das Lehrgebäude mit seinen Hörsälen. Werkstätten, seinen Gesellschafts- und Gardcroberäumen ist einfach, aber mit Rücksicht auf alle Anforderungen unserer Zeit eingerichtet. Es ist umgeben von etwa 50 Morgen Gartenland, wovon ein Teil besonders als Musterschulgarten angelegt ist. Die Ausbildung der Seminaristen geschieht in Halbjahrs- und Jahreskursen; nach allerneuesten Bekanntmachungen soll sogar schon nach einer vierteljährigen Lehrzeit ein Abschluß erreicht werden können. Unterrichtsfächer sind: Garten-