Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 40-41 (2.10.1919)
- Date
- 1919-10-02
- Page
- Seite 1293-1294 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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12Q3 =- VOLK UND LANP l :m I )it-ust tliesu' .N\:11111 stellt. Strikte Objektivität ist hier ein Oehot der politischen Klugheit. Aber Neutralität ist noch keine Tatlosigkeit. In erster Linie ist zu erstreben, daß möglichst viele Juden ven den neuen Gesellschaften angestellt und beschäftigt werden. Ein guter Nachrichtendienst, der die nach Palästina Immigrierenden über die wirtschaftliche Möglichkeiten des Unterkommens in diesen Instituten des Handels unterrichtet einerseits, wie eine Vermittlung /.wischen den jüdischen Bewerbern und nichtjüdischen Unternehmungen andererseits tut not. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat seinerzeit eine Handelsschule in Jerusalem unterhalten, die den Zöglingen alle Kenntnisse eines europäischen Kaufmanns wie auch die Kenntnisse von Sprachen, Land und Leuten vermittelt hat. Die Zöglinge dieser Handelsschule konnten aber damals nur schwer ihre Kenntnisse in Palästina selbst verwerten. Der Aufschwung Palästinas macht solche Handelslehranstalten zu einem; Lebensbedürfnis, da in ihnen auch viele junge Leute aus J dem Golus ausgebildet werden könnten, die sich dann j in Palästina oder den benachbarten Ländern niederlassen werden. Die zionistische Organisation hätte aber auch eifrig darüber zu wachen, daß im gegenseitigen Wettbewerb der Nationen nicht die Interessen der jüdischen Bevölkerung oder die der jüdischen Einwanderer verletzt werden. All dies sollte selbstverständlich nicht die Aufmerksamkeit von der Schaffung einer landwirtschaftlichen Grundlage unserer Kolonisation wie auch dem sozialen Aufbau Palästinas ablenken. Aber wer nicht nur mit Utopien spielen will, sondern den Weg, den langen und mühsamen, in seiner ganzen Realität vor sich sieht, wird begreifen, daß wir ums nicht auf irgendein Gebiet beschränken dürfen, sondern daß wir bestrebt sein müssen, das ganze wirtschaftliche Leben Palästinas zu beherrschen und in ihm zu dominieren. Auch das des Handels und Städtelebens. „Wem das flache Land gehört, dem wird morgen auch die Stadt gehören“, ist wohl eine unumstößliche Wahrheit. In Palästina erfährt aber diese Wahrheit eine gewisse Modulation. Hier werden im Kulturleben und und politischen Leben die Städte noch lange die dominierende Rolle spielen, da das flache Land noch viel zu arm und unwissend ist. Von den Städten aus wird eine gewisse Kolonisation des flachen Landes au-gehen. Wie auch der Aufschwung der Orangenkultur in der Umgebung Jaffaden Geldeffendis Jaffas /u wrtlanken ist. Uns i-t in Palästina um des morgigen lägewillen der heutige nicht minder wichtig. Vielleicht wird uns die städtische Bevölkerung Palästinas das beste Kolonisteumaterial in der zweiten Generation abgeben. Noch eines lehren uns die ehen gebrachten Nachrichten. An ein Abschließen Palästinas und einen rein sozialistischen Aufbau unserer städtischen Kolonisation ist schon deswegen nicht zu denken, weil wir uns dann all die Möchte, in deren Interesse eine freie Konkurrenz in Palästina und Syrien liegt, zu Feinden machen würden. Einer solchen Gegnerschaft sind wir nicht gewachsen. Eine Aenderuiig der Lage würde auch dann nicht eintreten, wenn wir eine sozialistisch aufgebaute Gesellschaft in den meisten Ländern Europas bekommen werden. Denn die innere Umgestaltung des Klassenverhältnisses in den Industrieländern vermag nichts an der Tatsache zu ändern, daß der Export und ergo der Absatzmarkt die Grundlage ihrer Existenz bleiben muß. Der Kampf um den Absatz wird in seinen Grundzügen unverändert bleiben und mit ihm das Interesse an einer möglichst freien Konkurrenz in den Absatzmärkten. Um so mehr müssen wir unser Augenmerk auf das Mögliche und Erreichbare richten, um einem Teile der Schäden der städtischen Entwicklung auszuschließen: nämlich auf eine energische bodenreformische Betätigung der jüdischen Gemeinden Palästinas. Wie auch die Notwendigkeit, dem J. N.-F. möglichst große Mittel zur Verfügung zu stellen zwecks Bodenerwerbs, da die Bodenerwerbsmöglichkeiten infolge des kommenden wirtschaftlichen Aufschwungs sich in der Zukunft immer schwieriger gestalten werden, immer deutlicher und handgreiflicher wird. Es ist manch Hartes in den Schlüssen enthalten, die wir aus der Betrachtung des um Palästina und Syrien entstehenden Wirtschaftskampfes zogen. Es ist aber besser, die Realität in ihrer Wahrheit zu erkennen, um sie zu meistern und auf dem Wege, der über manche Vorstaaten führt, dem Endziele zuzustreben. D r. Nathan b e n Nathan, Jerusalem, zurzeit Berlin. I AUS POLITIK, WIRTSCHAFT UND PALAESTINA ARBEIT JE_____ ... imiiiiiiiiiiililMiillliliiiiiimiti POLITISCHES An die Menschlichkeit! ^Im Namen des menschlichen Gewissens, im Namen der moralischen Verantwortlichkeit jedes Menschen gegenüber seinen Nebenmenschen rufen die Unterzeichneten alle Völker der Welt, insbesondere aber das franj zösische Volk an. I Ein Schrei des Schreckens und tödlichen Schmerzes! dringt aus Osteuropa zu uns, aus der Ukraine, aus Polen, aus dem besetzten Litauen, aus Galizien: ein ganzes Volk ruft verzweifelt um Hilfe. Die Juden, welche seit Jahrhunderten in Osteuropa leben, sind unschuldige und beklagenswerte Opfer all der nationalen, politischen und sozialen Kämpfe geworden. Der ehrgeizige Wetteifer der Völker, Regierungen und Parteien, der ganze blutdürstige Wahnsinn des Bürgerkrieges wütet heute gegen die unglückselige Minderheit der Juden mit verbrecherischer Grausamkeit. Die Pogrome des Zarismus, die Massakers von Kischinewsogar werden von den jetzt geschehenen Bestialitäten übertroffen.“ (Es folgt eine Aufzählung der Pogrome in Beßurabicn. Ostgalizien, Lemberg, Pinsk, Lida, Wilna, in der Ukraine.) „Millionen Männer, Frauen und Kinder sind in namenlose Verzweiflung gestürzt und wehrlos dem Tode und der Entehrung preisgegeben. Was der Krieg von der bescheidenen Habe der Juden verschont hatte, wird jetzt systematisch geplündert und vernichtet. Ein ganzes Volk ist in seiner Existenz bedroht, mitten im zivilisierten Europa und unter der Morgenröte der neuen Aera, von der die Welt ihren neuen Rechts- und Freiheitsbrief erwartet. Solche Verbrechen entehren nicht nur die Völker, die sie begehen, sie sprechen der menschlichen Vernunft, dem menschlichen Gewissen Hohn. Die Unterzeichneten rufen alle Völker der Welt an und bitten sie, ihre Stimme gegen die unerhörten Verbrechen zu erheben, denen ein Volk im Angesicht des i Himmels zum Opfer fällt.