Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 38-39 (18.9.1919)
- Date
- 1919-09-18
- Page
- Seite 1215-1216 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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1215 VOLK UND LAND 1216 Jetzt ist das Land vom türkischen Joch befreit. Damit ist die Möglichkeit einer intensiven Wasserwirtschaft gegeben. Schon hören wir von der Gründung einer jüdischen Sehiffsgesellschaft in Rußland, die mit erheblichem Grundkapital ausgestattet ist, und Gerüchte über ähnliche Vorbereitungen in anderen Orten. Der noch in unserem Volke lebende gesunde Instinkt zeigt uns, daß wir nicht unsere ganze Hoffnung aut das Land setzen dürfen, sondern daß auch das Meer uns Nahrung geben kann. Besonders fällt ins Gewicht, daß die Wasserwirtschaft viel weniger Ausgaben verursacht, als die Landwirtschaft, und daß die Arbeit auf dem Wasser vom ersten Tage an auch Einnahmen bringt. Bemerkt sei auch, daß wir bei den „Wasser-Berufen“ alle ideellen Ziele finden können, die wir uns bei der Landarbeit gestellt haben: Stärkung der nationalen Nahrungszufuhren und durch körperliche Regeneration Arbeit im Schoße der Natur. Die Arbeit aut dem Wasser entwickelt die Muskelkraft des Arbeiters, genau so wie die Landarbeit, und stärkt den Mut und das Zutrauen durch den ewigen Kampf mit dem Element. Als bester Beweis hierfür sei der Saloniker sephardische Jude angeführt, der Im Gegensatz zu all seinen städtischen Brüdern, besonders gut körperlich und geistig entwickelt ist, und dem es allein gelang, eine Rasse zu züchten, in der man fast gar keine Spur des Galuthtypus mehr findet. Seejuden in Palästina — das wird ein neuer Typus sein, der der Zucht unserer Rasse zu großem Vorteil gereichen wird. Die Grundbedingung der Errichtung einer lebenskräftigen Wasserwirtschaft in Palästina ist die fach- und sachgemäße Ausbildung für den Fischer¬ und Schifferberuf. Hier mustergültige Institutionen zu schaffen, wird die erste Aufgabe sein. .B. Der Verein „Aguddath Hamajim“. Zur Wasserwirtschaft im weitesten Umfange gehören folgende Gebiete: 1. Technik, Bau von Fischer-, Handels- und Fährbooten und ihre Reparatur. 2. Fischerei, einschließlich der Schwammfischerei, Fischzucht, Fischkonservierung, Herstellung von Dünger aus Fischabfall und Meerpflanzen. 3. Praktisch-technische Vorbereitung von Seeleuten, Schiffern, Fischern usw. 4. Handel: Schaffung eines Marktes im In- und Auslande für die palästinensischen Meeresprodukte. 5. Theoretisch: Verbreitung der Meereskunde, Hafenkunde, Gründung von Seemannsschulen usw. Zur Aufleb ung der jüdischen W asserkultur (Meer, Fluß u. H a f e n), z u r Erfüllung all dieser Aufgaben, zur Wiederbelebung der palästinensischen Wasserwirtschaft durch Nationalisierung der Naturschätze und Vorbereitung einer geeigneten nationalen Arbeit, ist die Aguddath-Hamajim gegründet worden. Die Arbeit des Vereins soll praktisch und theoretisch sein und in steigendem Maße den ganzen genannten Aufgabenkreis umfassen. Die praktische Arbeit kann sich erstrecken auf Gründung von Fischer- und Schifferkolonien am Meer und an den Flüssen, Bau von Häfen, Gründung von Handelsgesellschaften zum Vertrieb von Fischen und sonstigen Seeprodukten, Nutzbarmachung der mineralischen und warmen Quellen des Landes, Ausnutzung der Wasserfälle als Betriebskraft sowie der Mineralien in den Gewässern, Schiffbarmachung der Flüsse zwecks Anlage von Verkehrslinien, Anlage von Teichen mit See- und Flußwasser zur Zucht von Fischen und Schwämmen im Innern des Landes, zur Veredelung und Aklimatisierung von ausländischen Fischsorten, besonders derjenigen, welche den Malaria-Erzeuger vertilgen, Konserven-, Lebertran- und Perlmutterindustrie, die Verwendung der Seeprodukte zu landwirtschaftlichen Zwecken. Auch die theoretische Arbeit, die wissenschaftlich-erzieherische, ist ein ergibiges Feld mit weitem Horizont, so z. B.: Gründung von Bibliotheken und einer Zeitschrift für Meereskunde und die beruflichen Spezialgebiete, Seemann&schulen, wissenschaftliche Ausflüge, Aquarien in den Schulen und Parks, nationales Zentralaquarium, Ausstellungen und Konferenzen für Wasserkultur, Propaganda im Innen- und Auslande, Sportvereine aut dem Wasser, Preisaussetzung, Entsendung von jungen Leuten zur Ausbildung nach dem Auslande, Organisation einer „Chaluz-Hamajim“ und dergl. mehr. Hand in Hand mit der Forderung der Nationalisierung des Bodens muß auch die Forderung der Nationalisierung der Gewässer und ihrer Produkte gefordert werden. Während wir in der Landwirtschaft schon vor der Tatsache stehen, daß bereits viele privatwirtschaftliche Unternehmungen bestehen, haben wir es hier mit einem Produktionsgebiet zu tun, bei dem es noch keine private Spekulation gibt, und bei dem daher das Prinzip der Nationalisierung und Sozialisierung mit Leichtigkeit durchgeführt werden kann. Zur Sicherung des nationalen Charakters der Wasserkultur stellen die Initiatoren dieser Idee ihre Arbeit unter die Kontrolle der nationalen Institute. Die Initiatoren erkennen an, daß alle Anstalten des Vereins: Lehrschiffe, Seeschule, Aquarien usw. nationales Eigentum sind. Der Verein hat mit privater Spekulation nichts zu tun. Er unterstellt sich der allgemeinen zionistischen und der palästinensischen Zentralorganisation. Ihnen ist er verantwortlich, ihnen legt er Rechenschaft ab und sie dürfen seine Tätigkeit kritisieren. In ihre Hände geht das Eigentum des Vereins über, falls er aufhört zu existieren. Mitglied des Vereins kann jeder werden, der entweder selbst einem „Wasser-Beruf“ angehört, oder sich an den Aufgaben des Vereins aktiv oder durch finanzielle Unterstützung zu beteiligen gedenkt. Der Verein will seine Arbeit damit beginnen, Gruppen von Fischern und Bootsleuten in den Häfen des Landes zu organisieren. Zwecks Anleitung zrur Wasserarbeit in modernem Sinne und in moderner Weise wird die Wasserfarm gegründet, die als Muster- und Lehrstätte für die anderen Anlagen an der See ein Vorbild sein soll. Diese Farm, darf man hoffen, wird viel schneller zur Selbsterhaltung und Selbständigkeit gelangen, als eine landwirtschaftliche Kolonie, die Jahre braucht, bis sie rentabel st. Als geeigneten Ort für diese Farm ist das verlassene Tantura in Aussicht genommen, in dem auch große leerstehende Gebäude sich befinden. Tantura liegt am Ufer des Mittelländischen Meeres, in der Nähe von Sichron-Jaoob. Seitdem die Fabrik, die Baron Rothschild dort zu errichten versuchte, geschlossen ist, ist die Stätte vollständig verlassen. Haifa, der zukünftige Haupthafen des Landes, liegt nicht weit ab. Die Lage in der Mitte zwischen Galiläa und "Judäa, sowie an der Bahn Tuilkarem—Haifa ist sehr günstig. Die verlassenen