Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 40-41 (2.10.1919)
- Date
- 1919-10-02
- Page
- Seite 1281-1282 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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1281 VOLK UND LAND 1282 heute bstehenden Kulturoasen im Lande geschaffen hat, das hieße wahrlich sinnlos handeln. Eine Frage, so einheitlicher Natur wve die des jüdischen Volkes, kann nur durch Maßnahmen gelöst werden, die dieser Einheitlichkeit Rechnung tragen. Lord Robert Ce eil mit der ihm eigentümlichen Einsicht hat gesagt, die englische Lösung müsse ein Beispiel aufbauender Politik sein. Solche schöpferische Politik an die Stelle der früheren zerstörenden zu setzen, ist in der Tat der letzte Sinn des Völkerbundes. Auch die „Times“ hat den moralischen Anspruch efer Juden auf Palästina, dem der eingeborenen Fellachen vorangestellt, vorausgesetzt, daß die Freiheiten dieser Ackerbauer gewährleistet werden. Solcher Gewährleistung der Freiheit der Fellachen bedarf es nicht erst, denn es ist ganz undenkbar, daß ein jüdischer Staat, eingedenk dessen, was er den Mächten und seinem! eigenen Ideal schuldig ist, sich etwa so aufführen könnte, wie etwa das neue Polen. Unter jüdischem Regiment dürfen alle Teile der Bevölkerung einer angemessenen Behandlung sicher sein („rnight rest assured to‘ fair treatment“). Hingegen wären von arabischer Seite Unruhen zu erwarten, wenn sie in Palästina in den Sattel gelangten; drohten sie doch bereits, das Land für jede jüdische Einwanderung zu sperren. Bedarf es noch eines besseren Beweises, daß das von England gegebene Pfand nie hätte eingelöst werden können, wenn man in Palästina den ausgetretenen Weg der westlichen Politik gegangen wäre? Die armen Fellachen können mit einem jüdischen Land so zufrieden sein wie mit einem türkischen, — nein! sie würden sich in ihm weit wohler befinden. Wer den „machtvollen Lokalpatriotismus“ entwickelte, das waren ihre im Ausland wohnenden Landlords. Die Opposition gegen die Juden kann nicht von den Moslemin, sondern von den christianisierten Arabern, die durch römisch-katholische Konspiration aufgestachelt wurden. Es lag die Gefahr nahe, daß die britische Regierung, durch diese Intrigen beunruhigt, ihr Versprechen zwar einlösen würde, aber nur in den engsten Grenzen dessen, was sie anständigerweise in jedem Fall hätte gewähren müssen. Und er (Zangwill) müsse zu seinem Bedauern sagen, daß die zionistischen Führer, statt ihren Vorteil zu wahren, geradezu den arabischen Agitatoren in die Hände spielten; sie hätten ihren Standpunkt der Friedenskonferenz nicht ganz mit dem genügenden Nachdruck klar gemacht. Balfours Deklaration Dr. Weizmanin hat nicht den jüdischen Staat verlangt. Man hat das als Takt ausgelegt, in Wirklichkeit war es nur Zagheit. Zangwill wisse nicht, was „Nationale Heimstätte für die Juden“ anderes bedeuten könne, wenn nicht den jüdischen Staat. Der nie vergessene Wunsch der Pessachnacht sei nicht nur gewesen: „Künftiges Jahr in Jerusalem“, sondern daneben stehe: „Nächstes Jahr Söhne der Freiheit.“ Das sei aber keine Freiheit, wenn man nur eine Minderheit im „Palestine Council“ darstelle, der, wenn er recht verstanden habe, im heiligen Land etabliert werden solle. Dr. Weizmanin habe gesagt, daß, wenn man einen jüdischen Staat verlangt hätte, man ihn doch nicht bekommen hätte. Nun, er könne ,aus hundert Zeitungen beweisen, daß gerade das es sei, von dem1 alle Welt geglaubt habe, daß es der Sinn dler Deklaration Balfours sei. Mr. Balfour sei kein junger Staatsmann, der keine Verantwortung trage. Man könne wohl dem Worte „Nationale Heimstätte“ irgendeine sophistische Deutung unterlegen, aber der Sinn eines Ausdrucks werde doch bestimmt durch die Situation, als deren Folge er geprägt wurde, ln welchem Augenblick ist dieses Wort aber von Balfour gesprochen worden? Zur selben Zeit, als die Befreiung und Wiedererrichtung der geknechteten Nationen der Gedanke war, der die politische Atmosphäre erfüllte. Was den Juden zustehe, könne unmöglich weniger sein, als was den Tschechoslowakei! und Jugoslawen zugebilligt wurde. Es sei ungeheuerlich zu denken, daß, selbst wenn die Juden nach Palästina kommen, sie dort weniger Freiheit haben -sollen, als die Schwarzen in ihrer Republik Liberia. Nicht weniger ungeheuerlich aber sei Weizmanns Erklärung, daß, selbst wenn man den jüdischen Staat erlangen würde, die Juden nicht in der Lage wären, ihn aufzuba.uen. Das grade sei es ja, was die Antizionisten seit Jahr und Tag behauptet hätten, und gegen was sich der Zionismus mit alter Kraft gewehrt habe, Und nun, im Angesicht des Sieges, getraue man sich nicht, die Hände danach auszustrecken. Es sei wahr, die .gegenwärtige Leitung könne keinen Staat machen. Aber sie sei auch nur eine Behörde des Uebergangs. Juden als Staatsmänner Den Juden die Verantwortung für einen eigenen Staat übergeben, hieße Kräfte in ihnen wecken und Opfer von ihnen verlangen, von denen man heute keine Ahnung habe. Wer wußte vor dem Kriege, daß unter den Juden von England vier Anwärter auf das Viktoria- Kreuz lebten, daß aus der kleinen Judenschaft Australiens ein Sir J o h n Monash, einer der größten Feldherrn des Krieges hervorgehen würde. Zwar besaß England bereits einen jüdischen Regenten Indiens in der Person von Mr. Montagu, wer hätte aber die Menge jüdischer Regierungsleiter und Minister voraussehen kömnen, die plötzlich in all dien 15 neuen Republiken Europas erstanden sind, und die, was für Irrtümer sie auch begingen, doch wenigstens gezeigt haben, was für starke Kraftquellen noch im jüdischen Volkfe zu finden waren. — War nicht Dr. Weizmann selber eine Offenbarung? Max Nordau hat einst gesagt, Dr. Herz/ sei ein großer Geiger ohne Geige. Gebt dem jüdischen Volke die Gelegenheit, etwas zu leisten, und wer will die Grenze seiner Taten voraussehen? Er glaube nicht daran, daß die Schwierigkeiten, die sich einem jüdischen Staate entgegenstellen, unüberwindlich seien. Ein jüdischer Staat war es, was die Massen gemeint haben, und es sei unmöglich, daß Mr. Balfour, als er ihn versprach, mit ihren heiligsten Gefühlen ein frivoles Spiel getrieben habe. Er, der große Minister des Aeußeren, könne die Schwierigkeiten nicht übersehen haben — die Araber, die katholischen Intrigen, die heiligen Stätten und so weiter. Und deshalb waren sie berechtigt zu glauben, daß, als er seine berühmte Erklärung abgab, er wohl wußte, wie diese Schwierigkeiten zu überwinden seien. Nur 90 konnte darin für das jüdische Volk eine Entschädigung gesehen werden für seine Leiden ohnegleichen im Kriege. Selbst die armenischen Pogrome hätten mehr oder weniger mit Beendigung des Krieges aufgehört, aber die Pogrome in Polen und noch mehr in der Ukraine dauern noch an. Gerade dieser furchtbare Zustand der Juden Mitteleuropas sei es aber, der sie ihre Gedanken .mehr und mehr auf ein eignenes Land richten lasse. Nimmt man ihnen diese Hoffnung, so wird sich ihnen das Leben in tiefster Finsternis zeigen. Denn die früheren Möglichkeiten der Emigration sind ihnen nicht geblieben. Alle Nationen schließen den Juden ihre Pforten. Wohin sollen sie gehen? Was soll aus ihnen werden? Sogar die neugeschaffenen oder wieder errichteten Staaten bekämpfen halsstarrig das einzige idealistische Ziel der Friedenskonferenz, den Schutz . der nationalen Minderheiten. Sie erklären, daß diese Forderung eine Beleidigung ihrer Volkssouveränität darstelle. Selbst wenn sie gezwungen würden, einen solchen Paragraphen zu unterzeichnen, so würde ihr Wort doch nur auf denn Papier stehen. Außerdem bereite sich in allen Ländern ein großer Ausbruch antisemitischer Leidenschaft vor. In der Errichtung eines jüdischen Staates auf großzügiger Grundlage und mit einer gewissen Ausdehnungsmöglichkeit ist die einzige politische Lösung dieses Problems gegeben.