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Volk und Land · 1919-10-16 · Heft 42-43 (16.10.1919) · p. Seite 1349-1350

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 42-43 (16.10.1919)
Date
1919-10-16
Page
Seite 1349-1350 (sequence 23)
Language
German
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1349 VOLK UND LAND..— ■ ■ ■ 1350 unterbrochen wird. Von Baumen gibt es nur die Dattelpalme, keinerlei gebrauchsfähige Gesteinart ist vorhanden, und das Klima laßt eine große Sommerhitze mit empfindlicher Kälte im Winter wechseln. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge in Bagdad beträgt 8,5 Zoll. Die Verwüstung Mesopotamiens ist nicht die Folge irgendeines Mysteriums, sondern tausendjähriger Mißbrauch hat sie verschuldet. Zweifellos fanden die ersten Siedler in Mesopotamien den Euphrat und Tigris als gutentwickelte Flußläufe in ihrer Funktion als natürliche Speisekanäle des Landes. Infolge der geringen Niederschläge waren die Siedler auf Bewässerungsanlagen zur Berieselung ihrer Felder angewiesen. Im gleichen Maße, wie die Bevölkerung wuchs, nahm die Bewässerung zu, so daß das Land allmählich mit einem Drainagenetz durchzogen war, das den Flüssen den größeren Teil ihres Wassers entzog. Das Flußbett verlor an Breite, und so lange die Kanäle geöffnet blieben, konnte keinerlei Schaden entstehen. Als jedoch Kriege und Seuchen das Land dezimierten, die Kanäle verschlemmten, weil niemand sie instand hielt, vermochte das vernachlässigte Flußbett die mit jeder Schneeschmelze aus den armenischen Bergen herabströmenden Wassermassen nicht mehr zu halten, und so entstanden gewaltige Sümpfe. Sir W. Willcocks schreibt die Zerstörung der Tigris- Irrigation einer Aenderung des Flußlaufes zu, welche die Hauptwerke der Kanalisation zerstört habe; es bleibt aber die Frage offen^ ob diese Flußableitung ein Werk der mongolischen Horden unter Hulagu gewesen ist oder eine Folge natürlicher Veränderungen. Sir W. Willcocks hat festgestellt, daß niemals ganz Mesopotamien gleichzeitig bewässert war, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Zivilisationszentren wechselten, je nachdem die verschiedenen Irrigations-Systeme in Gebrauch kamen. - Wir wissen, daß es in Aegypten vor der englischen Okkupation überhaupt keine Bewässerung nach wissenschaftlichen Grundsätzen gab, und es liegt kein Grund zur Annahme vor, daß die babylonischen Anlagen vorgeschrittener gewesen seien, als die ägyptischen. Steigerung der Getreideernten Nach Versuchen des Geheimrat P. Wagner an der Landwirtschaftlichen Versuchsstation in Darmstadt geilt durch die üblichen Arten der Aussaat nicht nur unverhältnismäßig viel Saatkorn verloren, sondern die Erträge verringern sich auch in dem Maße, in dem die Getreidepflanzen zu wenig Raum für die Wurzelentwicklung haben. Am unvorteilhaftesten' ist die breitwürfige dichte Aussaat, bei der 90 kg und mehr an Saatmenge auf den Hektar kommen. Schon fünffach bessere Ernten sind bei gleichmäßiger weiter Körnerlage (Reihensaat) zu erzielen. Noch weit größer ist das Ergebnis bei einzelstehenden umgepflanzten Roggenpflamzen, wobei mit einem ungefähren Fünfzehntel am Saat mehr als das Zwölffache der Ernten bei üblichem Betriebe zu erzielen wäre. Die nachstehende kleine Zusammenstellung veranschaulicht die Ergebnisse. Saat und Ernte per Hektar Saat Ernte Verhältn. Breitwürfige Aussaat 90 kg 18,5 dz. 1:20 Gleichmäßige weite Körnerlage 30 „ 90 „ 1:300 Einzelstehend und umgepflanzt 6,4 „ 240 „ 1:3434 Die dritte Methode ergibt also 1717 mal so viel Körner als die erste! Uebrigens macht schon Peter Kropotkin in der ersten Auflage seines Buches „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“*) (1902) auf die Vorteile einer solchen Pflanzweise aufmerksam und erwähnt Versuche aus dem Jahre 1886 von Professor Grand eau, bei denen auf gutem Boden ein einziges Weizenkom 50 und noch mehr Halme und Äehren bringt, allerdings dabei einem Pflanzabstarrd von 30 cm beansprucht. Grantleau meint, daß bei besonderer Behandlung 2000 und selbst 4000 Körner mit Leichtigkeit aus jedem gepflanzten Korn erzielt werden könnten. Nach Garola: Les Cereales (Paris 1892) entfallen bei breitwürfiger Aussaat 500 Körner auf den Quadratmeter, von denen aber nur 148 Pflanzen geben. Demgegenüber wird beim gärtne- ) rischen Pflanzen des Getreides das beste Resultat erzielt, I wenn man 10 bis 16 Pflanzen in Abständen von 25 bis | 30 cm setzt. Während die 500 Körner eine Ernte von 10 000 erwarten lassen, darf man von jenen 10 bis 16 Körnern unter Annahme des 3000-fachen auf etwa 30 000 bis 50 000 Körner rechnen. Wenn main bedenkt, daß der Reis in Japan nicht nur mit der Hand geplanzt, sondern sogar nochmals umgepflanzt wird, so scheint es nicht so ausgeschlossen, daß man auf einem solchen Wege der gartenbaumäßigen Getreidekultur zu — gegenüber den jetzigen — ganz außerordentlich gesteigerten Erträgen und entsprechend verkleinerten Flächen gelangen wird. Vermutlich von Kropotkin angeregt, haben übrigens jüdische Arbeiter in Galiläa mit dem Auspflanzen von Weizen Versuche angestellt, die nach Ruppin (leider ohne nähere Angaben) günstig ausgefallen sein sollen. Aus dieser Notiz gehen einige recht erhebliche Dinge hervor. Die 240 Doppelzentner, die hier von einem Hektar geerntet wurden, brauchen im herkömmlichen Betriebe eine Fläche von 13 Hektar — nach guten jüdischen Durchschnitten in Palästina (aber auch nach dem großen Durchschnitt beispielsweise Frankreichs und Ungarns) sogar zirka 20 Hektar. Es ist also nicht nötig, das teure Land so zu verschwenden: auch bei Getreidebau ist ein gutes Einkommen von einem Hektar zu erzielen. Jene 240 Doppelzentner entsprechen dem Brotbedarf von 120 Menschen oder von 24 Familien zu je fünf Köpfen. Wahrscheinlich ist sogar mittels bester Saatzucht, Saatbeize, Impfung und sonstiger Vorbehandlung sowie künstlicher Beregnung noch mehr zu erzielen. Aber selbst wenn wir bei der Saat um ziirka 60 °/o und bei der Ernte um 20 °o ungünstiger rechnen, kämen wir auf 10 kg Saat und 200 Doppelzentner Ernte oder ein Verhältnis Wie 1:2000! Zweitausendfaoher Ertrag anstelle etwa des Zwanzigfachen . . . eine Verbesserung um das Hundertfache! Die 6,4 kg Aussaat würden bei breitwürfiger Aussaat etwa für ein Fünfzehntel Hektar gereicht und ungefähr 1,2 Doppelzentner ergeben haben — die halbe durchschnittliche Jahresration eines Menschen, anstatt die volle Ration von 120! . Freilich erfordert das gärtnerische Pflanzen des Weizens tüchtige Arbeit, aber warum soll nicht Arbeit, Fleiß und Mühe darauf verwendet worden, ein hundertfaches Resultat zu erzielen und den Bodenbedarf auf ein Zwölftes oder ein Zehntel zu reduzieren. Schließlich liegt ja auch eine große AnbeitsVerschwendung darin, 10 oder mehr Hektar zu begehen und zu bearbeiten, wenn auf einem Zehntel der Fläche das gleiche Resultat zu erreichen ist. Kein Zweifel, daß die intensivere Arbeit wohlan gewandt ist, und daß die bisherige Methode eine Arbeitsverschwendung und Bodenmißbrauch darstellt. Man spricht von den hohen Erträgen des Gartenbaues gegenüber dem wenig lohnenden Getreidebau. *) Kropotkin berichtet dort auch über Getreideflanzen, die aus einem1 einzigen Korn bei Hafer 87, ei Weizen 97 und bei Gerste sogar 110 Halme — letztere mit 5000—6000 Körnern! — entwickelten. Diese Pflanzen wurden dem' Midland Farmers’ Club bei einem Vortrage über „Dünne Aussaat und die Auswahl des Samens" im Jahre 1874 vorgelegt. Von 1876 erwähnt Kropotkin die Vorführung einer Weizenpflanze mit 105 Halmen aus einer Wurzel mit mehr als 8000 Körnern!

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