Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 38-39 (18.9.1919)
- Date
- 1919-09-18
- Page
- Seite 1233-1234 (sequence 29)
- Language
- German
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1233 stru’erbar sei. Fügt aber sofort dieser Konsequenz die Bemerkung bei, die insbesondere in der Gegenwart wieder hochmodern geworden ist: Die nationale Abgeschlossenheit hat im Altertume und auch nachher dazu geführt, daß man den Feind, insbesondere aber den besiegten, nicht als Mensch, sondern als Wertobjekt, ebenso wie das Vieh betrachtete. Jedes Volk war von der Ueberzeugung durchdrungen, daß es das wichtigste auf Erden sei. Auch die Juden konnten sich von diesen Vorurteilen nicht loslösen, wobei aber bei ihnen auch schon die Züge der späteren Kultur (des kosmopolitischen Wertes des Menschen) sich bemerkbar machten und in vielen Normen (die er sofort aufzählt) zum Durchbruch gelangten. 1234 ( Nur wenige solche Verteidiger hatte das Judentum | im Laufe seiner vieltausendjährigen Geschichte, und' Köhlers Wort galt schon deshalb viel auf der Wagschale | uer Kultur, weil er auf fast allen Gebieten des sozialen Lebens Monographien und Aufsätze (zusammen zirka 2000) veröffentlicht hat und zirka zehn juridische Periodica redigierte, Köhlers Hochschätzung des jüdischen Rechtes bedeutete die Anerkennung desselben durch die nichtjüdische Welt der Wissenschaft, und sein Tod reißt daher eine Lücke in die spärliche Zahl jener nichtjüdischen Männer, die das Judentum aus innerer Ueberzeugung verteidigen und hochschätzen. Dr. M. W. R a p a p o r t. VOLK UND LAND | STIMMUNGEN UND MEINUNGEN iiimimitiHiiiimiunNiiiiwiMmmmiMmiiwMMUiiiimimwiimmiwmmntimimuiMUuiMUMmMwiiimititiMmiimmimumiiimiiiimMiMmmmimiuiuiiuHiiiMiiiiiiii Die Wahrheit über den Stand der Palästinafrage Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht Chefredakteur Morris Myer in der Londoner „Jewish Times“ eine Artikelserie, in der nachgewiesen wird, daß, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, die zionistischen Führer doch viel weniger erreicht haben, als ursprünglich gefordert wurde, obgleich auch jene Forderungen sich schon auf ein Minimum beschränkt hatten. Infolge eingehendster Vertrautheit mit der Materie und Kenntnis einzelner vertraulicher Details, bietet diese Artikelserie viel Beachtenswertes, weshalb die „Jüdische Pressezentrale Zürich“ es für angebracht hält, die Grundgedanken wiederzugeben. (Es sei im vorhinein bemerkt, daß nach unseren genauen und verläßlichen Informationen, einzelne Behauptungen Morris Myers, auf die wir später noch hinweisen werden, mit den Tatsachen nicht ganz übereinstimmen. J. P. Z.) Vor der letzten Rede Weizmanns vom 3. Sept. d. J. hatte Morris Myer eine Reihe von Fragen in der „Jewish Times“ an Dr. Weizmann gerichtet und um deren Beantwortung ersucht. Dr. Weizmann habe nun diese Fragen nicht erschöpfend beantwortet und die anscheinend sogar übel genommen, indem er bemerkte, man würde „Palästina nicht mit Zeitungsartikeln aufbauen“. Sein Unwille ist leicht begreiflich. Er arbeitet unermüdlich für den Zionismus und verdient wahrlich vollste Anerkennung. Die besten Resultate dieser Arbeit wollen sich jedoch leider nicht einstellen, und! es ist ihm unangenehm, daran erinnert zu werden, was psychologisch verständlich ist. Das jüdische Volk muß jjedoch die volle Wahrheit wissen, auch wenn sie ungünstig ist. Mögen die zionistischen Führer auch nicht fehlerlos sein, so habensie gewiß das Beste gewollt und es trifft sie keine Schuld. Es unterliegt keinem Zweifel, daß alles, was Dr. Weizmanm in seiner Rede gesagt hat, auf vollster Wahrheit beruht und weder Uebertreibungen noch Unterschätzungen enthält. Jetzt darf man bereits offen reden, da dies absolut keine Gefahr mehr mit sich bringt, sondern nur von Nutzen sein kann. Bekanntlich war die Lage bis vor kurzem eine sehr kritische; es schien, daß alle Versprechungen fast keine Aussicht auf Verwirklichung hätten. Die englische Administration in Palästina hat der Balfourschen Deklaration nicht im geringsten Rechnung getragen, sie war sogar direkt gegen die Juden. Der Verwaltungschef von Palästina, General Money, war ein Gegner des Zionismus und gegen ein jüdisches Palästina. Die zionistischen Führer bemühten sich wiederholt, die Lage zu verbessern. Im Februar d. J. wandte sich Dr. Weizmann an den englischen Generalstabschef, General Wilson, und erhielt von ihm die schriftliche Zusicherung, es sei den Administrativbehörden von Palästina Weisung erteilt, den Juden gegenüber eine andere Haltung einzunehmen. Anscheinend blieb diese Order wirkungslos, denn das Verhalten den Juden gegenüber besserte sich nicht im Geringsten. Frankreich beharrte und beharrt noch immer auf Einhaltung der mit England im Jahre 1916 getroffenen Abmachung, laut welcher ein großer Teil Palästinas an Syrien fallen soll. Auch hier blieb dem Ein wirken der zionistischen Führer jeder Erfolg versagt. Erst dem Oberlichter Brandeis, der in einer offiziellen Mission, auf Veranlassung Wilsons, d. h. der amerikanischen Regierung, vor kurzem Palästina bereiste, ist es gelungen, einen neuerlichen Erlaß der englischen Regierung an die Administrativbehörden in Palästina zu erwirken, der die Respektierung und Durchführung der Deklaration bezüglich eines nationalen Heimes für die Juden in Palästina fordert. Es muß betont werden für die Juden in Palästina, damit die englische Deklaration keine unrichtige Interpretation finde, dahingehend, daß etwa Palästina als ganzes Land ein nationales Heim für das jüdische Volk abgeben soll. Die Deklaration besagt bloß, daß gewisse Juden die Möglichkeit haben sollen, für sich ein nationales Heim in Palästina zu schaffen. Dies muß betont werden, um sich in dieser Hinsicht keinen falschen Illusionen hinzugeben. Es kann also gesagt w'erden, daß man es Brandeis zu verdanken habe, wenn die Balfoursche Deklaration keine leere Phrase bleiben wird. Dr. Weizmann weiß sehr gut, daß seine eigene unermüdliche Arbeit, ohne Brandeis, erfolglos geblieben wäre; aber selbst Brandeis konnte nicht durchsetzen, daß die limitierte Möglichkeit, die mau den Juden gibt, ein nationales Heim in Palästina zu schaffen, wenigstens auf demokratischer und fortschrittlicher Grundlage basiert sei. Dies schränkt natürlich die eingeschränkten Möglichkeiten noch mehr ein. Die zionistischen Führer haben die BalfoursChe Deklaration nur als Rahmen betrachtet, dem das entsprechende Bild erst einzufügen sei. Niemals und von niemandem wurde erwartet, daß dieses Bild der jüdische Staat sein würde, aber alle erwarteten, daß die Möglichkeit vorliegen würde, Palästina zu einem jüdischen Staate zu entwickeln. Jedoch auch dieses ist uns nicht gegeben worden. Bei Aufzählung der zionistischen Forderungen in seiner letzten Rede, hat Dr. Weizmann zwar viel Wahres gesagt, jedoch nicht alles berührt und manches verschwiegen. Es genügt nicht, die Krongüter und die der Effendis erwerben zu können, sondern es wurde seinerzeit auf der Londoner Konferenz auch gefordert, daß diese Ländereiein nationales Eigentum des jüdischen Volkes werden. Was' die zweite Forderung anbelangt, so verlangten die Zionisten, daß die Durchführung der öffentlichen Arbeiten ihnen übergeben