Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 42-43 (16.10.1919)
- Date
- 1919-10-16
- Page
- Seite 1363-1364 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649308--0849-2650212- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1363 VOLK UND LAND 1304 nügen müssen. Wir erwarten aber von allen Hilfskomitees selbst, daß sie mit der größten Beschleunigung ihrerseits an die Durchführung der Aufgaben der Hilfskonferenz herangehen werden. Für die Verwirklichung des gewaltigen Unternehmens ist das harmonische Zusammenarbeiten sämtlicher Hilfsorganisationen erforderlich, sowohl derer, die an den Orten des Elends selbst wirken, als derer, welche fern vom Elend gewissermaßen in der Rolle der Unterstützenden sind. Wir brauchen nicht erst zu erklären, daß das Judentum hier als geschlossene Einheit dem Ziele dienen muß. Nur äußerlich erscheint es, als ob ein Teil dem anderen helfen soll. In Wirklichkeit hilft jeder Teil sich selbst, hilft sich eben das jüdische Volk als Ganzes, als Organismus. Da die Zeit drängt, so bitten wir Sie, uns die Antwort Ihrer Organisation so schnell als möglich zukommen zu lassen. Von der Schnelligkeit, mit der die Aufgabe in Angriff genommen wird1^ wird ihre Verwirklichung abhangen. Denn unser ist nur die Initiative, Euer aber ist das Werk und die Verantwortung für das Werk. Vorbereitungen zu einem jüd. Emigrationskongreß Im Zusammenhänge mit der vom Kongreß in Washington gefaßten Bill betr. die Einschränkung der Einwanderung in die Vereinigten Staaten, nahm die jüdische politische Oeffentlichkeit Von neuem das alte Projekt von der Einberufung eines jüdischen Emigrationskongresses auf. Der Kongreß soll, wie verlangt wird, in Paris unter Beteiligung der Vertreter der Juden aller Länder stattfinden. Wie mitgeteilt wird, sollen in den Reisebüros in Amerika bereits 200 000 Juden notiert sein, die Verwandte in Osteuropa haben und bei der ersten Möglichkeit sie nach Amerika zu bringen entschlossen sind. Die Juden in Bulgarien Bulgarien hat der Friedenskonferenz eine Note überreicht, in der es gegen die Minoritätsklausel protestiert. Um die besondere Freundlichkeit der bulgarischen Regierung den Juden gegenüber zu beweisen, überreichte die bulgarische Delegation der Friedenskonferenz eine vonder jüdischen Gemeinde Sofia verfaßte Denkschrift, der wir u. a. folgendes entnehmen: Bei seiner Gründung zählte Bulgarien, Südbulgarien inbegriffen, nur 15 000 Juden. Heute sind es 60 000. Diese Tatsache an sich ist schon sehr beredt, besonders wenn man bedenkt, daß in der gleichen Zeit Serbien und Griechenland keinen Zuwachs ihrer jüdischen Minoritäten zu verzeichnen hatten und Rumänien fast 100 000 jüdische Personen verlor. Die nach Bulgarien eingewanderten Juden sind fast aus allen Ländern Osteuropas gekommen, besonders aus Rußland, Rumänien und Polen, den Ländern der Pogrome. Ueber Rustschuk, Varna und Saloniki sind jährlich Tausende auf der Flucht vor dem russischen und rumänischen Judenhaß nach dem toleranten Bulgarien gekommen. Als 1895 in Rußland Judenverfolgungen ausbrachen, hat Bulgarien allein unter allen Ländern Europas den jüdischen Flüchtlingen seine Tore weit geöffnet. Die meisten dieser Flüchtlinge sind bulgarische Bürger geworden und genießen alle politischen und bürgerlichen Rechte. Während des rumänischen Bauernaufstandes 1904. wurden alle bulgarischen Häfen von jüdischen Flüchtlingen überschwemmt. Anstatt ihnen den Eintritt zu verwehren, wie dies durch andere Länder geschah, hat die Regierung von Sofia an die Präfekten der Donaustädte ein Ziikulartelegramm erlassen, in welchem vorgeschrieben wurde, mit Hilfe der jüdischen Lokalgemeinden alle Maßregeln zu treffen, damit für die ersten Bedürfnisse der Flüchtlinge gesorgt sei und sie in das Innere des Landes zu leiten. Keiner von ihnen hat seitdem das Land wieder verlassen. Der Zutritt zu den öffentlichen Aemtern ist allen Staatsangehörigen ohne Unterschied der Religion geöffnet. Das jüdische Element ist in einigen Ministerien und im Professorat würdig vertreten. Die freien Berufe stehen ebenfalls den jüdischen Akademikern offen. Es gibt in Bulgarien angesehene jüdische Aerzte, Architekten, Ingenieure jisw. Viele Banken und Industrieunternehmungen sind im jüdischen Händen. Prozesse zwischen Juden und Bulgaren sind äußerst selten. Die Juden nehmen in hohem Maße am politischen Leben des Landes teil. Bei den, letzten Abgeordneten-Wahlem befanden sich Juden auf allen Kandidatenlisten. In den Direktionskomitees vieler Parteien sitzen Juden und ihre Stimme ist auch schon in der Kammer erklungen, wo sie bald vertraut sein wird. Niemals hat Bulgarien versucht, die Juden zur Assimilation zu veranlassen. Der Bulgare denkt ganz richtig, daß ein Jude, der seine Nationalität verleugnet, auch kein guter Bulgare sein wird. Die Entwicklung des jüdischen Nationalgefühls unterliegt nicht nur keinerlei Einschränkung, vielmehr hat erst kürzlich ein Kabinettsmitglied vorgeschlagen, alle jüdischen Schulen auf Staatskosten zu unterhalten. In Sofia unterhält die jüdische Gemeinde drei Schulen mit etwa 2000 Schülern und einem Jahresbudget von 230 000 Frcs. Diese Schulen sind wahre Stätten der nationalen jüdischen Kultur. Interessant ist zu konstatieren, daß Herzl in Bulgarien seine ersten Anhänger fand. Die bulgarischen Zionisten gründeten die ersten zionistischen Zeitungen und vom Bulgarien aus gingen die ersten Apostel freier Verheißung nach Konstantinopel, Saloniki, Athen, Serajewo, Belgrad und Kairo. Da Bulgarien selbst die nationale Freiheit schätzt, hat es den Zionismus begriffen und hin erblühen lassen. Mehrere Male haben die politischen Führer Bulgariens sich offen für die Bildung eines jüdischen Staates in Palästina ausgesprochen. Endlich war die bulgarische Regierung eine der ersten, die die zionistische Organisation offiziell anerkannt hat Statistik der Berufe in Jerusalem L. Z. B. Der Jerusalemer Korrespondent von „The Jewish Daily News“ meldet einige interessante Ziffern über die Zahl der verschiedenen jüdischen Handwerker usvv. in dieser Stadt. Nach seinen Informationen sind: 400 Schuster, 150 Steinmetze, 30 Anstreicher, 70 Buchdrucker und Setzer, 40 Buchbinder, 10 Photographen, 160 Schreiber, 30 Barbiere, 25 Kürschner, 200 Schneider, 20 Schlosser, 40 Mechaniker, 50 Kupferschmiede, 60 Milchhändler,, 63 Lastträger, 40 Müller, 40 Kutscher, 200 Zimmerleute, 40 Schmiede, 30 Uhrmacher, 225 Goldarbeiter, 30 Spengler, 50 Bäcker, 90 Weber und Spinner, 20 Glaser Und 300 Kaufleute. Ungefähr 1300 Jungen und Mädchen arbeiten als Lehrlinge in verschiedenen Werkstätten. Im ganzen leben zirka 4000 jüdische Familien Jerusalems von ihrer Arbeit. Arbeit für Ostjuden Der Verband der osteuropäischen Juden Deutschlands ließ einen Aufruf an alle jüdischen Arbeitsgeber in allen Teilen Deutschlands ergehen, um den ostjüdischen Heimlosen, welche die Pogrom-Sintflut speziell aus Polen zur Flucht nach Deutschland zwingt und unter denen sich viele qualifizierte Arbeiter befinden, Beschäftigung und Arbeit zu geben. Der Verband, der in fast allen Städten Deutschlands Organisationen besitzt, will systematisch zwischen den Arbeitsgebern und den osteuropäischen Arbeitsnehmern vermitteln.