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Volk und Land · 1919-10-30 · Heft 44-45 (30.10.1919) · p. Seite 1375-1376

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 44-45 (30.10.1919)
Date
1919-10-30
Page
Seite 1375-1376 (sequence 4)
Language
German
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1375 Diese Auffassung halten unsere Offiziellen für übertrieben. Sie behaupten, es könne niemand wissen, wie groß die Auswanderung aus Osteuropa und die Einwanderung nach Palästina sein würde. Auf Grund dieses Nichtwissens klammern sie sich ihrerseits an eine Grenzzahl von 30 000 per Jahr für Palästina. ' Mir aber scheint die auf der anderen Seite zugegebene Unkenntnis eine schwache Grundlage für jenes minimalistische Programm. Daß die Zukunft sich nicht vorausberechnen läßt, ist selbstverständlich; dazu sind die Faktoren zu verschiedenartig. Aber wenn wir irgend einen normalbegabten Zeitgenossen fragen, ob die vor dem Kriege bereits auf 100 000 jährlich (und in einzelnen Jahren bereits auf 200 000) gestiegene jüdische Auswanderungsziffer nach diesem Kriegej und nach der mit ihm verbundenen fünfjährigen Unterbrechung jeder Wanderung kleiner oder aber ob sie größer ausfallen würde, so kann ich mir nicht gut vorstellen, daß die Antwort anders lauten sollte als in der Richtung auf eine gegen früher vervielfachte Auswanderung. Es ist wahr: Auswanderung aus Osteuropa ist nicht identisch mit Einwanderung in Palästina. Vor dem Kriege betrug die palästinensische Einwanderung weniger als ein Zwanzigstel der osteuropäischen Auswanderung. Damals aber war Palästina der Judenheit noch nicht von den Mächten als Einwanderungsland überwiesen worden. Diese Erklärung der Mächte hat auch sicherlich für England und Amerika die Bedeutung gehabt, die Hauptwanderung von den eigenen Gestaden fort und eben nach Palästina zu lenken. Daneben hat der jüdische Auswanderungs d r a n g, der zu jeder Zeit größer war als die Auswanderung selbst, sich nunnmehr (durch den Krieg und auf Grund der Erklärungen der Mächte) auf Palästina eingestellt, derart, daß auch die unwahrscheinlichsten Verbesserungen der jüdischen Lage im Osten die Einwanderung nach Palästina nicht auf die kleine Flamme zurückschrauben werden, die unseren Offiziellen und sonstigen mutlosen Leuten als Hoffnungsfeuerchen leuchtet. Wenn uns auch selbstverständlich präzise Unterlagen für die Zukunft fehlen, so bietet doch nach jeder primitiven Logik der Umfang der bisherigen jüdischen Wanderung den Anhalt für die Voraussicht einer kommenden viel größeren Wanderung, die auf Grund der veränderten VerhäUnisse vorwiegend nach Paläs Da gehen wird. Diese Konzentration der jüdischen Wanderung? auf Palästina entspricht ja auch dem [Grundgedanken des Zionismus. So ist es nicht nur unlogisch sondern auch antizionistisch, wenn unsere Offiziellen „hoffen“, der Hauptteil der Wanderung werde weiter nach den Vereinigten Staaten gehen, oder es würden die Verhältnisse in Osteuropa sich so gestalten, daß die Hauptwanderung innerhalb des bisherigen Rußland sich vollziehen würde. Es istkein Zionismus mehr, sondern sein Gegenteil, wenn man nach der einmütigen Zustimmung aller Mächte „hofft“, es werde aus dem großen jüdischen Palästina nichts werden, oder sich damit begnügt, nur ein schwaches Zehntel der J nach nüchternen Erwägungen zu erwartenden Minj 1376 destauswandeiung nach Palästina gehen zu sehen. Dies hätte der Standpunkt eines kleinen Kolonisationsvereins sein dürfen, der etwa im Gegensatz zum Zionismus eingestandenermaßen Palliativmittel sein wollte, anstatt der großen, einheitlichen, staatsmännischen Lösung, die den Gründern dieser Bewegung vorgeschwebt hatte. Wo sind die schönen Redensarten geblieben wie: ein Land, ein Volk, usvv., wenn im Augenblick der politischen Verwirklichung die Führer von heute sogar an der Möglichkeit zweifeln, auch nur einen Großteil der jüdischen Wanderung in Palästina zu konzentrieren. Dabei ist der Ruppinsche Maßstab von 30 000 tatsächlich noch maximalistisch gegenüber den Auffassungen mancher anderen Parteigrößen, die sich auf dem besten und geradesten Wege zur Null befinden. Es ist die Frage aufgetaucht, ob der Maßstab von 30000 noch Zionismus sei. Er ist es nicht. Wenn wir auch den Maßstab der Auswanderung nicht berechnen können, so müssen wir doch auf eine solche von vielen Hunderttausenden per Jahr gefaßt sein. Ich habe niemals die Auswanderung gefordert oder durch eine Propaganda zui fördern gesucht, sondern war immer der Ansicht, daß wir ohne jedes eigene Zutun — rein auf Grund der Gesamtlage — mehr Leute nach Palästina bekommen werden, als allen denen lieb sein kann, die eine möglichst geordnete Entwicklung unseres Ansiedlungswesens wünschen. Das Problem ist eben auch ein gänzlich anderes. Die Frage ist, wie wir die ohne unser Zutun kommende Einwanderung in geordnete Bahnen lenken können. Darum muß unsere Vorbereitungsarbeit und alle Maßstäbe jeder unserer Aktionen so gefaßt sein, daß sie für einen gro ßen Umfang ausreichen. Kommt dann eine kleinere Einwanderung, was sich ja schnell heraussteüen wird, so ist für diese um so besser gesorgt. Haben wir aber in allzu sicherer Voraussicht kleinerer Entwicklung uns auf einen geringeren Maßstab vorbereitet, so stehen wir vor einer selbstverschuldeten Katastrophe, wenn die Einwanderung doch stärker kommt. Es ist auch absolut grotesk, daß die zionistische Leitung einen so minimalistischen Standpunkt einn mmt, während gleichzeitig die Organisation, auf den Erklärungen der Mächte fußend, eine Propaganda entfaltet, in der sie ungefähr sagt: „W i r sind die maßgebende Körperschaft der Gesamtjudenheit, uns hat der Rat der Mächte Palästina für die Juden gegeben, wir sind im Begriff, die Judenfrage auf dem Boden unseres alten Landes zui lösen, nunmehr gebt uns alle Mittel und alle Energien, deren wir zur Durchführung dieses Werkes bedürfen/' Und gleichzeitig sagen dieselben Herren, wenn sie unter sich oder im stillen Kämmerlein sind: wir haben uns geirrt, der Zionismus ist nicht die Lösung der Judenfrage. Palästina ist nicht imstande, der Judenwanderung eine Konzentration zu bieten. An die Erweiterung des Landprogramms durch seine Ausdehnung auf die Nachbarländer haben wir n i e geglaubt. — Und derlei traurige Bekenntnisse mehr.! Man muß auf dem Wege vom Plan ziur Ver- | wirklichung auf immer kleinere Maßstäbe kommen? VOLK UND LAND

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