Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 38-39 (18.9.1919)
- Date
- 1919-09-18
- Page
- Seite 1205-1206 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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1205 VOLK UND LAND _---__1206 Hier wäre in erster Linie an die Schaffung einfacher G e m e i n s c h a f t s h ä u s e r za denken, welche neben den für die Verwaltung und für die materiellen Bedürfnisse der Einwanderer (Lebensmitteluna sonstige Verkaufsstellen für den Konsum, Barbier, Bäder usw.) erforderlichen Räumen auch solche enthält, die den geistigen, religiösen und seelischen Bedürfnissen der Ansiedler Rechnung tragen. Ein nicht übles Erfahrungsbeispiel haben wir hier in den bestbewährten „Soldatenheimen“ hinter der Front während des Krieges, deren Aufgabe eine ganz ähnliche war. Ein Zeitungs- und Bücherleseraum, ein Raum für Musik und künstlerische Genüsse anderer Art, eine Betstube, solange noch keine ordentlichen Gotteshäuser vorhanden sind und für den Teil der Einwanderung der an die Kultübung in „Stuben“ gewöhnt ist, und, fast als wichtigstes, ein Raum für die geselligen und politischen Zusammenkünfte der betreffenden Ansiedlergruppe wären die von solchen Gemeinschaftshäusern vorerst zu befriedigenden Anforderungen. Ob sie noch für andere soziale Zwecke in Frage kommen, wird sich jeweils nach dem Grade der Vergenossenschaftlichung oder Vergesellschaftlichung der betreffenden Gruppen richten. — Was außer diesen „Gemeinschaftshäusern“ oder Volksheimen vorerst an Bauten für soziale Bedürfnisse noch in Betracht käme sind Schulen (die von Anfang an stets mit Kindergärten zu verbinden sein werden) und höchstwahrscheinlich Ledige nheinle für die Unterkunft der alleinstehenden Jugendlichen. Das Bedürfnis nach Theatern ist bei der jüdischen Masse sehr groß und seine Befriedigung würde sehr wesentlich zur Hebung der Stimmung beirtagen. Solange ihm nicht in genügendem Umfange Rechnung getragen werden kann, kann es durch Lichtbildtheater (auch nach den Vorgängen der Heeresverwaltungen) mit geringeren Aufwendungen befriedigt werden. Für die Bedürfnisse der Krankenpflege haben wir die Wünsche unserer Aerzte zu hören, und ihnen möglichst weitgehend hach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Mittel nachzukommen. Der ideale Fall ist, daß jede noch so kleine Siedlung zum mindesten ihre eigene kleine Krankenstube für akute Fälle, nebst der dazu gehörigen Sanitätsperson, besitzt. Wir denken hier an die vorzügliche Einrichtung der „Revierstuben“ für jede Kompagnie im Felde. Daß größere Gemeinden oder innerhalb kleinerer Siedlungen zentral gelegene Orte größere Anstalten für Krankenuinterbringung besitzen müssen, ist ein gerade unter unseren Verhältnissen mit allen Kräften zu erstrebendes Ziel. Diese Bauten für die erste Unterbringung der Hauptmasse der Einwanderung werden, nächst den großen öffentlichen Arbeiten, zu denen sie ja teilweise ebenfalls gehören, vorerst die Hauptbautätigkeit im Lande und demgemäß dasjenige Objekt der Bauge - Seilschaft sein, dem sie ihr Hauptaugenmerk wird zu zu wenden haben. Alles, was zu ihrer besten Vorbereitung getan werden kann, muß in erster Linie von der Gesellschaft geleistet werden. Diese wird ja leider höchstwahrscheinlich bereits unmittelbar nach ihrer Ankunft im Lande vor der zwingenden Notwendigkeit stehen, sofort irgendwie loszubauen mit welchen Hilfsmitteln und Kräften auch immer, um nur das allernotwendigste Bedürfnis auf irgend eine Art zu befriedigen und einer Wohnkatastrophe vorzubeugen. Sie wira jedoch während dieser ihrer Tätigkeit und möglichst sogar auch schon von Europa aus die notwendigen Maßnahmen treffen müssen und können, um diesen Zweig der Baatätigkeit auf eine möglichst gesunde Basis za stellen durch Gewinnung der zweckmäßigsten Ban- , Inefhoden für diese Aufgaben, Heranziehung eines j geeigneten Arbeiter- und Technikerstammes und die ersten Maßnahmen für eine gründliche Verbesse - I rung der Einkaufs- und Transportbedingungen. Nur in Verfolg solcher Gesichtspunkte kann diese Tätigkeit für die Gesellschaft ertragreich werden; durch ihre Außerachtlassung können für beide Pari teien die schwersten dauernden Schädigungen her- | beigeführt werden. Diese ersten Unterkunftsb.auten sollen ja j keineswegs, so primitiv sie auch zu denken sind, derartig schlecht in Anlage und Ausführung sein, 1 daß sie nun nach wenigen Monaten oder im besten! Falle Jahren nur noch den Wert von Abbruchmaterial besitzen. Der Hergang ist vielmehr so zu denken, daß, sobald diese ersten schnellen und notdürftigen Bauten den steigenden Bedürfnissen der Einwanderung nicht mehr genügen und eine Hebung des Lebensstandes des Einwanderers es diesem auch nur einigermaßen gestattet, diese Bauten entweder verbessert, repariert und nötigenfalls durch Anbauten und Nebenbauten erweitert werden, oder, in noch besseren Verhältnissen, als Wohnhäuser ganz aufgegeben, für Werkstatt-, Stall- oder Lagerzwecke verwendet und durch bessere Wohnhausbauten ersetzt werden sollen. Durch eine diesen späteren Ansprüchen noch genügende und sie ermöglichende Art und Solidität der Herstellung wird es zu vermeiden sein, daß die ersten Bauten in kurzer .Zeit wertlos und die für sie aufgewendeten Millionen unverzinslich werden. Sie sollen vielmehr die Urzelle bilden, aus der heraus und um die herum der spätere Wohnstand des Einwanderers sich entwickelin kann So ist bei allen „primären“ Entwürfen für unsere Siedelungsbauten das „Ervveiterungsp r i n z i p“ durchzuführen. D. h. es muß durch den Zuschnitt der Parzelle sowohl, wie durch die Art der Anlage und Konstruktion des ersten Bauteils dem Siedler unbedingt die Möglichkeit der einfach zu bewerkstelligenden, organischen und billigen Erweiterung seines Anwesens geboten sein. Besonders wünschenswert ist es, die ersten Bauteile so anzuordnen, daß eine Vergrößerung nicht nur einfach und billig zu bewerkstelligen ist, sondern daß aus ihr dem Ansiedler auch ganz besondere Vorteile erwachsen, die ihn zur Vornahme dieser Erweiterung direkt anreizen, z. B. die Gewinnung eines Wohnraumes, welcher größer ist, als seine bisherigen, trotz geringster Kosten. Unser als Typ 4 in Teil VI dieser Ausführungen vorgeführter Entwurf entspricht dieser Forderung. Dieses Erweiterungsprinzip kommt in neuen Bestrebungen aut dem Gebiete des Siedliungswesens vielfach zum Ausdruck. Am konsequentesten vielleicht in einer Veröffentlichung des Dr.-Ing. Alfred Berk)witz, Mitglied des Verbandes jüdischer Ingenieure, welche derselbe zuerst am 7. September 1919 in der „Vossischen ZeiFung“ erscheinen ließ. Wir geben Berlowitz Ausführungen hier in einem kurzen Auszuge wieder. Er schreibt in seinem, „Der Winterkern“ betitelten Aufsatze: „Als erste Unterkunft (für die anzusiedelnden deutschen Heimkehrer) vollkommen genügen würden zwei massiv erbaute Räume, welche sich über einer Betonplatte von etwa 4:8 m Ausmaß erheben und welche mit einem massiven Flachdach abgedeckt sein sollen. Von dieser Belm Folgenden wollen wir Einiges über die Art