Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 42-43 (16.10.1919)
- Date
- 1919-10-16
- Page
- Seite 1313-1314 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1313 ■■ ■' ■■■■ ■■■: VOLK UND LAND --- -1314 DIE JUEDISCHE PALAESTINAEINWANDERUNG UND DIE MALARIAPROPHVLAXE Von I. To e p 1 i t z. (Fortsetzung.) Wenn ich am Anfang betonte, daß die Aerzte die Gewalt haben müssen, ihre Anordnungen durchzusetzen, so gilt das nur von toten Objekten. Bei Lebenden tritt an ihre Stelle die Beeinflussung durch Aufklärung. Diese Arbeit muß den wichtigsten Platz in der Malariabekämpfung einnehmen. Der Arzt darf sich nicht scheuen, die Ergebnisse stiller Studien durch auffallende Reklame der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Man ist sich in Palästina über den Ernst einer Malariaerkrankung nicht klar. Es gilt wohl gar erst als das Zeichen für einen richtigen Palästinenser, seine Malaria zu 'haben, und fast müsse man sich schämen, wenn man noch nicht so weit .sei. Da muß in Volkshäusern und unter freiem Himmel in populären Vorträgen in allen gesprochenen Sprachen an Ider Hand anschaulicher, Interesse erregender Bilder den Eingeborenen die Bedeutung der Malaria klar gemacht werden. Es muß ihnen gezeigt werden, wie elend ein Kachaktischer aussieht, und was deren Pflege mit den ausfallenden Airbeitstagen und die Versicherung jedem Einzelnen kostet. Es müssen ihnen die Merkmale der Anopheles und die Mittel, sich vor ihnen zu schützen, gezeigt werden. Endlich muß der Irrtum tropischer Bauern zerstört werden, daß man soviel Wässer als nur irgend möglich geben müsse, um die Pflanzen zu fördern. Schon in der Schule soll die Hygiene speziell der Malaria, zum Gegenstand des Unterrichts gemacht werden, und um das zu ermöglichen, werden zuerst die Lehrer, besonders die arabischen, unterwiesen werden müssen. Auch ist es zu versuchen, die religiösen Faktoren daran ziu interessieren. Sie hätten eine dankenswerte Aufgabe, wenn sie wieder Hygiene mit Moral wie in Koran (und Talmud, verknüpfen würden. Wirkungsvolle Plakate könnten an den öffentlichen Gebäuden angeschlagen werden. Bei den Einwanderern ist schon an den Durchgangsstationen Interesse durch Vorträge zu erwecken; Bilder dafür sind vorzubereiten. Fehlt das Verständnis bei der Bevölkerung, so ist alle Mühe vergebens. Pielstricher teilt mit, daß die rumänischen Bauern die 10 000 Weiden, die im Sumpf gebiet von Madgidia zum Trocknen angepflanzt waren, als Brennholz benutzten. Eine wichtige Rolle in der Aufklärung können die Sanitätsinspektoren spielen, unterstützt von Mädchen, die sich in den Dienst der öffentlichen Hygiene aus ideellen Gründen stellen wollen. Notwendig dazu wäre außer hygienischen tund sprachlichen Kenntnissen der Besitz eines Wesens, das die Herzen zu gewinnen versteht. Auch das Vorbild wird wirksam sein, das durch Einrichten einwandfreier Häuschen von seiten der Industrie und Landwirtschaft gefördert werden kann. Schließlich kann der Kinematograph mitwirken, wenn in geschickter Anordnung idas Bestehende dem Erstrebenswerten entgegengestellt wird. Da es doch weder bei Juden noch bei Arabern an Intelligenz fehlt, muß Verständnis erweckt werden können. Besonders wichtig ist nur, daß, bevor Verordnungen und Erlasse hygienischer Art herausgegeben werden, durch Aufklärung verhindert wird, daß sie als lästiger Zwang oder gar als Schikane polypragmatischer Aerzte angesehen werden, die sich den Schein einer Existenzberechtigung geben wollen. Bei den bisher besprochenen Punkten handelt es sich mehr um die Art der Ausführung, als um ihren Wert. Problematisch ist die Frage der Chininprophylaxe. Der Krieg war in vielen Dingen ein brauchbares Massenexperiment, und Typhus, Cholera- und Tetanusimpfung haben diese Prüfung wohl bestanden. Um so größere Verwunderung rief es hervor, daß trotz befohlener Chininprophylaxe iso viele Soldaten erkrankten. Seyfarth berichtet Von 98 Prozent infizierter Prophyl-aktiker, Roß und Hall protestieren gegen die, den Salonikitruppen nutzlosen Chininparaden, Williams hält den Wert der Chininprophylaxe in der Armee für höchst zweifelhaft und Flebbe hatte bis 97,2 Prozent infizierte Soldaten. Zu einer Zeit, als man anderen Infektionskrankheiten noch hilflos gegenüberstand, hatte man sich gefreut, gegen die Malaria ein Spezificum zu besitzen, ohne jemals Gelegenheit zur Prüfung seiner Wirkungsgrenzen zu haben, wie sie der Krieg bot. Einige Tropenärzte hatten diese Gelegenheit allerdings schon früher gehabt. So sagt Watson in seinem Buche: The prevention of Malaria in the Malay: Selbst wenn Chinin mit einer Vollständigkeit gegeben wird, die praktisch bei der gewöhn,liehen Bevölkerung nicht zu erreichen ist, muß mit einer Infektion eines großen Prozentsatzes gerechnet werden. Aus anderen Gegenden jedoch, speziell aus Algier, Italien und Griechenland wurde der glänzende Erfolg der Prophylaxe gerühmt. Suchen wir einmal, woran dieser Mangel an Wirkung liegen könnte. Vielleicht an der mangelhaften Durchführung der Prophylaxe? Wer nur aus Friedenszeiten den Dienst kennt, könnte meinen, daß bei der deutsch-mijitärischen Ordnung und Disziplin die Durchführung mit dem Befehl schon gesichert sein müßte. Leider war es nicht so. Wer einmal zu irgend einem ärztlichen Zweck, sei es Typhusimpfung oder Gesundheitsbesichtigung in größeren Intervallen alle Leute seiner Information zusammen haben wollte, wird wissen, wie schwierig das für den Arzt war. Der eine war in der Küche, der andere im Stall, der dritte auf Beobachtung. Um wieviel schwieriger mußte da eine tägliche oder viertägige Kontrolle sein. Wenn die militärischen Führer immer die Notwendigkeit strenger Durchführung ärztlicher Maßnahmen eingesehen hätten, hätten sich die Schwierigkeiten überwinden lassen. Da aber der Arzt nie Vorgesetzter eines Offiziers sein durfte, so war er mehr geschätzt als gefürchtet. Wo es daher nicht ganz besonders erwähnt wird, muß man wohl mit einer mangelnden Durchführung rechnen. Daß es bei den Franzosen nicht besser war, zeigt die Mitteilung Sergents, der die Urinchininprüfung in der Sailonikiarmee 1917 in nur 5 Prozent positiv fand, 1918 allerdings in 80 Prozent. Es scheint mir psychologisch verständlich, wenn Menschen, deren Leben und Gesundheit sowieso großen Gefahren ausgesetzt ist, für die Vermeidung einer im Verhältnis zu den anderen so geringen Gefahr keine besondere Energie aufzuwenden vermochte. Außer beim Militär wurde eine kontrollierte Chininprophylaxe noch in Schulen und in Algier durch Sergent versucht. Er kontrollierte 3500 Eingeborene durch 18 Beamte, darunter 7 Frauen. Die Schulprophylaxe verliert an Wert, weil gerade die Malariasaison in die großen Ferien fällt. Eine Chininisiemng durch Beamte läßt sich wohl in einzelnen Betrieben und Bezirken durchführen, für die Masse eines freien Volkes kommt sie nicht in Betracht.