Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 38-39 (18.9.1919)
- Date
- 1919-09-18
- Page
- Seite 1199-1200 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649306--0757-2650118- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1199 VOLK UND LAND flucht liegenden Himmelsrichtungen ermöglicht. Wir glauben, daß unsere Aerzte sich mit dieser Bauweise für vollkommen zufriedengestellt erklären würden. Behrens, einer der prominentesten Baukünstler der Gegenwart, kommt übrigens in seinem für Fachmann und Laien gleich lesenswerten, vorzüglichen Buche „Vom sparsamen Bauen“ (Verlag der Bauwelt, Berlin 19IS), bezüglich des Reihenhausprinzipes zu der Forderung: „Es ist im Interesse des Erfolges der Siedlungsarbeit nur dringend zu wünschen, daß die Prinzipien des Reihenhausbaues noch sehr viel konsequenter, großzügiger und fruchtbarer als bisher in die Tat umgesetzt werden.“ Hier ist in der Tat das Gebiet des Bauens auf dem, nächst den organisatorischen Maßnahmen, enorme Summen erspart werden können. Wenn wir bei Behrens sehen, wie allein durch den kleinen Fortschritt von der Reihenhauszur Gruppenhausbauweise z. B. an Aufschließungsgelände (Wohnstraßen und Gartenwege) 42 Prozent, an der Länge der befestigten Wohnstraßen und Hauptleitungen 20 Prozent, an der Länge der Ansch’iußleitungen 12 Prozent gegenüber der Reihenbauweise erspart werden, so können wir uns erst recht ungefähr einen Begriff davon machen, welche Unsummen von Volksvermögen bei der üblichen sinnlosen Anwendung noch zurückgebliebener undurchdachter Bauweisen nutzlos verschleudert werden. Nutzlos! Denn man glaube nur ja nicht, daß durch die so unendlich teureren veralteten Methoden irgendetwas, sei es in materieller oder ideeller Beziehung, für den Siedler gewonnen würde. Die billigen neuen Methoden sind es vielmehr, welche dank der Kunst und der Hingabe unserer Architektenschaft dem Siedler viel mehr an materiellen Werten und 'an Wohnlichkeit seiner Behausung zu bieten vermögen. Die Billigkeit wird hier eben nie auf Kosten der Qualität gewonnen, sondern „Billigkeit“ bedeutet, auch wieder nach Peter Behrens, nichts anderes, als das günstige Verhältnis des Preises zum Wert. — Und in diesem Sinne wollen wir auch in Palästina alles zu fördern bestrebt sein, was auf eine „Verbilligung“ im Bauwesen hinauskommt. Vernünftige Organisation und sparsamste Siedlungsplanung sind die beiden Eckpfeiler solcher Bestrebungen. An ihnen darf nicht gerüttelt werden. Dazu gehört übrigens auch, daß der beabsichtigte Umfang der Siedlungen stets möglichst groß gehalten wird, um die Lasten der notwendigen gemeinschaftlichen und öffentlichen Bauten aut recht viele Schultern zu verteilen. Auch müssen schon die Möglichkeiten einer billigen Verbindung zu den großen Verkehrswegen, Chausseen und Eisenbahnen, als Grundlagen in die Planung mit einbezogen werden. Wenn man nun aber einmal sowohl vom Stockwerkswie vom Reihenhaustyp für diese Betrachtung vorerst absieht, so bleiben, abgesehen auch von Material und Landschaft, nur zwei Haupttypen, die städtische und die ländliche Bauweise betreffend, übrig. Wir wollen sie im folgenden etwas eingehender betrachten, um uns wenigstens ein ungefähres Bild von der Wohngelegenheit für die Hauptmasse der Einwanderung in den ersten Jahren der Landerschließung machen zu können. Nehmen wir als Grundlage eine mittelgroße Normalfamilie, bestehend aus Vater, Mutter, zwei Kindern und einem erwachsenen Verwandten. Diese Familie wird vorerst in einem 'dreiräumigen Hause .von 30 qm oder etwas mehr Grundfläche ausreichend unterzubringen sein. Das Häuschen wird ohne Zweitel einstöckig zu errichten sein. — Je nach der mehr oder weniger festen Beschaffenheit des Baugrundes wird sich ein beson- 1200; deres Fundament ganz oder zum Teil erübrigen, i Gegen Unterspülung durch die heftigen Regengüsse des Winters müßte hingegen geeignete Vorsorge gei troffen werden.! Für den Hauptwohn- und Schlafraum sind lo! bis 18 qm Grundfläche vorzusehen, für den kleine-; ren Nebenraum, der allerhand Zwecken, besonders aber als Schlafgelegenheit für den angenommenen Verwandten (alte Mutter, Bruder oder dgl.) dienen soll, 6 bis 9 qm, und schließlich noch für einen kleinen Koch- und Wirtschaftsraum ebensoviel, so daß sich im ganzen 28 bis 36 qm nutzbare Fläche 30 bis 40 qm bebauter Fläche ergeben. Besondere untergeordnete Anbauten wie Eingangsvorhallen und evtl, auch Klosettanbau, Schuppen für Geräteaufbewahrung u. dgl. sollen in diesem ersten Stadium der Initiative des Eigentümers überlassen bleiben, was sicher zu bewerkstelligen ist. Darüber hinaus ist sogar zu vermuten, daß ein jeder im Wetteifer mit dem Nachbar bemüht sein wird, seine dürftige erste Installierung nun nach bestem Können nach seinem eigenen Geschmack und nach seinen persönlichen Bedürfnissen zu erweitern und zu vervollkommnen, was bei dem unleugbaren Triebe und der Begabtheit unserer Massen zu allerlei Bastelei und Handfertigkeit (selbstverständlich bei einige r Unterstützung und Förderung solcher Bestrebungen) sehr wesentliche Früchte für die Verbesserung des Wohn wese ns tragen kann. Sollten sich diese Voraussetzungen als nicht zutreffend erweisen, so müßten eben diese Vor- und Anbauten, besonders aber Klosett und ein Brauseraum von Anfang an, auch bei der kleinsten definitiven Behausung mit erstellt werden. In einem vorliegenden Projekte der Baugesellschaft sind diese beiden Räume ausreichend, aber mit Aufwendung geringster Mittel unter der zu dem flachen Dache emporführenden äußeren Freitreppe vorgesehen. Zur Errichtung eines solchen Normalhauses ist das jeweils verfügbare beste und billigste Material zu verwenden, sei es Lehm, Gjps, Zement, Ziegelsteine oder Kalkbruchsteine. Für das ideale Baumaterial für Wände und Decken eines derartigen kleinen Bauwerks könnten vielleicht 1 e ich tge brannte poröse Hohlziegel (Lochporöse!) gelten, doch erscheint es mehr als zweifelhaft, ob dieses ganz erstklassige Wohnbaumaterial sich für unsere Zwecke vorerst zu einigermaßen konkurrenzfähigen Preisen wird beschaffen lassen. Die Vorzüge dieses Materials sind seine außerordentlich hohe Isolierfähigkeit durch den porösen Brand und die Lochkanäle, seine bei aller Leichtigkeit sehr erhebliche Massivität, die einfache und dauerbare Anbringung und Verbindung des inneren und äußeren Beputzes, und endlich der Umstand, daß hierbei das ganze Bauwerk in einem einheitlichen Material hergestellt werden kann. Denn auch das flache Dach kann aus einer Schicht solcher, etwa 10/15/25 cm großen Steine auit einer leichten, nach dem Abbinden zu entfernenden Schalung hergestellt werden, und durch den Auftrag, einer 3 cm starken Schicht von Antiaquazement wasserdicht und gleichzeitig begehbar, also auch bewohnbar gemacht werden. Durch buschige Anpflanzungen rund um solch ein Häuschen kann sehr schnell eine weitere vortreffliche Isolierung erzielt werden. Die Pflanzen können das flache Dach in einer Höhe von etwa 2 m ebenfalls überdecken (auf Lattenspalier) und einen trefflichen Schutz gegen die senkrechte Sonnenbestrahlung bilden, übrigens aber auch einem Wohnen und evtl, auch Schlafen auf dem Dache (mittels fester Leiter zu besteigen) Schutz bieten. Die Bepflanzung der Wohnhäuser ist überhaupt