Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 42-43 (16.10.1919)
- Date
- 1919-10-16
- Page
- Seite 1325-1326 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 1326 1325 Erfahrungen, die man in Rußland mit jüdischen Kolonisierungen gemacht hatte, auch darin zweckmäßiger vorgegangen werden konnte. Auch da fehlten eben an maßgebender Stelle die Leute, die die Geschichte des Ostjudentums kannten. Und das führt wieder auf eine Hauptschwäche der ganzen Behandlung jüdischer Fragen im Rahmen der Verwaltung des okkupierten Ostens: Man hat Politik getrieben, statt zu verwalten, man hat einen ausgesprochenen Politiker mit einer Aufgabe betraut, die richtigerweise als ausschließliche Verwaltungsarbeit jaufzufassen war und die auch ganz besondere Kenntnisse erheischte. Und deshalb liegt die Verantwortung für die Mißerfolge eben auch bei der höheren Stelle, die die culpa in eligendo zu tragen hat. Von einem in einer ganz bestimmten politischen Strömung stehenden, von der Richtigkeit seines Pairteiprogrammes felsenfest üb erzeugten Parlamentarier darf man nicht eine absolut apolitische Verwaltungsarbeit erwarten, und einer ausgeprägten politischen Persönlichkeit der deutschen Fortschrittspartei dürfte man zum Beispiel auch nicht zumute n, dem Zionismus gegenüber eine Stellung einzunehmen, die die Grundanschauungen des liberalen deutschen Judentums geradezu zu verleugnen gezwungen haben würde. Aber freilich von all den Problemen und Zusammenhängen hatte doch keiner der maßgebenden Juden eine Ahnung, als es sich um die Inangriffnahme einer Zivilverwaltung Polens handelte. Wer wußte denn, daß die Stellung zum Zionismus einen Einfluß aut jden Gang der Dinge haben könnte? Und wie viele preußische Verwaltungsbeamte hatten vom1 Zionismus eine andere Vorstellung, als daß es sich da utn eine fanatische Schwärmerei einer kleinen Gruppe von Juden handelte? gewußt hat man 'doch darüber nicht viel mehr, und das mußte sich natürlich rächen. Und insoweit ist eben doch das alte System Mit-Ursache auch dieses Zusammenbruches. Ein j Verwaltungsbeamter oder ein Offizier brauchte nur I an eine Stelle gesetzt zu werden, der gute Wille! konnte vorausgesetzt werden und dann mußte es j eben auch gehen. Tausend und abertausendmal freilich ist es damit genug gewesen, aber eben doch nicht immer. So 'kommt es, daß trotz der nicht gerade günstigen, ,aber doch auch nicht schlechtes Bedingungen, unter denen die deutsche Politik im östlichen Okkupationsgebiet sich einen guten Ruf in der Stellungnahme zu dem Riesenproblem der Judenfrage zu erwerben vermochte, gar nichts positives erreicht wurde. Es ist ja in der Judenpolitik so oft die Gelegenheit versäumt worden, spielend einen Stein im Brett zu gewinnen, der unsere Aussichten in der großen Politik wesentlich zu verbessern vermochte, wir haben diesen Vorsprung, so oft es uur ging, den anderen Nationen überlassen. Dr. Roth faßt die Hauptgründe des Versagens der deutschen Politik in Kongreßpolen in folgenden Fehlern zusammen: 1. Fehlen tüchtiger Sachverständigen, 2. Fehlen eines Waren Programms in der Polenfrage, 3. Unterlassung einer klaren Auseinandersetzung mit Oesterreich, 4. Allgemeiner Zug sich treiben zu lassen, statt zielbewußt vorzugehen. Diese Fehler treffen in der Tat zu, und zwar auch für 'die Judenpolitik, im besonderen. Heute, wo es vor allem gilt, den Mut nicht sinken zu lassen, wollen wir uns hüten, die prinzipiellen, aus volkspsychologischen Eigenheiten stammenden und deshalb nicht überwindbaren Ursachen unserer Mißerfolge, die ich im vorstehenden auch berührt habe, als sehr maßgebend zu bezeichnen. Aber wir müssen jedenfalls lernen das Gefühl im politischen Verhalten und Handeln gegenüber dem Verstand mehr als |das bisher und insbesondere in der Judenfrage geschehen ist, zurücktreten zu lassen. (Neue Jüdische Monatshefte.) ARBEITERKOLONIEN IN PALAESTINA Das Problem von Arbeiterkolonien in Palästina wurde in einer vor kurzem erschienenen Artikelserie im „Hapoel-HazaTr" von A1. L. Joffe ausführlich behandelt, der sich seit fünfzehn Jahren der Verbesserung jüdischer Landarbeit in Palästina widmet und der sich zuvor in den Vereinigten Staaten von Nordamerika praktische Erfahrung angeeignet hat. Wir bringen im folgenden einen Ueberblick über Joffes Ansichten. Wie viele andere, ist auch Joffe der Meinung, daß die Wiederbelebung der jüdischen Nation in Palästina auf ausgebreiteter und intensiver landj wirtschaftlicher Tätigkeit basieren müsse. Der j Geist des verfolgten Volkes kann Ruhe und Seelenj harmonie nur in der Arbeit auf dem' Boden der i Väter finden. Die Probleme jüdischer Kolonisation i haben einen einzigartigen Charakter. In anderen! Ländern kann die landwirtschaftliche Entwicklung j durch Reformen und Verbesserungen bereits hej stehender Verhältnisse herbeigeführt werden, wäh- I rend das Problem der jüdischen Besiedlung Pa- ■ lästinas ein altes Volk wiederbeleben soll, das zwanzig Jahrhunderte lang ein Leben in Städten , geführt hat. Während der letzten vierzig Jahre wurden verschiedene landwirtschaftliche Versuche gemacht, wie Plantagenkolonien in Judäa, Farmen und genossenschaftliche Arbeitsgruppen in Nieder-Galiläa und seit kurzem herrscht die Tendenz in manchen j Kreisen, Arbeitersiedlungen auf Grundlage von j Kleinsiedlungen zu fördern. Zweifellos ist eine Revision der Politik notwendig, da die Experimente der letzten Zeit nicht von unbestrittenem Erfolg gekrönt waren. Das schwierigste Problem, eine kräftige jüdische Landbevölkerung heranzuziehen, muß noch gelöst werden. Jedoch wenn Arbeitersiedlungen nur wegen der Neuerung ins Leben gerufen werden sollen, oder weil das eine billige Ansiedlungsmethode für eine verhältnismäßig große Anzahl von Menschen auf einem ziemlich kleinen Stück Land ist, sollte man das Experiment lieber ganz aufgeben. Man sollte lieber die bereits existierenden Kolonisationsformen fortsetzen, bis man ihre eigentlichen Fehler entdeckt hat. Um die früher begangenen Fehler zu vermeiden, sind die folgenden hauptsächlichsten Bedingungen unerläßlich: 1. Die Nationalisierung des Bodens; 2. Siedlungen von beschränktem Ausmaß für jede .Kolonistenfamilie, die nur für den Bedarf des Haushaltes produzieren; 3. die Siedlungen müssen in gutem Zustand sein, ehe sie den Siedlern übergeben werden; 4. eine Arbeitsmethode muß gewählt werden, die auf der Familie als Einheit basiert. Diese Grundprinzipien wurden bisher nicht anerkannt, wie in den Siedlungen Ruchamah, Karkur, Migdal und selbst in den amerikanischen Farmen (Adinzah). In all diesen Siedlungen ist der Boden Privatbesitz, es wird zumeist Obst gebaut, das für den Export bestimmt ist, und die Besitzer leben anderswo und sind folglich nicht in engem Kontakt