Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 38-39 (18.9.1919)
- Date
- 1919-09-18
- Page
- Seite 1213-1214 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1213 VOLK UND LAND 1214 „AGUDDATH _ HAMAJIM“ (Propaganda schrift des Vereins.) A. Die Wasserwirtschaft in Palästina.! Die geographische Lage Palästinas, das eine lange Meeresküste besitzt und an Binnengewässern aller Art reich ist, ermöglicht dem neuen Jischuw, die Ausnutzung der auf dem Wasser gebotenen Berufschancen durch Schiffahrt und Fischfang zu produktivieren. Wie wenig entwickelt sind beide noch in Erez-Israel!! Die Schiffahrt — wer gedenkt nicht des Tages, i an dem er in Jaffa vom Schiff ans Land ging! i Er hat ja in diesen wenigen Minuten der Ueberfahrt im Boot verhältnismäßig mehr gelitten, als während der ganzen Reise mit dem Dampfer. Vielen der Reisenden kam ihr Geld oder Gepäck abhanden, und gar mancher erlebte sogar ein „Tauchbad“. Man war groben Bootsleuten a'usgeliefert. welche die Reisenden und besonders die . Frauen rücksichtslos, ja unanständig behandelten. Wegen Mangel an guten Landstraßen waren wir bisher angewiesen, selbst für den Verkehr an der Küste das Schiff zu benuzen — z. B. von Jaffa nach Haifa. Trotzdem verzichtete mancher auf die schnelle See Verbindung und zog es vor, Tage und Nächte auf einer „Deligence“ den langen Weg zurückzulegen. Unsere verschiedenen „Waadim“ arbeiteten zwar diesen Zuständen entgegen, erreichten aber leider sehr wenig. Sogar auf dem prächtigen Kinerethsee ist die Fahrt unangenehm und beschwerlich, im Winter sogar Gefahr bringend. Soweit die Schiffahrt. Und die Fischerei? Wer kennt nicht den Mangel und die Teuerung der Fische, selbst in den Hafenstädten! Der Fischfang ist bei un§i vom iWetter und von der eigenartigen Arbeitsweise abhängig. Unsere Küste ist sehr flach, und man muß sich ziemlich weit ins Meer hinauswagen, um in fischbare Tiefen zu gelangen. Dies ist aber dem arabischen Fischer schon deshalb nicht möglich, weil er kein geeignetes Boot hat. Daher vergehen oft Tage und Wochen, ohne daß in den Hafenorten ein Fisch gesehen wird und im Innern des Landes gibt es heute noch Orte, deren Einwohner überhaupt noch n i e einen lebenden Fisch zu sehen bekommen haben. Die Küstengewässer des Mittelländischen Meeres sind an Fischen reich: es kommen z. B. Flunder vor und in der Nähe des Baches Ssorek treten oft im Frühling Schwärme von Sardinen auf, die zur Konservierung sich sehr gut eignen. Wie unsinnig ist es, daß wir bei uns, wo so viel Oel und Fische vorhanden sind, soviel Geld für einen gesalzenen oder geräucherten Fisch oder für eine Büchse Sardinen bezahlen, die aus der Ferne kommen. Die große Fleischteuerung, die während des Krieges wegen Mangel an Vieh eingetreten ist, vergrößert noch die Gewinnaussicht für die Verbreitung des Fischfanges. Der Bedarf an Fischen ist groß; auch die Araber, die ja wenig Fleisch essen, verlangen oft nach Fischen: das warme Klima läßt den Fisdhgenuß geeigneter erscheinen, als die Fleischnahrung. Durch eine zweckmäßige Organisierung der Fischerei im Lande könnte man den Markt beeinflussen und den Preis der Fische so herabdrücken, daß sich auch der Airbeiter die Fischkost erlauben kann. Welcher ist der Weg, der zu diesem Ziele führen kann? Anwendung moderner Systeme und Geräte, die eine Fischerei größeren Umfanges ermöglichen, werden schnell einen Abbau der Fischpreise herbeiführen, und trotzdem durch erhöhten Absatz den Fischfang gewinnbringender machen als je. Ein Abbau der Preise und eine gleichzeitige Steigerung der Produktion ist aber unerläßlich zu einem Zeitpunkt, an dem wir die Masseneinwanc^rung erwarten, der im Fisch eine geeignete Volksnahrung geboten werden kann. Im Kriege erkannte die deutsche Militärbehörde den Fischreichtum unseres Landes und trat mit indischen Unternehmern in Verbindung zwecks Herstellung von gesalzenen und geräucherten Fischen. Man muß gestehen, daß dies sehr gut gelungen ist, eine an sich geringfügige Tatsache, die aber zu vielem Nachdenken anregt. Seit 40 Jahren beschäftigen wir uns mit der Kolonisation unseres Landes, — warum haben wir dabei seinen Gewässern gär keine Aufmerksamkeit geschenkt? Warum haben Wir bei der Rückkehr zum Leben unserer Vorfahren das „Chof jamnim jischkon“ und das ,<6acharnu eth hadagan“ vergessen? Die Fischerei ist doch in manchen Ländern noch heute die Quelle des Wohlstandes. So haben z. B. die Polen während der deutschen Okkupation vorwiegend von den Fischen der Weichsel gelebt. Besonders sei aber auf das norwegische Volk hingewiesen, dessen gesamtes Leben zu einem großen Teil auf der Ausnutzung der Wasserwirtschaft beruht. Und sollten alle unsere Gewässer mit ihren mannigfaltigen Reiehtümern nicht imstande sein, ein Volk zu ernähren? Das Tote Meer allein kann tausende von Arbeitskräften beschäftigen. Der Asphalt, das Karnalit (als Dünger), das Brom und die Bearbeitung der anderen in ihm oder in seiner Nähe sich befindlichen Salze könnten eine besonders wichtige Ausbeute für unsere Wirtschaft liefern. Und die Gewinnung von Schwämmen und die Perlmutterarbeiten, die bis zurzeit ein Monopol in in den Händen der christlichen Araber in Syrien sind, sollten ebenfalls in Zukunft eine besondere Aufmerksamkeit finden. Bisher ist nur in einem einzigen Fall von jüdischer Seite versucht worden, Fische zu salzen una zu räuchern, und zwar durch einen jüdischen Unternehmer, dem ein russischer Sachverständiger zur Seite stand. Der Versuch mißlang, da der russische Spezialist bald darauf nach Rußland zurückkehrte, bevor es ihm noch gelungen war, die vorkommenden Fischarten und ihre Behandlung kennen zu lernen und weil die Versorgung mit lebenden Fischen durch arabische Fischer sehr unregelmäßig war, aus Mangel an guter Verbindung zwischen dem Kienerethsee und Haifa. Man kann zwar sagen, daß man unter der türkischen Herr Schaft fast gar keine „Experimente“ machen konnte, aber man hat doch solche in der Landwirtschaft gemacht, warum sollten sie also in der Wasserwirtschaft unmöglich gewesen sein? Geeignetes Menschenmaterial gibt es unter dem Diaspora Judentum genug. Jüdische Fischer, Bootsleute und sogar Schiffbesitzer gibt es besonders unter den Juden Salonikis in Menge. Warum ist dieser Beruf gerade in Palästina so vernachlässigt worden?