Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 42-43 (16.10.1919)
- Date
- 1919-10-16
- Page
- Seite 1323-1324 (sequence 10)
- Language
- German
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1323 VOLK UND LAND 1324 dem höchst eigenartigen Gemisch von bestimmtem Wollen und unberufenem Dreinreden, von halbem Wissen und drei Viertel Glauben maßgebender Leute» aus dem die deutsche Verwaltung den Kuchen einer dem Deutschtum förderlichen Judenpolitik backen sollte. Ich erinnere mich noch so lebhaft, mit welchen höchsten Worten der Anerkennung, ja Begeisterung für Herrn Dr. Kohn Herr von Mutius mich zu veranlassen suchte, meine ganz anders gerichteten Anschauungen darüber, was in der Jiudenfrage in Polen zu tun sei, von dem geistvollen Ainsbacher Rabbiner revidieren zu lassen. Daß dessen zur Gründung der Agudas Haorthodoxim führende und dieses Assimilationsorgan energisch ausnützende Politik den Wünschen der Polen einigermaßen Zusagen mußte, bestritt ich keinen Augenblick, und ebenso war klar, daß die damit auch in den Gedankengang des Herrn von Muttes himeinpaßte. Fragt sich also: wie stand es mit dessen politischen Ideen? Und war nicht dann die Judenpolitik eben nichts anderes als Polenpolitik? Und wäre nicht eine absolute Neutralität in dem Gegensätze der polnischen und jüdischen politischen Interessen das Richtigere gewesen? Es ist hier nicht der Platz, diese Fragen zu entscheiden. Ich teile das Urteil Dr. Roths über den. schöngeistigen, selten liebenswürdigen und doch durchaus nicht so sehr entgegenkommenden Botschaftsrat. Nicht nur mußte man sich' von ihm menschlich angezogen fühlen, sondern es konnte auch seiner politischen Idee (die Polen durch weitgehendes Entgegenkommen zu gewinnen) eine gewisse Bestechungskraift nicht abgesprodien werden. Aber sie hing freilich, wie er mir selbst zugab, an der stark pazifistisch angehauchten Ueberzeugung, daß der Nationalismus nach dem Kriege eine abgetane Sache sein würde und sie übersah vollständig, daß es niemals gelingen kann, ein Volk, in dem man durch Jahrzehnte den Haß sich zur Flamme schüren läßt, unter Besatzungsf¬ und Blockadeverhältnissen, ein Volk, dessen Land man ausbeuten muß, sich in wenigen Monaten zum Freund zu machen., Diese Freundschafts-Witterung in der diplomatischen Aera von Mutiius — die Gefolgschaft des Herrn von Beseler bestritt zwar immer, daß irgend eine andere Persönlichkeit als dieser selbst die Politik mache, das war aber sehr irrig! — wurde uns zum Verhängnis. Nicht nur in der Polenpolitik, denn die richtige Einschätzung der Polen als Ententefreunde hätte vielleicht doch auch unser Verhalten zu Rußland 1916 noch anders gestalten können. Zum Verhängnis aber natürlich auch in der Ostjudenpolitik, in der es für uns überhaupt nur ein laisser faire, laisser aller gab, das heißt die allerweitestgehende Neutralität. Diese aber freilich auch in der Verwaltung mit strengster Ahndung des gerade in jenen Teilen der Verwaltung überall fühlbaren Antisemitismus, die die stärksten Berührungsflächen zwischen Publikum und Verwaltungsorgan boten. Auch die „Aufopferung der Juden“ in der Mutiusischen Polenpolitik, wie Stein diese Wendung in der Behandlung der Judenfrage richtig kennzeichnet, hätte einen anderen Charakter gehabt, wenn die Judenprobleme eben mit strengster Konsequenz als innerpolitische Angelegenheiten der künftigen Staatswesen behandelt worden wären. Und hier setzt die Darstellung mit ihrem1 wertvollsten Teile ein, indem sie dartut, wie gerade das „jüdische Referat“ über das kulturelle Gebiet, für das es eingesetzt war, hinaus seine Grenzlinien überschreitend, sich „auf die völlig erfolglose Bahn der Versuche begeben hätte, die Masse des polnischen Judentums unter dem Deckmantel der orthodox-religiösen Ideen mit Hilfe kulturfeindlicher, chassidischer Rebbes zu entnationalisieren.“ Damit ist die Politik des Herrn Dr. Kohn richtig gekennzeichnet und das jüdische Referat war ihr Ausführungsorgan. Dieses Referat war auf viel zu' schmaler Basis aufgebaut. Es wäre manches anders gegangen, wenn auch andere und für die Ostjudenfragen dank wirklichem Wissen über das Ostjudentum maßgebende Kräfte in die Verwaltung der jüdischen Angelegenheiten berufen worden wären. Dadurch wäre wenigstens die schroff antizionistische Stimmung des Referenten nicht so unvermittelt wirksam1 geworden. Genützt hat diese für deutsche Verhältnisse begreifliche, im Osten ganz und gar unhaltbare Gesinnung der maßgebenden Persönlichkeit natürlich in keiner Weise. Das jüdische Referat mußte in so vielem endlich doch nachgeben. Insofern hat es gut in den. Rahmen der Gesamtpolitik des Generalgouvernements hinei lgepaßt: Zugeständnisse immer dann, wenn es zu spät war. Und einigermaßen paßt auf vieles auch das Wort eines französischen Sozialisten: on n’a pas su, on n’a pas vouliu, on n’a pas ose. Immer aut Grund mangelhafter Informationen ein halb gewollter, halb durchkreuzter Ablauf, und dann das Retraite-Blasen. Freilich, Herr Dr. Kohn hat auch zu viel gewollt. Das Schicksal der v Verordnung über die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft vom 1. TVovember 1916 Und alle an sie anschließenden innerjüdischen Vorgänge, wie insbesondere die Gemeindewahlen, die bis zumi Ende der Okkupation nicht zustande kamen, sind Beweise für die Erfolglosigkeit, — nein, für die absoluten Mißerfolge des im Geiste des Agudas Haorthodoxim geleiteten jüdischen Referates. Wer darüber näheres erfahren will, der lese in dem Buche selbst die gedrängte Darstellung sozusagen der Leidensgeschichte des jüdischen Referates. Denn gutes, ja bestes Wollen wird man den Männern, insonderheit dem Referenten Dr. Ludwig Haas, niemals absprechen dürfen. Die Grundlage der Fehlerhaftigkeit ist nur in den Vorurteilen zu suchen, von denen die tatsächliche Politik geleitet war. Der Referent und wohl ebenso Dr. Kohn waren erfüllt von der Ueberzeugung, daßi eine soziale Masse, der ein Berufsstand vollständig fehle, wie den Ostjuden der Bauernstand, nicht zu einem eigenen Volksleben gelangen könne. Ich möchte als eine Schwäche ,der Steinischen Darstellung nicht unerwähnt lassen, daß die Motive der Politik des jüdischen Referates nicht genügend zur Geltung kommen. Kennzeichnend ist für diese Motive beispielsweise auch die Idee, die geraume Zeit die Gemüter fesselte, man müsse eine jüdische Legion im Rahmen des türkischen Heeres organisieren und die Rekrutierung dieser Legion sollte vor allem in Polen erfolgen. Mögen dabei natürlich auch der Wunsch und die Hoffnung der Heeresx^rwaltung — sie haben namentlich im1 Herbst 1916 so verhängnisvoll die Entschließungen beeinflußt — mitgewirkt haben, das Menschenmaterial Polens den militärischen Zwecken der Zentralmächte dienstbar zu machen, so spielte in dieser Idee doch auch die Aussicht eine Rolle, auf solchem Wege in die proletarischen jüdischen Massen einen neuen Zug zui bringen, die arbeitslos in den Straßen der großen Städte herumlungernden Wehrfähigen einer Beschäftigung und einer Existenz zuzufühiren. Auch Bestrebungen wie die Aktion Auhagens, jüdische junge Leute zur Arbeit in landwirtschaftlichen Kolonien heranzuziehen, dürfen nicht unerwähnt bleiben. Auch in diesen Richtungen hat sich das jüdische Referat ernstlich bemüht, obgleich nach den wahrlich nicht allzu spärlichen