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Volk und Land · 1919-10-02 · Heft 40-41 (2.10.1919) · p. Seite 1271-1272

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 40-41 (2.10.1919)
Date
1919-10-02
Page
Seite 1271-1272 (sequence 16)
Language
German
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1271 VOLK und LAND 1272 Wenn nun keine energischen Maßnahmen eingeleitet werden, so ist mit absoluter Sicherheit vorauszusagen, daß fast alle Einwanderer in Palästina im Anfang der Sommermonate an Malaria erkranken. Gerade der Krieg hat gezeigt, wie fördernd auf das Ausbrechen der Malaria äußere Einflüsse mitwirken, die auch bei einer solchen Einwanderung unausbleiblich sind, wie Orts- und Klimawechsel und körperliche Anstrengungen. Wenn man bedenkt, daß viele der Einwanderer erst an körperliche Anstrengungen gewöhnt werden sollen, so fällt das erschwerend ins Gewicht neben dem Umstand der notwendigen Akklimatisierung und der erneuten Ansammlung von Massen an bisher weniger dicht bevölkerten Gegenden. Was bedeutet nun diese Gefahr für den Einwanderer? Es ist nicht nur der jedesmalige Anfall, der Kraft und Arbeitsfähigkeit raubt. Im Laufe einer ungenügend behandelten Malaria kann es zu Anämie und allgemeiner Kachexie kommen, durch die bei Kindern die Entwicklung verkümmert bleibt, bei Erwachsenen Nerven- und Sexualsystem, geistige und körperliche Leistungsfähigkeit schwer geschädigt wird. Schlimmer ist noch der Schaden für die Allgemeinheit, für Rasse und Nation. Die Geburtenziffer steht in enger Beziehung zur Malaria. So wird aus Indien berichtet, daß stets 9 Monate nach Beginn der Malariazeit die Geburtenkurve sinkt und mit dem Höhepunkt der Malaria ihren größten Tiefstand erreicht. Die Kachektischen sind für Eugenik der Rasse ein großer Schaden. Aluerbach teilt mit, daß die Säuglingssterblichkeit in Palästina 50 Prozent betrage. Auch daran wird die Malaria mitschuldig sein. In der allgemeinen Sterblichkeit nimmt die Malaria in stark verseuchten Gebieten ebenfalls einen bedrohlichen Raum ein. Mühlens sah vor 1914 nur selten Malariatodesfgjle in Palästina, Goldberg im Kriege häufiger. Welchen Umfang die Malaria annehmen kann, dafür sei ein Beweis die Nachricht aus Bengalen, wo im Jahre 350 000 Menschen an Malaria sterben und 200 Millionen Krankheitstage berechnet werden. Ganz abgesehen von dem ideellen Schaden ist schon der materielle unermeßlich. Es muß daher mit voller'Deutlichkeit allen Verantwortlichen gesagt werden, daß hier bei mangelnder Vorsicht statt Glück und Gedeihen, Elend und Not geschaffen werden, wenn nicht großzügig saniert wird. Das könnte nun ganz überflüssig erscheinen, und die Bekämpfung der Malaria auch auf einfache Art und Weise durchgeführt werden können. In seinem Buche über die jüdische Kolonisation Palästinas schreibt Nawratzki: Gegen diese Krankheiten haben wir ein Gegenmittel: das Chinin. Die Krankheit läßt sich teilweise nur durch unentgeltliche Verabfolgung von Chinin wirksam bekämpfen. So machte es Italien, und s-o muß es auch in Palästina geschehen. In Jerusalem müßten Depots errichtet werden, wo Chinin unentgeltlich zu haben ist, und jeder, der Parasiten hat, müßte umsonst behandelt werden. Leider ist die brauchbare Durchführung dieser Maßnahmen nicht so leicht, und dann wäre sie auch vollkommen unzureichend. Ich werde auf die Chininfrage noch später eingehen, möchte aber schon hier einen englischen Autor, Macdonald, zitieren, der folgendes schreibt: „Die leichte Unterdrückung von Malariaanfällen durch Chinin, die Apotheose durch Aerzte und Volksgeist, der billige Ruhm der wohlfeilen Chininverteilung hat wirkliche sanitäre Maßnahmen geschädigt und dadurch persönliches Elend und ökonomische Wirkungslosigkeit verlängert. Wenn schon im Kriege die Chininprophylaxe nicht immer den gewünschten Erfolg hatte, wo sie durchgeführt werden konnte, wie es sonst nie möglich ist, wie soll sie da bei der Zivilbevölkerung als einziger Schutz wirksam sein. Dieses Vertrauen zu Chinin wäre besonders gefährlich, wenn es zu Nachlässigkeit bei den notwendigen Arbeiten führen würde, wenn man sich sagen würde: wir geben gratis Chinin und haben damit unsere Pflicht getan. Ein wohlorganisierter, großzügig durchdachter Kampf gegen die Parasiten, ihre Ueberträger und ein Schutz vor diesen wird unsere Aufgabe sein. Der Kampf gegen die Malaria gleicht einem wirklichen Feldzug und wie dort nicht jeder Offizier auf eigene Faust losgehen kann, so kann hier nicht jedem einzelnen Arzt die Verantwortung auferlegt werden. Organisation ist die wichtigste Forderung. Um aber eine solche aufbauen zu können, muß als Grundlage ein modernes Staatswesen vorhanden sein. Ohne einen Staat, der Gesetze erlassen und ihre Befolgung durchsetzen, im Notfall erzwingen kann, der z. B. Grund enteignen und Bauerlaubnis entziehen kann, ist keine ganze Arbeit möglich. Es muß auch für ein geordnetes Einwohnermeldewesen und Sterbemeldung mit ärztlicher Totenschau, Geburtsregister und Seuchenanmeldung, sowie Ueberwachung der Einwanderer gesorgt sein. Der Arzt muß in diesem Staatswesen im allgemeinen nur beratende Stimme haben. In Zeiten ernster Gefahr genügt das nicht. Wie in einer Gegend, in der Krieg oder Aufstand droht, die vollziehende Gewalt auf den militärischen Befehlshaber übergeht, so muß in Zeiten erhöhter Seuchengefahr der Kriegszustand gegen die pathogenen Mikroorganismen verhängt werden und der Arzt auch vollziehende Gewalt haben, soweit er es zur Erreichung seiner Zwecke für notwendig erachtet. Es darf nicht von den Beamten der Regierung abhängig sein, ob und wann dieser oder jener Rat befolgt wird, der Sachverständige muß auch die Möglichkeit haben, seine Pläne auszuführen, ohne lange um Erlaubnis fragen zu müssen. Ich habe im Felde oft gesehen, wie die Durchführung notwendiger Maßnahmen sich verzögerte oder scheiterte, weil der Sanitätsoffizier nur beratende Stimme hatte und Meldungen schreiben konnte. Am Mangel ärztlicher Kunst wird der Malariakampt nicht zu leiden haben, an der Machtfrage kann er scheitern. Wie sehr es aut die wirkliche Durchführung der Maßnahmen ankommt und wie dabei gefehlt wird, dafür haben wir verschiedene Beweise. So wurden, wie Piel,stricher mitteilt, in Rumänien im Jahre 1885 Sanierungsarbeiten beschlossen, die Ausführungsbestimmungen folgten erst 1894. 1902 erfolgte ein Aufruf an die Präfekten, schon im Frühjahr Trocknungsarbeiten vornehmen zu lassen. Alles blieb Imeist auf dem Papier stehen. Mit geringen Mitteln hätte viel erreicht werden können, aber aus Gleichgültigkeit geschah nichts. Ebenso wird aus Punjab berichtet, daß eine Schulkinderprophylaxe, die dringend nötig war, aus Mangel an Interesse seitens der Behörden nicht durchgeführt werden konnte. Die Glieder der prophylaktischen 'Airbeit müssen zu einer festen Organisation zusammengefaßt sein. An der Spitze muß ein Arzt stehen, der Hygieniker und Tropenkrankheitenkenner zugleich ist, dabei aber auch energisch genug ist, um sich durchzusetzen. Er muß, wie Maicdonald bemerkt, die Arbeit dauernd persönlich beeinflussen und im Aiuge haben, nicht nur an seinem Schreibtisch sitzen und Kurven malen. Um ihn muß sich ein Stab von Aeizlen, Zoologen und Technikern scharen, sowie von Beamten, die mit dem Dienst als Sanitätsinspektoren vertraut gemacht sind und die Landessprachen kennen. Macdonald rechnet für eine Bevölkerung von 60 000 Menschen

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