Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 38-39 (18.9.1919)
- Date
- 1919-09-18
- Page
- Seite 1227-1228 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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i 227 Kolonien auf den Ländereien de- Jüdischen Nationalfouds den Grundstein zu legen.“ Es sollen dann Gruppen von allen möglichen II a nd - werkern und Spezial arbeitern gebildet werden, die aus zuverlässigsten Elementen bestehen und möglichst kleine Familien besitzen sollten, usw. Fürwahr, für die vollständig Besitzlosen (eigentlich darf es solche überhaupt nicht geben, denn selbst die Chaluzim müssen genügend Geld für die Reise haben) eine unerhörte Fülle von Pflichten und kaum eine Aussicht, sich auf einem eigenen oder gepachteten Stückchen Boden jemals ernähren und selbständig machen zu können. Diese Art der Ermunterung ist doch etwas eigentümlich! Wenn man von den Chaluzim solch unerhörte Leistungen erwartet, so müßte doch ein jeder dieser Aufopferungsbereiten zugesichert bekommen, daß er nicht nur zum Wohle des ganzen Ansiedlungswerks, sondern gleichzeitig auch für sich selbst arbeitet. Der Hechaluz muß wissen, daß ein genügendes Stück des von ihm bearbeiteten Bodens — nach sagen wlir 2 bis 3 Jahren Arbeit — ihm gegen minimale Erbpacht zur Verfügung steht. Und das wäre auch für die Allgemeinheit von größtem Nutzen, denn auf diese Weise käme ein Teil des Landes in die Hände von Leuten, die durch größte Entbehrungen, angestrengteste Arbeit und Bescheidenheit eine hohe moralische und physische Qualifikation bewiesen hätten. Vor allem scheint mir auch eine ungeheuere Gefahr für das Gelingen unseres Werkes darin zu liegen, daß die Herren von der Leitung die Kostenberechnung für die Ansiedlung des Einzelnen viel zu ihodhi bemessen. Denn wenn im Zirkular die These aufgesteLIt wird, daß ein Achusar-Mitglied (das 23 000 Frcs. im Verlaufe von rünf Jahren einzuzahlen imstande sein muß) „eine kleine Bodenfläche für Pflanzungen zu erwerben, die zum bescheidenen Unterhalteinerkleinen Familie ausreich t“, so schließen diese Worte das Bekenntnis ein, daß eigentlich nur kleine Kapitallisten (25 000 Frcs. sind nach dem heutigen Stand der Valuta zirka 120 000 M.) die Aussicht haben, sich in Palästina anzusiedeln. Für ärmere Leute müßte die Allgemeinheit diese hohen Beträge aufbringen, und für wie wenige könnte sie das tun! Aber, um es gleich zu sagen, meines Erachtens ist diese Ansicht grundfalsch. Wir müssen in Palästina mit dem Boden sehr sparsam umgehen und jedem Ansiedler eine kleine Parzelle zur Verfügung stellen, die intensiv bearbeitet werden soll. Bei der enormen Fruchtbarkeit des palästinensischen Bodens kann also eine solch kleine Parzelle den Bedarf an Gemüse und Früchten für eine mittlere Familie liefern. Da der Boden nur einen kleinen Teil der freien Zeit des Ansiedlers in Anspruch nimmt, kann er in verschiedenen industriellen Unternehmungen, die privat oder kollektiv errichtet werden können, sich die Mittel zur Befriedigung aller seiner sonstigen Bedürfnisse erarbeitet. Diejenigen, die jetzt nach Palästina gehen wollen, müssen bloß unterrichtet sein, daß sie zu harter Arbeit dorthin gehen, und daß sie-.in den allerprimitivsteni Verhältnissen dort, die erste Zeit werden leben müssen. Gewiß können Leute mit viel Geld sich gutgelegene Parzellen kaufen, sie gut bebauen und ein schönes Haus darauf errichten lassen und dann erst hinkommen, aber das ist doch nicht die Lösung der Emigrations-< frage für das! jüdische Volk! Eine solche aber brauchen wir, denn es steht außer Zweifel, daß eine wahre Völkerwanderung aus dem jüdischen Osten gleich nach Aufhebung der Grenzsperren einsetzen wird. Unsere Aufgabe ist es daher, 1228 j diese Wanderung in geordneten Bahnen nach Palästina j zu lenken und die Ankommenden im Lande gut zu ver-! teilen. Dazu ist es natürlich wünschenswert, wenn auch keinesfalls unbedingt erforderlich, daß die Leute in ihrem jetzigen Heimatsort organisiert werden, in Gruppen zusammengefaßt und für ihren voraussichtlichen Beruf in Palästina vorgebildet werden. Selbstverständlich müssen sie ihr ganzes eigenes Geld für ihre Ueberführung und Ansiedlung in Palästina bzw. für die nationale Anleihe zur Verfügung stellen, aber darüber hinaus dürfen wir unter keinen Umständen bei unseren^ genug geplagten Brüdern den Gedanken aufkommen lassen, daß Palästina eigentlich, wie alles andere Gute auf der Welt, nur für die Wohlhabenden erreichbar wäre. Ich bin mir selbstverständlich klar, daß enorme Summen nötig sein werden für diejenigen, die wirklich gar nichts oder kaum Nennenswertes besitzen (und aus solchen Leuten wird der größere Teil der Auswandemden bestehen). Diese Mittel müssen eben durch eine nationale Anleihe aufgebracht werden. Und jeh bin in dieser Beziehung Optimist und glaube, daß die Anleihe, im richtigen Moment lanziert, von großem Erfolg begleitet sein wird. Unter einer Voraussetzung allerdings, daß wir p r a k - tisch, großzügig und nicht nur ängstlich rechnende Führer haben werden. Alle Achtung vor dem Bestreben, die Kolonisation mit allen möglichen Sicherheitskaiutelen, zu umgeben, aber man schüttet ja das Kind mit dem Bade aus, indem man uns ein Programm vorzeichnet, aus dem hervorgeht, daß eigentlich nur Leute mit bedeutenden Mitteln sich in Palästina ansiedeln können. Sollte es anders nicht möglich sein? — Herzl hat es sich jedenfalls ganz anders und zwar durchaus in unserem Sinne gedacht. Niemandl hat sich die Mühe genommen, etwa die Unmöglichkeit seines Planes für die Jetztzeit zu beweisen. Man ignoriert ihn einfach! Auch T rietschs Nachweis oder Möglichkeit einer großzügigen Einwanderung und Kolonisation in Palästina ist durchaus un widerlegt geblieben. Man begnügt sich damit, ihn nach Möglichkeit totzuischrweigen. Andererseits hat gerade Trietsch die sachlichen und rechnerischen Unterlagen unserer Leitung und ihrer Ratgeber in den wichtigsten Haupt- und Nebenfragen als fehlerhaft und i r r e f ü h re n d nachgewiesen, so daß die Auffassungen der Leitung in erschreckendem Maße der soliden Grundlager entbehren. Die politische Möglichkeit gegeben, und angesichts der Not der jüdischen Massen steht und fällt der Zionismus mit der Durchführbarkeit einer Ansiedhmg der Massen und der Mittellosen. Die Allerärrasten, die kaum genug für die Reise haben werden, müssen als erste aus der Hölle erlöst werden, denn sie sind nicht nur finanziell, sondern auch in jeder anderen Hinsicht am schlechtesten dran. Gewiß sollen auch die anderen Gruppen zusammengefaßt werden, die Handwerker und zukünftigen Pflanzer, die Fabrikanten und! liberalen Berufe usw. Aber die augenblickliche Hauptarbeit der zionistischen Leitung sollte meiner Ansicht nach darin bestehen, die unzweifelhaft bevorstehende große Emigration der Besitzlosen ins Auge zu fassen und nach Palästina hinzulenken, indem man für diese Massen produktive Arbeit vorbereitet. Es darf dabei nicht mehr mit kleinen Mittelchen gearbeitet werden. Eine große nationale Anleihe hätte längst schon vorbereitet sein müssen, um sofort nach erfolgter Erteilung des Mandats jiber Palästina an England durch den Völkerbund seitens des Aktions-Komitees ausgeschrieben zu werden, und so die gewaltigen Auf- VQLK UND LAND