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Volk und Land · 1919-09-18 · Heft 38-39 (18.9.1919) · p. Seite 1209-1210

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 38-39 (18.9.1919)
Date
1919-09-18
Page
Seite 1209-1210 (sequence 17)
Language
German
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1209 VOLK UND LAND 1210 der frühere Hauptraum nunmehr nur noch zum Schlafen benutzt wird. Je nach der Konstruktion der ersten Bauten wird sich evt!. auch das Aiufsetzen eines Stockwerkes auf den gegebenen Grundriß und der Bau einer Treppe ermöglichen lassen, welches Verfahren dem bis jetzt in der Mehrzahl der Fälle bei Vergrößerungen im jüdischen Palästina geübten entspricht. Ob Anbau oder Aufbau zweckmäßig sein wird, läßt sich natürlich allgemein nicht sagen, sondern wird von der Größe des betreffenden Grundstückes, der Konstruktion des ersten Baues, den Kosten und der sonstigen besonderen Lage des Fa'les abhängig und daher in jedem Sonderfalle erst zu prüfen sein. Aehnlich liegen die Verhältnisse bei der Errichtung von Neubauten auf den Ansiedlungsgrundstücken in den Fällen, in denen der erste Bauteil später nur noch zu untergeordneten Zwecken, wie Werkstatt, Lager, Stall, Laden usw. gebraucht werden sollte. Auch hier wird die Frage, ob ein- oder zweistöckiger Bau, nur von Fall zu Fall zu entscheiden sein. In diesem Stadium des Bauens w^rd auch die Frage der Bedachung und der Be- und Entwässerung bereits eine größere Rolle spielen. Obwohl ja das flache Dach für den ganzen Süden das landesübliche und somit eigentlich das gegebene ist, werden dennoch Untersuchungen eingehendster Art darüber angestellt werden müssen, ob das schräge Dach sich nicht aus besonderen Gründen (Wärme- und Regenschutz, Reserveraum usw.) für unseren Fall auch unter besonderen Umständen eignet. — Die Be- und Entwässerungsfrage kann ja weniger von Fall zu Fall behandelt werden, da ihre Regelung zum größten Teile von dem Vorhandensein einer einem größeren Bautenkomplex gemeinschaftlichen Wasserleitungs- und Kanalisationsanlage abhängig ist. Hier ist der besondere Baderaum und das besondere Wasserspülklosett in jedem Ansiedlerhause natürlich der im Ideal erstrebte Fall. Ganz allgemein läßt sich sagen, daß das endgültige Ansiedlerwohnhaus für eine mittelgroße Familie bei einstöckiger Bauart eine mittlere Nutzfläche von etwa 45 bis 60 qm wird haben müssen, massiv in allen Teilen mit Rücksicht auf möglichst geringe Unterhaltungsarbeiten und Unterhaltungskosten, sowie aiuf Ungez'efer, gebaut sein zwei große und zwei kleinere Räume sowie einen ausreichenden Kellerraum enthalten muß. Die nach diesen Hauptgesichtspunkten der Anlage nächst wichtigen sind die Rücksicht auf gute Isolierung, Lüftung und Bereinigungsmöglichkeit, also hygienische Gesichtspunkte. Welche Bau- und Grundrißformen diesen am besten Rechnung tragen werden, läßt sich nicht allgemein sagen. Nur soviel s*eht fest, daß man keinesfalls den Fehler begehen darf, nun etwa einfach nord europäische oder nordamerikanische Bau- und Grundrißformen mechanisch nach Palästina zu übertragen, sondern, daß man sich auf das engste den besonderen Bedingungen des Landes und des Klimas amschmiegen und die vorhandenen, seit Jahrhunderten geübten landesüblichen Bauformen ebensowohl wie die Erfahrungen des modernen Kolonialbauwesens auf das eingehendste studieren und im zweckentsprechenden Falle berücksichtigen muß. Es ist bisher in dieser Schrift an keiner Stelle auch nur das geringste über die äußere Formgebung der Bauten gesagt worden, und das mit Absicht. Der Architekt steht auf dem Standpunkte, daß ein losgelöstes Problem der „äußeren Formgebung“ in der Baukunst, grundsätzlich gesprochen, gar nicht existiert. Die äußere Form ergibt sich zwingend aus der inneren. Wird „gut“ gebaut werden, so werden die Bauten auch eine gute, angemessene und angenehm wirkende äußere Form haben, wird nach dem Grundsätze „billig und schlecht“ gebaut werden, so wird der geistreichste und geschmackvollste sogenannte „Fassadenkünstler“ den wirklich verständigen und den sachverständigen Beurteiler niemals über die Hohlheit und innere Unwahrheit und somit Unschönheit seiner eben dann in Wahrheit nur „äußeren“ Form hinwegtäuschen können. Die sogenannte „äußere Form“ ist eben nichts anderes als das Antlitz unserer Bauten. Und so wie der urteilsfähige Psychologe hinter einem noch so „niedlichen“ oder „bedeutenden“ Lärvchen sehr bald die in Wahrheit häßliche oder unbedeutende Seele eines Menschen erkennen wird, so sieht der unverdorbene Geist des Volkes, ebenso wie der nicht in einer hergebrachten Denk- und Schönheitsform befangene Sachverständige, hinter der nur scheinbar schmückenden „Fassade“ sehr deutlich den inneren Unwert eines nicht nach den besten Regeln der Technik geschaffenen, und mit der äußersten Hingabe an die Idee wie an jede Einzelheit erfundenen Baukunstwerkes. Die Arbeit solcher technisch bestens durchgebildcten und erfahrenen und gleichzeitig wirklich echt und wahr (nicht schablonenmäßig) künstlerisch empfindender schaffensfreudiger und sich ganz der Sache hingebender Baukünstler ist einzig und allein imstande, dem Bauwerke, wie groß oder klein es auch immer sei, diejenige innere Schönheit zu verleihen, die sich dann auch stets im Antlitz des Baues als wahre äußere und nicht bloß , äußerliche“ Schönheit widerspiegelt. — Diese Auffassung des Architekten vom schönen und guten .Bauen l'egt so weit ab von jeder Art von „Sti'anwendung“ oder sonstiger „Fassadenkunst“, daß wohl nicht noch einmal besonders gesagt werden muß, daß er jede Anwendung eines äußeren „Stils“, sei es nun archaisch, romanisch, gotisch, Renaissance, Barock, Rokkoko, Biedermeier oder „orientalisch“, in gleicher Weise perhorresziert. Es gibt wohl einen inneren guten Stil des Bauschaffens, welcher der künstlerische Ausdruck der Zeit, ihrer Bedürfnisse und Möglichkeiten war und ist, der die großen Kunstformen vergangener Jahrhunderte geprägt hat und welcher auch die Formen unserer Zeit bestimmen wird. Doch kann man niemals die Anwendung solcher in gewissen Jahrhunderten oder Landstrichen geoffenbarten Kunstformen auf ein beliebiges Bauwerk unserer Zeit und u nseres Landes als „Stil“ bezeichnen. Es ist vielmehr unbezweifelbar, daß solche Anwendung im Gegenteil als höchst stilwidrig im eigentlichen Sinne bezeichnet und darum geradezu bekämpft werden muß, wenn wir jemals dazu gelangen wollen, uns einen eigenen Stil als den Ausdruck unserer Zeit, unseres Landes und unsere s Volkes zu schaffen. Daher wollen wir hier über das Thema „äußere Formgebung der Bauten“ nichts sagen, sondern nur immer wieder betonen, daß in jeder Beziehung so gut wie möglich gebaut werden müsse. Die gute äußere Form ergibt sich hieraus nach unserer Anschauung ganz von selbst. Und werden es wahrhaftige und vollwertige Juden und Künstler sein, denen dieses Bauschaffen anvertraut sein wird, so wird nach unserer Ansicht auch die Geburt eines wahrhaft jüdischen Stiles als des Ausdrucks der Seele des Schaffenden mit der gleichen Selbstverständlichkeit bald sich ergeben. — Darauf „abzielende Bestrebungen“ sind unserer Meinung nach lächerlich und unfruchtbar. Kultur läßt sich in keiner Art „erzielen“, sondern gebiert sich selbst unmerklich aus der Seele des Menschen und der

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