Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 38-39 (18.9.1919)
- Date
- 1919-09-18
- Page
- Seite 1207-1208 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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1207 VOLK UND LAND hausung, welche man treffend Winterkern“ nennen könnte, müßte der eine Raum a’s Küche dienen und einen Herd erhallen, der auch gleichzeitig den nebenan liegenden Wohnraum erwärmt. Ein solcher Winterkern wird in seiner Nüchternheit zweifellos die Ansprüche des Geschmacks nicht befriedigen, aber er ist ja nur ein Notbehelf, und es 'dürfte nicht schwer halten, ihn durch die Arbeit des Siedlers sehr bald zu erweitern und zu verschönen. Um diesen Winterkern sollen sich nämlich als Sommerhülle (die aber dann selbstverständlich für die Dauer erhalten bleibt), An- und Aufbauten gruppieren, welche in rohem Holzbau nach dem Blockhaus typ oder in irgend einer anderen Bauweise ausgeführt werden können, je nach den Materialien, welche gerade zur Hand sind. Auch Keller und Nebenanlagen soll sich der Siedler selbst schaffen. Die erforderlichen Baustoffe (und Anleitungen) müßten allerdings zur Verfügung gestellt werden, da hierbei jedoch Altmaterial verwendet werden kann und alle die praktische Verwendung im langjährigen Stellungskriege von Grund aiuf kennen gelernt haben, wird die Verwirklichung dieser "Ideen keine Schwierigkeiten bereiten. Zweifellos wird eine von einem tüchtigen Architekten erstellte Kleinhaussiedlung im schmucken Reihenhausbau von vornherein schöner wirken als eine Wild-West- Siedlung mit den kahlen Winterkernen. Aber wer weiß, wo sich die großen Massen des Volkes wohler fühlen werden. Der Phantasie der Siedler und ihrem Können ist hier weitester Spielraum gelassen, und wer jetzt im Kriege Gelegenheit hatte, die Stellungsbauten unserer Truppen im Felde zu sehen (auch wir Juden hatten ja eine sehr ansehnliche Truppenmacht aut russischer und österreichischer Seite im Felde), der wird von meinem Plan nicht all zu erschreckt sein. Ausschlaggebend aber ist vor allem, daß unsere „Mustersied'ungen“ sich tatsächlich nicht verwirklichen lassen, meine Vorschläge aber keineswegs im Monde liegen. Die Kosten für die fix und fertige Errichtung eines Winterkerns in Betonausführung und Massenherstellung belaufen sich aut 4000 M. — Aut keinen Fall darf eine sofortige Barzahlung zur Bedingung gemacht werden. Stehen dem Siedler Barmittel zur Verfügung, so werden ihm diese bei dem Ausbau seines Hauses, der Bestellung des Landes und eventuellen Anschaffung von Vieh sehr zugute kommen. Für den Ausbau des Winterkerns wird unsere Industrie zweifellos sehr bald normalisierte Ergänzungsteile auf den Markt werfen, etwa den Anljau einer Veranda mit Windfang, einer Spülküche und eines zweiten Schlafzimmers, oder den Aufbau eines vollständigen Obergeschosses. Das zugerichtete, fix und fertig abgebundene Material all dieser einzelnen Teile der Sommerhülle kostet heute (1919) etwa 4000 M., so daß jeder Siedler mit diesem Kostenaufwande in der Lage wäre, seinen kahlen Winterkern in ein geräumiges und manierliches Landhaus zu verwandeln. Dabei ist allerdings gerechnet, daß er diesen Ausbau selbst und lediglich mit Hilfe seiner Familienmitglieder vornimmt. Zur praktischen Durchführung der Siedlungspläne schließen sich die Siedler zweckmäßig zu Hundertschaften zusammen und erwerben gemeinschaftlich ein mit der nötigen Anzahl von Winterkernen bebautes Gelände. — Es ist durchaus nicht nötig, daß sich nur die Aermsten des Volkes zu solchen Siedlungen zusammenschließen, es ist sehr wohl denkbar, daß auch Leute mit 1208 einigen Mitteln Lust und Liebe zu einem derartigen Unternehmen bekommen, und dank ihrer besseren wirtschaftlichen Lage dann natürlich imstande sind, sehr ba'd eine gut ausgebaute und gut bestellte Mustersiedlung zu schaffen. So könnte sich z. B. für einen großen Teil unserer beschäftigungsloser jüngerer Offiziere hier ein weites Fe Ja befriedigender Tätigkeit bieten/* Soweit Dr.-Ing. Berlowitz. Einige Hinweise auf unsere jüdischen Verhältnisse haben wir bereits in Parenthesen Äeingefügt. Die Selbsttätigkeit des Siedlers wird — leider — bei uns aller Voraussicht nach bedeutend beschränkter, wenn auch keineswegs ganz auszuschließen, sondern vielmehr in jeder Weise zu fördern sein. Die Baumaterialien können sich für Palästina ändern. Die Bezeichnung „Winterkern“ ist in „Wohnkern“ oder „Siedlungskern' zu übersetzen. Aber das Prinzip der Erweiterbarkeit der ersten Anlage ist hier in mustergültiger und konsequentester Weise durchgeführt und die Beispiele gewähren dem Leser ein sehr lebendiges Bild dieser Möglichkeiten, die wir gerade für unseren Aufbau in Palästina unter keinen Umständen vernachlässigen oder aus dem Auge verlieren dürfen. — Der Freundlichkeit des Verfassers verdanken wir die Erlaubnis zur Veröffentlichung einiger Abbildungen, die wir ans Ende unserer Arbeit bringen werden. All diese angedeuteten Entwicklungsmöglichkeiten bauen sich jedoch auf der Voraussetzung auf, daß der Einwanderer selbst von derjenigen mittleren Mensehenqualität ist, welche das Gelingen eines jeden auf geordnete Arbeit und vernünftige Organisation aufgebauten Unternehmens erst möglich macht. — Ob wir solche Menschen in Wirklichkeit haben werden, wird aber auch zu einem großen Teile von dem Vorhandensein eines von Anfang des Aufbaues an vernünftig organisierten und die sozialen Möglichkeiten und Notwendigkeiten kennenden und berücksichtigenden Bauwesens und der daraus folgenden Qualität des Unterkunftswesens abhängig sein. Diese Erwägungen, mit denen wir unsere Betrachtungen über das Wohnwesen für die große Masse der Einwanderung schließen wollen, müssen es der Leitung des jüdischen Ansiedlungswerkes von Anfang an erstrebenswert erscheinen lassen mit einer in solchem Sinne geleiteten Ballgesellschaft zu arbeiten und die Ausführung ihrer Bauaufträge nicht der spekulativen’Initiative unkontrollierbarer Einzelner zu überlassen. Aus diesen und aus anderen Gründen (der Schwierigkeit der Bauarbeiterfrage) ist bereits in dieser Schrift an früherer Stelle darauf hingewiesen worden, daß es Sache der Baugesellschaft sowohl wie der Leitung des Ansiedlungswerkes sein müßte, ein möglichst enges Zusammenarbeiten herbeizuführen. Einleitende Schritte in dieser Beziehung sind bereits getan. Im folgenden wollen wir einiges über die Art der endgültigen städtischen und ländlichen Ansiedlerbauten und über die sofort zu unternehmenden Wohnhausbauten für den begüterten Teil der Einwanderung sagen. Wie aus dem im vorigen Abschnitt gesagten hervorgeht, wird] der größte Teil der endgültigen Ansiedlerbauten sich an der Stelle und im Zusammenhänge mit den ersten Behausungen für diesen, weitaus größten Teil der Einwanderung gestalten. — Bei einem Ausbau der vorhandenen ersten Anlage wäre etwa so zu verfahren, daß an das oben geschilderte Häuschen von etwa 30 qm zunächst ein weiterer besserer Raum von vielleicht 15 bis 20 qm Nutzfläche angebaut wird, der dann den Hauptaufen'thaltsraum für die Familie bildet, während