Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 38-39 (18.9.1919)
- Date
- 1919-09-18
- Page
- Seite 1235-1236 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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1235 VOLK UND LAND 1236 werde. Die Forderung, daß diese Arbeiten von jüdischen Arbeitern ausgeführt werden sollen, wurde an die englische Regierung gar nicht gestellt. Audi die dritte Forderung hat Dr. Weixmann nicht vollständig klargelegt. Es wurde verlangt, daß die Administration eine jüdische sein soll und daß ein jüdischer Rat, gewählt nicht allein von den Juden Palästinas, sondern auch vom jüdischen Kongreß, der das ganze jjüdische Volk vertritt, die Administration von Palästina unter Kontrolle der Mandatarmacht leiten soll. Dies war das wirkliche Bild, das die zionistischen Führer in den Rahmen der englischen Erklärung einfügen wollten. War auch dieses Bild nicht besonders schön, so ist das jetzige fast eine Karrikatur. Die Frage der Nationalisierung der Krongüter und des Großgrundbesitzes ist beiseite geschoben worden und es steht zu befürchten, daß sie selbst in den offiziellen zionistischen Forderungen nicht mehr fugieren wird. Auch die jüdische Administration, die man seinerzeit gefordert hat, wird bedauerlicherweise nicht geschaffen werden. Dr. Weizmanm hat nur von jüdischer „Einwirkung“ gesprochen und wie groß diese sein wird, kann niemand sagen. Das Wichtigste aber ist, daß der beabsichtigte Rat, der vom jüdischen Volke gewählt und! dem jüdischen Volke verantwortlich hätte sein sollen, nicht geschaffen wird. Was die Immigration anbelangt, so betont Dr. Weizmann unaufhörlich, daß diese starken Einschränkungen unterliegen müsse. Auf der zionistischen Konferenz in London hat Agronom: Wilkansky betont, daß wir „das Ende beschleunigen müssen“ und auch Dr. Weizmann hat von 50 bis 60 Tausend jährlichen Immigranten gesprochen, was für ein Land wie Palästina gar nicht wenig ist. Weshalb sind die zionistischen Führer jetzt plötzlich so vorsichtig geworden? Sic sollten über diesen Punkt überhaupt nicht sprechen, weil die Kontrolle über die Immigration tatsächlich nicht in jüdischen Händen liegen wird. Es ist noch nicht abzusehen, wie lange dies dauern ward, aber laut den jetzigen Anzeichen scheint es, daß andere und nicht die Juden noch manches Jahr bestimmen werden, wieviel und welche Juden nach Palästina einwandem können, und eben deshalb wird die Immigration eine beschränkte sein. Nicht besser steht es um: den Schutz des jüdischen Handels und der jüdischen Arbeit. Es ist Tatsache, daß englische Firmen den Handel in Palästina an sich reißen und daß den jüdischen Kaufleuten nur Brocken abfallen werden. Noch schlimmer steht es mit der jüdischen Arbeit. Denn während der jüdische Kaufmann noch immer eine Möglichkeit finden kann, mit anderen zu konkurrieren, so fehlt diese Möglichkeit absolut dem jüdischen Arbeiter, der den Konkurrenzkampf mit den anderen Arbeitern, vor allem: den arabischen, nicht aufnehmen kann. Wegen der Behandlung der jüdischen Arbeiter werde der zionistischen Leitung auch der Vorwurf gemacht, daß sie ihrer Pflicht der Unterstützung und Aufmunterung nicht Genüge leiste. Aehnlich verhält es sich mit der Frage der Legionäre. Die genaue Darstellung dieser traurigen Tatsachen müßte jedoch eine starke Kritik an den Führern zur Folge haben, was nicht Zweck dieser Artikelserie ,ist. Es sollte hier nur die tatsächliche Lage, so wie sie sich jetzt darstellt, geschildert werden. Das Resume ist folgendes: 1. Die Grenzen Palästinas sind durch das englisch-französische Abkommen noch nicht endgültig bestimmt, da England eine Aenderirng dieses Abkommens erstrebt und es ist zu hoffen, daß Palästina ungeteilt bleiben wird. 2. Die englische Deklaration wird zwar durchgeführt, aber es wird ihr nur ein minimaler Inhalt unterlegt, so daß die zionistische Leitung das „Chowewe-Ziion“-Prinzip annimmt. 3. Der Großgrundbesitz wird nicht nationales Eigentum des jüdischen Volkes werden, wodurch eine großzügige Kolonisation unmöglich gemacht wird. 4. Es wird eine nichtjüdische Administration geschaffen, und die zionistischen Führer haben nur die Hoffnung, eine gewisse Einwirkung ausüben zu können. 5. Die Kontrolle über die Immigration werden nicht Juden4 führen und es wird nur eine kleine und eingeschränkte jüdische Immigration gestattet werden. 6. Es ward weder für jüdischen Handel, noch für jüdische Arbeit ein Schutz geschaffen. Hebräisch und Palästina „Die bisher erreichten Erfolge haben wir nur dadurch davongetragen, daß wir zum ersten Male seit Jahrtausenden als eine Einheit, und im Namen dieser Einheit gehandelt. Glaubten unsere Jidischisten, im Namen dieser Einheit .auch dann sprechen zu können, wenn sie auf das Hebräische verzichtet haben? Wer das Jüdische in Palästina verlangt, weil die nach Palästina gehenden Arbeiter jidisch sprechen, nimmt dem Zionismus seine geschichtliche Tiefe und nationale Breite, stempelt ihn zu einer ostjüdischen Angelegenheit, die kaum: die Aufmerksamkeit der übrigen Juden, und noch weniger der Nichtju(den (auch auf diese haben wir noch Rücksicht zu nehmen) verdienen würde. Nun wollen aber viele nicht die Ausschließlichkeit des Jidisch, sondern seine „Gleichberechtigung“. Neulich hat Jitlowsky in New York einen „Verein zur Verteidigung des Jidisch in Palästina“ gegründet. Der Vorwurf der Unterdrückung einer sprachlichen Minorität ist in bezug auf Jidisch einfach lächerlich und pure Prinzipienreiterei. Von Unterdrückung kann nur dann die Rede sein, wenn die Sprechenden unterdrückt werden. Hier ist es nicht der Fall. Nicht eine Gruppe der Bevölkerung unterdrückt die zweite, sondern, anerkennend, daß unsere Kräfte kaum ausreichen, um eine Sprache zu entwickeln, müssen wir alles tun, um die Kräftezersplitterung und Vergeudung zu vermeiden. Benin erstens können im kulturellen wie im materiellen Leben zwei Körper nicht in Symbiose als Verbündete leben, sondern müssen immer nur Rivalen sein, diie einander die Lebenskräfte abbehmen. Das Gegenteil sollten gerade Sozialisten, wie die Poale-Zioni es sind, nicht behaupten. Jede Kultur, Sprache, Literatur muß ihr eigenes Wirtschaftsleben haben, das ihr als Unterbau, als Grundlage diient. So viel Kulturen, so viel Wirtschaftsleben müssen ihnen zugrunde liegen. Wo sind diie zwei Wirtschaftskreise, die dem Hebräischen, und Jiidischen die nötigen Nahrungsstoffe bieten sollen? Wenn der Beamte ein Gesuch in Jidisch entgegennehmen soll, muß er es doch verstehen, muß er es doch lernen. Wenn der Rechtsanwalt sein Plädoyer auch in Jidisch halten darf, muß es doch auch Universitäten, Akademien, Seminare, Mittel- und Volksschulen, geben, wo das alles unterrichtet wird. Können wir uns den Luxus gestatten, in Palästina hebräische und jidische Volks-, Mittel- und Hochschulen, Presse, Theater, Akademien usw. zu haben? Zweitens, und warum nur jidische? Ist £s nicht eine krasse Unterdrückung einer sprachlichen Minorität (einer wirklichen Minorität, denn die jidisch Sprechenden sind vorerst in der überwiegenden Mehrzahl) wenn man nicht auch dem Spaniolisdh, Grusinisch usw. sprechenden Juden denselben „Schutz“ bietet, den man für Jidisch verlangt? Wir würden in Palästina, da auch das Englische und Arabische nodh hinzukommt, zumindest ein halb Dutzend Sprachen bekommen. Das ist ein demagogisches Prinzip, ein, Prinzip derjenigen, die nicht lernen wollen oder können. Das ist ein Absurdum und wäre mit der voflkommnen Vernichtung des hebräischen Gedankens, des Gedankens unserer nationalen Einheit gleichbedeutend. Die eigentliche Gefahr für das Hebräische bietet eigentlich nur das Jidische. Die andere Jargone sprechenden Juden sind verhältnismäßig gering und haben noch den, Respekt vor der Geschichte nicht in dem Maße verloren, daß sie Ihr Jargon als die nationale