Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 40-41 (2.10.1919)
- Date
- 1919-10-02
- Page
- Seite 1289-1290 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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1289 VOLK UND LAND Jacobsons und hat ihn von Anfang an /um kreunde alles Jungen und Vorwärtsstrebenden in der zionistischen Bewegung gemacht, daß er begriff und immer wieder verlangte, daß die zionistische Bewegung gestützt sein müsse auf die geistigen Strömungen im Judentum. Er machte sich frei von dem Glauben an die Wunderj kraft der äußeren Organisation. Es war ihm Klar, | daß diese Organisation, deren Nutzen keiner so predigen kann wie er, ein leeres Gehäuse ist, wenn sie nicht erfüllt ist von dem Geiste, der das Judentum lebendig macht. Das, was uns an äußerer Kraft abgeht, muß durch die Verknüpftheit mit dem wahrhaft Lebendigen im jüdischen Volke ersetzt werden und kann uns leicht die äußeren Machtmittel entbehrlich machen. In einer Zeit, in der die zionistische Tätigkeit in einer fast zur Mechanisierung herabgesunkenen Anbetung des Organisatorischen sieh erschöpfte, hat Dr. Jacobson die zionistische Politik auf den Geist des Judentums eingestellt. Und es hat sich gezeigt, daß er damit recht hatte. Als Wolffsohn gezwungen war, der Leitung der Zionistischen Organisation zu entsagen, trat Dr. Jacobson in die neue Leitung ein und war von Anfang an ihr politischer spiritus rector. Es war immer seine Hauptsorge, die Organisation in Kontakt mit der Bewegung zu halten, darauf zu achten, daß die geistigen Quellen nicht verschüttet wurden, deren Ströme die Organisation vor Erstarrung bewahren. Aber er hat es verstanden, auch die radikalsten Elemente von der Bedeutung des Organischen zu überzeugen, er war und ist wahrhaft vorbildlich in der Art, wie er es versteht, kühnsten Inhalt in strengste Form' zu pressen. Das eben ist Politik einer revolutionären Bewegung, wie der zionistischen. Dr. Jacobson scheut vor keiner noch so radikalen Forderung zurück. Ihm ist der Zionismus die wahrhaft große Bewegung, die Ungeheures erreichen will und die darum nur unter ganz großen Gesichtspunkten betrachtet werden und nur mit ganz großen Mitteln arbeiten darf. Aber er vergißt nie die realen Ausgangspunkte jeder Forderung, verliert sich1 niemals in eine Utopie und ist doch auch ständig befruchtet von dem, was allein einen Politiker zum Bildner macht, — von der Phantasie. D<r. Jacobson ist der erste Politiker großen Stils in der zionistischen Bewegung, und es spricht nur für seine strenge Sachlichkeit und seine ausschließlich auf Wirkung gerichtete Methode, daß er der großen Masse eigentlich unbekannt ist, der er sich doch so sehr verbunden fühlt, »deren Forderungen gerade bei ihm am ehesten ein Echofinden. Dr. Victor Jacobson feiert in diesen Tagen seinen fünfzigsten Geburtstag. Der Zionismus, der ihm Außerordentliches verdankt, .wird gut tun, darauf zu achten, daß ihm die große politische Kraft eines Dr. Victor Jacobson noch lange erhalten bleiben möge. Julius Berger. WIRTSCHAFTLICHES Palästina - Wirtschafts - Rundschau Eine der wichtigsten Folgen des Weltkrieges ist die wirtschaftliche Aufrüttelung des nahen Orients. Die Völker und Stämme Syriens, Mesopotamiens, Palästinas und der angrenzenden Gebiete sind alle bis zu einem! gewissen Grade Kriegsgewinnler. Den strategischen Notwendigkeiten folgend, durchzogen die im Orient kämpfenden Armeen dies Land mit einem zahlreichen Netz von guten Chausseen jind Eisenbahnlinien. Neue Eisenbahnverbindungen verwirklichten, was früher nur der kühnste Träumer für das Jahr 1919 in Palästina erträumt hatte: Eine fast direkte Verbindung zwischen London und Jerusalem ist bald eine Tatsache geworden. Die Kapital- und Kaufkraft der Einwohner ist sehr gestiegen. Denn haben die Gegner Englands den Eng- 1290 ländern schon immer vorgeworfen, sie fuhren den Kampf um den Orient mit „goldenen Waffen“, nämlich mit dem leicht rollendem englischen Pfund, so haben auch die Gegner .Englands ihrerseits diese Waffe im Kriege zu gebrauchen gelernt, wenn auch minder geschickt, aber nicht minder ausgiebig. Und da die Söhne der Wüste und des unkultivierten Ostens für das Kulturgut des Papiergeldes pur wenig Verständnis zeigten, so wurde jede wirtschaftliche oder kriegerische Leistung der Einwohner bnchstäbli:h mit Gold aufgewogen. Die Gold- und Silberanhäufung ist im selben Maße bei den landwirtschaftlichen Schichten der Bevölkerung wie fcei den kriegerischen Stämmen der Wüste zu finden. Die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Aufschwunges ist für den Orient um so mehr gegeben, als die alten Produktionszentren in Europa in ihrer Leistungsfähigkeit infolge des Krieges stark zurückgegangen, uns, was landwirtschaftliche Erzeugnisse .wie auch ihre Nebenprodukte angeht, stark auf Amerika angewiesen sind. In Amerika, vor allem in Südamerika, hielt die landwirtschaftliche Produktion nicht mehr Schritt mit der Ausfuhr. So übertraf die Ausfuhr des gefrorenen und konservierten Fleisches aus Südamerika bei weitem die Fortpflanzung- und Vermehrungsmögliehkeiten der dortigen Viehherden. Es wird also Raubwirtschaft getrieben, die, wenn sie nicht von dauerndem Schaden sein soll, bald aufhören muß. Neue Produktionszentren haben also die besten Aussichten auf Absatz. Und wenu die Bevölkerung der vorderasiatischen Gebiete nicht selbst die wirtschaftliche Intelligenz und Unternehmungskraft wird aufbringen können, so hindert dies den wirtschaftlichen Aufschwung des vorderen Orients nur wenig, da das expansive Abendland gerne bereit ist, die Rolle des Unternehmers und Organisators zu .übernehmen. So sehen .wir denn, daß trotzdem» der vordere Orient und -vor allem' Palästina, welche im Mittelpunkte unserer wirtschaftlichen Rundschau stehen sich noch unter der Verwaltung der Okkupationsarmee befindet, die das Land möglichst in unverändertem Zustande zu erhalten bestrebt ist, sich in allen europäischen Ländern Kräfte regen und am Werk sind, um wirtschaftliche Organisationen zu schaffen, die, stark ausgerüstet, bereit sind, im ersten günstigen Augenblick in das Wirtschaftsleben Syriens und Palästinas einzugreifen, den Markt zu erobern und die sich bietenden wirtschaftlichen Möglichkeiten auszumutzen. Wobei ein erbitterter wirtschaftlicher Kampf zwischen den bis jetzt Verbundenen im Entstehen ist. Für das Gesagte einige Belege. Am 18. Februar 1919 gestattete das Board of Trade die Wiederaufnahme des Handelsverkehrs mit der Türkei, umd zwar der europäischen Türkei sowohl wie Kleinasien, Armenien, Kurdistan, Mesopotamien und Syrien. („The Financial Times" London vom IS. Februar 1919.) Aber schon ein paar Tage früher beeilte sich der italienische Handelsminister an die Handelskammern des Königsreichs folgendes telegraphisches Rundschreiben auch zu richten: „Hiermit benachrichtige ich Sie, daß vom 15. d. Mts. ab der Handelsverkehr mit der Türkei .... wieder auf genommen werden darf. Interessenten, die Waren dorthin senden wollen, haben sich bis auf weiteres an das Handelsministerium zu wenden ... (II Sole, Mailand vom 16. Februar 1919.) Einen Einblick in die seitdem in den verschiedenen Ländern begonnene Agitation, die zum Zwecke hat, die Aufmerksamkeit der Untemehmerkreise auf Syrien zu lenken, gibt ums der folgende Abschnitt eines Aufsatzes in „The Near East", der sich mit der Türkei als Absatzmarkt beschäftigt. „In Anbetracht der Mannigfaltigkeit der Einfuhr, die sich von Oeldrucken bis auf hochfeine Porzellane und geschliffenes Glas, von Pflügen und Traktoren bis auf Filzhüte, und von Polstermöbeln bis auf Luxuslederwaren erstreckt, muß man dem Markt unbedingt eine große Bedeutung beimessen. Nach all diesen