Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 40-41 (2.10.1919)
- Date
- 1919-10-02
- Page
- Seite 1265-1266 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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1265 VOLK UND LAND IV. Lines der wichtigsten jüdischen Zentren der nahen Zukunft ist die Gegend des Genezaretilsees (hebräisch Jain Kinereth). Sie bildet einen Teil des Jordanlaies nnd zeichnet sich chirch subtropisches Klima und hohe Fruchtbarkeit aus. Der See ist 21 km lang und 12 km breit und stellt für das Gebiet ein unerschöpfliches Wasserreservoir und eine Verkehrserleichterung ersten Ranges dar. An seinen Ufern und in kleiner Entfernung befindet sieh, eine Anzahl jüdischer Kolonien und je eine deutsche und pers:sche Niederlassung. Ferner die alte Stadt Tiberias, eine der vier heiligen Städte des Landes, rund in nächster Nähe derselben die altberühmten Bäder, heiße Schwefelquellen, an Heilkraft ähnlich denen von Baden bei Wien. Die Bäder sind seit dem Altertum in Benutzung und stehen bei der Bevölkerung in hohem Ansehen. Hier ist die Anlage eines modernen Bades und Winterkurortes wohl nur eine Frage kurzer Zeit; die Konzessionen zur Erbauung moderner Gebäude für die Bäder soll vor dem Kriege schon einmal erteilt worden sein, doch kam der Bau nicht zur Ausführung. Im Anschluß an den Kurort wird sich wohl eine Stadterweiterung vollziehen; die alte Stadt ging übrigens bis fast an die Bäder heran (heute ist die Entfernung 1,9 km); sie hatte also die dreifache Große der heutigen, wie aus den Mauenesten hervorgeht. Die Bäder von Tiberias (Chamam genannt) sind übrigens nicht die einzigen der Gegend: am Nordende des Sees auf dem Boden des Deutschen Hospizes Tabgha und im Jarmuktale, wenige Kilometer von der Station Samach, die am Kinereth liegt, bei der Station El Hammi („das Bad“) befinden sieh weitere heiße Quellen, letztere besonders von Beduinen besucht. Da sich die Gegend, besonders Westufer des Kinereth für hodrrentable Spezialkulturen, z. B. Baumwolle, Orangen, Gemüse usw. auf bewässertem Boden hervorragend eignet und schon jetzt benutzt wird, so ist die Erweiterung der alten und die Anlage neuer Kolonien in sicherer Aussicht und damit eine Bevölkerungsdichte, die der antiken in nichts nachsteht. Die Nordwestecke des Seeufers, das sog. „Ghuwer“, ist sehr erich an natürlichen Quellen; hier befindet sich auch die Farm „Migdal“ der „Tiberia Land- und Plantagen-Gesellschaft“. Alm Nordostende des Sees, am Einfluß des Jordans, ist die „PteCha“, ein ausgedehntes, fruchtbares Gelände, gegenwärtig noch einem arabischen Großgrundbesitzer gehörend, und, wie der arabische Großgrundbesitz des ganzen Landes, wenig angebaut. Zu erwähnen ist noch die bei der Kolonie Kinereth aut der Halbinsel Kcrak geplante Anlegung einer Villenstadt. Die Lage ist außerordentlich günstig zwischen der Farm Dagania am Jordan una der Kolonie Kinereth; der Boden geht bis an den See heran, liegt aber etwas höher als die Umgebung. Die Station der Hedschas-Bahn Samach ist in zirka 20 Minuten zu Fuß, über den See schneller zu erreichen. Aiuf dem anderen Ufer des Jordans liegt auch die Arbeiterkolonie Bitania, auf idem Berge über Kinereth Poria, die erste amerikanisch-jüdische Achusah-Kolonie, alles Umstände, die der Anlage der Villenstadt an dem genannten Platze zustatten kommen. Eine Anzahl der Parzellen war bereits vor dem Kriege verkauft; die Baugesellschaft könnte versuchen, den Auftrag aut Erbauung sämtlicher Villen der neuen Kolonie zu erhalten. Es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß nach der erfolgreichen, im letzten Jahrzehnt geleisteten Vorarbeit das ganze von der Natur so reich bedachte Gebiet des Sees Kinereth einem gewaltigen Aufschwung entgegengeht, bei dem die Gesellschaft 1266 i durch Errichtung zahlreicher ländlicher und städtischer, öffentlicher and privater Bauten profitieren *! kann. Hierbei ist noch za berücksichtigen, daß j der Niveauunterschied zwischen dem Kinereth 1 (— 20S m) und dem unfern in nördlicher Richtung liegenden Meromsee (-,-. 2 m) die Erzeugung elektrischer Kraft begünstigt, die auch bereits seit längerer Zeit geplant ist. Im Zusammenhang hiermit ist noch eine Landschaft zu erwähnen, die in Kürze durch moderne Betätigung aufgeschlossen werden dürfte: das von der Hedschasbahn durchzogene, in unmittelbarer Nähe des Kinereth beginnende Jarmuktal Der Einfluß des Jarmuk in den Jordan, dessen größter Nebenfluß er ist, liegt bei der nächsten, südlich vom See gelegenen Station Djisr-ed-Mudschami („Brücke der Vereinigung“, die noch ans der Römerzeit stammt) an der tiefsten Stelle der Bahn, 231 m unter dem Spiegel des Mittelmeeres. Das ganze Jarmuktal hat Alpencharakter und ist so reich an Naturschönheiten, daß nicht anzunehmen ist, daß sich der Strom der Touristen auch in Zukunft begnügen wird, das alles wie bisher nur im Fluge aut der Durchfahrt nach Damaskus zu genießen. Die Erbauung eines großen Touristenhotels etwa auf halbem Wege zwischen dem See und Deraa, der alten Residenz des Königs Og von Baschan, wäre als Anfang einer Erschließung des Jarmuktales durchaus zu empfehlen. Eine Ausbeutung der reichen Wasserkräfte und der Bodenschätze des Bezirkes ist teils in Aussicht genommen, teils schon begonnen. V. An «der oben genannten Farm Migdal vorbei geht der Weg nach Safed; es sind zirka 3 S unden (zu Pferde), jetzt ist die Straße a*jch für Wagen und Autos fahrbar. Die Stadt hat bei zirka 18 000 Einwohnern etwa Th Juden und liegt gegen 800 m hoch, sodaß im Frieden der Gesundheitszustand der Bevölkerung trotz der schrecklichen Armut ein guter war. In der Nähe liegt außer der kleinen Kolonie Ain Setun (V2 Stunde) noch die große aus dem ersten Jahre der jüdischen Kolonisation (1882) stammende Kolonie Rosch-Pinah. (1 Stunde). Zwischen dieser und der Stadt waren vor dem Kriege drei neue Ansiedlungen geplant: eine in unmittelbarer Nähe der alten Kolonie, eine weitere auf halbem Wege, beide als Baumpflanzungskolonien, eine dritte vor den Toren Safeds als Gartenstadt. Letztere war eine Gründung des Ordens „Hamakkabim ha-kadmonim“ in Safed, der zu den englischen ,,'Anrient Maccabeans“ gehört und unter vorzüglicher Leitung stand. Der Boden der drei neuen Kolonien war schon vor dem Kriege in jüdischem Besitz. Es ist anzunehmen, daß Safed, dieser alte Sitz der Kabbalah, vermöge einer zahlreichen Bevölkerung und der günstigen Lage in der Nähe des Jordantales, eine große Rolle als Zentrum Obergaliläas in Zukunft zu spielen berufen ist. Ein Versuch der Industrialisierung war seinerzeit von der Rothschildschen Administration gemacht worden, die in Rosch-Pinah eine Seidenspinnerei und in Jessodhamaalah am Meromsee eine Parfümeriefabrik eingerichtet hatte, die aber wieder eingingen. Für die Zukunft ist am Meromsee die Herstellung von Papier aus dem dort wild wachsenden Papyrus una von „Suddit“, einem neuen, bereits im Sudan fabrizierten Brennmaterial geplant, dessen Rohstoff „Sudd“ ebenfalls am See vorhanden ist. Diese Unternehmungen bilden im Zusammenhang mit der oben erwähnten Kraftzentrale einen vielversprechenden Anfang der neuen Industrialisierung, die unter dem Zeichen der neuen großen Einwanderung von Menschen und Kapital begonnen, eine neue Zeit für Galiläa verheißt. Auch hier sind also mannigfache