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Volk und Land · 1919-10-02 · Heft 40-41 (2.10.1919) · p. Seite 1305-1306

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 40-41 (2.10.1919)
Date
1919-10-02
Page
Seite 1305-1306 (sequence 33)
Language
German
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1305 ^-VOLK UND LAND - —-^1306 *jiiiniii!iiiiiMiiiiiniiiiiniiiiiiiiiiinniiiiniiiiniiiiiiiiininniiiiiiiiiHiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMtiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!iiiiiiiiiiiiiiiii!i!iiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinniiimig 1| BU ECHERBESPRECHUNGEN —- || =------—--3 ^tlliit lltlllltlll lllltl llllll! III llll 1111111II tll 111 Mil 11IIII11 ll!t IIIIIII lli IIIIIIIIII (I lllil II llill llllil 1(11 lil Itiillltl Illlllll llllll III l> I llll IIIIIIJII 1(1111 IIJ( 1111IIIIIIIJ il I lli IUI III lllllf IIIMM lllllhlMIIJI!l(/l IlilIHt IIJIIIIIllJlll UHU IIHJlf III IIlHJIIIllilill llil!ll IIIIII ill I lllfr Sämtliche in „Volk und Land“ erwähnten und besprochenen Bücher und Druckwerke aller Art erhalten unsere Leser am schnellsten durch die Sortimentsabteilung des „Welt -Verlages“. Berlin NW. 7. Dorotheenstr. 35 Das jüdische Volkslied Das jüdische Volkslied. Ein Merkblatt von Fritz Mordechai Kaufmann, 1919. Schriften des Ausschusses für jüdische Kulturarbeit. Jüdischer Verlag, Berlin. Im Westen erging es dem jüdischen Volkslied wie vielen anderen jüdischen Dingen. Erst wußte man nichts von ihm. Als 'aber ein Hauch ostjüdischen Lebens nach dem Westen drang, da begann -- das Mißverständnis. Ihr habt es Euch leicht gemacht. Lieder wurden abgeschrieben, „verbessert“ und «gesungen. Dies alles war sehr gut gemeint. Ihr glaubtet, zu Eigenem zu kommen und sähet «nicht die verschlossenen Tore dieser fremden aber zärtlichen ostjüdischen Welt. Das war natürlich, entschuldigt aber nicht vor dem Vorwurf der Oberflächlichkeit. Ein wenig mehr Ernst hätte Euch überzeugen «müssen, daß zum Verständnis des Volksliedes — «nicht nur des jüdischen — vor allem das „Wissen Vom Volk“ gehört. Daran lag Euch aber nichts, weil ‘Euch ein Volk gelehrt wurde, welches Ihr erst schaffen «solltet, und nicht das jüdische Volk, das im Osten lebt, Qott dient, sich sehnt und singt; viele traurige Lieder, 'flehende und gottsüchtige, aber auch viele Lieder voll Feiertag, Liebe und Lebensfreude. Und nun steht Ihr ‘da, voller Begehren vielleicht, aber unwissend und findet «den Weg nicht. Fritz Mordechai Kaufmann weist ihn Euch! In der ersten ‘Schrift des Ausschusses für jüdische Kulturarbeit behandelt Kaufmann das jüdische Volkslied. Zart und eindringlich erzählt er von seinen eigenen Erfahrungen. Er deckt die Schwierigkeiten auf, die zu überwinden sind, ehe einer aus dem Westen die Fülle des Herrlichen erreicht, welche das jüdische Volkslied schwellt. Das Gefühlsleben des ostjüdischen Volkes findet im Liede zweifachen Ausdruck. Erstens im Liede ohne Worte (im1 chassidischen Nigen, in der tra,urigbetrachtenden Dumke) und zweitens im eigentlichen „Volksliede“. Kaufmann zieht in dieser Schrift nur das „Volkslied“ in den Kreis seiner Betrachtungen, also die durch den Liedtext zum Sprechen gebrachte Melodie im Zusammenhang mit diesem Texte, dem Träger des musikalischen Ausdruckes. Dabei offenbart sich die Größe und Tiefe dieser Arbeit Kaufmanns, der bis in die kleinste Regung jüdischen Fühlens vordrang und die Verbindungen aufspürte zwischen Denken, Sprechweise, Geste und musikalischem Ausdruck des Ostjuden. Der „kulturelle Hintergrund“, wie Kaufmann dieses Band zwischen Erleben und Ausdruckgeben nennt, wurde von ihm selbst mit Mühen ertastet, so daß er reif wurde, das mitzuteilen, was sogar vom Ostjuden nur gefühlt, nicht aber gesagt werden konnte. In fünf Abteilungen und einem Glossar hat der Verfasser in einer lieben gütigen Sprache alles vorgetragen, was zum wirklichen Verstehen und zur Wiedergabe des jüdischen Volksliedes nötig ist. Alles bisher über dieses schwierige Thema Erschienene wurde berücksichtigt und durch die praktische Erfahrung zum Gebrauch zurechtgemacht. Was Kaufmann über die Einrichtung von Liederabenden und die Begleitung sagt, ist nicht nur für den Westen, sondern erst recht für den Osten beherzigenswert. Denn im Moment, da das Volkslied Vorführungsstück wird und den Rahmen des „Singens für sich“ verläßt, verläßt auch der Osten die hergebrachte Art und glaubt besonders gut zu tun, wenn er sich „europäisch“ gebärdet. Es besteht daher auch für den Osten die Notwendigkeit, eine Schrift zu besitzen, die den kritischen Blick gibt für die lächerliche Anwendung eines falsch verstandenen Europäertums dem jüdischen Volkslied gegenüber. Ich hoffe, daß dieses Bedürfnis Kaufmann veranlassen wird, bald in jüdischer Sprache eine ähnliche Schrift herauszugeben, wobei selbstverständlich die für den Westen so wertvollen „Eigene Erfahrungen“ wegfallen würden. Nach all dem, was im Westen über jüdische Volkslieder geschrieben wurde, wirkt die Schrift Kaufmanns erfrischend. Keine falsche Sentimentalität, nur ehrlich empfundene Größe, kein Spielen mit Worten, sondern tatsächlich Bewußtes sind die Leitmotive dieser Arbeit. Was Kaufmann in dem Abschnitt über den „kulturellen Hintergrund“ sagt, ist das Schönste, was seit Herder über die Schöpfungssphäre des Volksliedes überhaupt geschrieben wunde. Die schöpferische Kraft des Ostjudentums ist in dieser Arbeit so erkannt worden, daß Kaufmann selbst als ihr Produkt erscheint. Gleich dringend zu empfehlen ist diese Schrift der dem Volke zustrebenden Jugend und den geschäftigen Herausgeber-Routiniers; Letzteren vielmehr noch, damit die Jugend nicht aus trüben Quellen schöpfe. Nach dieser Schrift Kaufmanns, die es allen so leicht macht, zum Erleben des jüdischen Volksliedes und zum Verständnis der lebendigen, schöpferischen, jüdischen Kraft zu gelangen, darf es nicht mehr Vorkommen, daß Verelendiuingstheoretiker ihre eigene schöpferische Armut als Volkselend vorführen, schlechtatngebrachtes Virtuosentum wesensfremde dröhnende Klavierbegleitungen zu Volksliedern schreibt, Unwissenheit, Couplets oder üble Sentimentalitäten als Volkslieder ausgibt pnd in eine Sammlung von Jonteff- Liedern auch Tischebow-Lieöer — in Verkennung der geistigen Zusammenhanglosigkeit dieser Liedermilieus — aufgenommen werden*). Von der Bekehrung der Routiniers nicht so sehr überzeugt, weiß ich doch, daß es vielen Westjuden unter der Anleitung Kaufmanns gelingen wird, durch das Volkslied teilhaftig zu werden an dem schlicht heiligen Schatze jüdischer Gläubigkeit, jüdischen Bangens und jüdischer Liebe. Die Schöpfungsgeschichte eines jeden Volksliedes trägt das Motto; Am Anfang war die Melodie. Während sie vom Text abstrahiert werden kann — ihre Schönheit und Ausdrucksfähigkeit hängt nicht vom Liedinhalt ab —, ist der Text des Volksliedes Inie von der Melodie zu trennen. Sie erst in ihrer Einfachheit, die Größe ist, gibt dem Volksliede den Ewigkeitswert. Winckelmann definiert; Worin besteht Schönheit? In der Mannigfaltigkeit des Einfachen. Diese Mannigfaltigkeit lebt in der Volksmelodie. Die Bemerkung Kahans in seiner Vorrede zu der Sammlung „Jüdische Volkslieder“, New York 1912, daß „Volkslieder ohne *) Siehe die im Jüdischen Verlag erschienene Sammlung „Jonteff-Lieder“, herausgegeben von Arno Nadel, wo zwischen Schewuos und Rauschhaschonoh mit einem Male auch Tischebow als neuester Feiertag figuriert. Aber auch (dies ist im jüdischen Leben nicht neu. Amharazim in kleinen galizischen Städtchen haben schon vor zwanzig Jahren und früher, um einen Einband zu sparen, Hagadas und Kinaus (Klagelieder) zusammenheften lassen, was dann jedesmal die edleren Balebatim zum Lachen brachte.

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