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Volk und Land · 1919-09-04 · Heft 36-37 (4.9.1919) · p. Seite 1171-1172

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 36-37 (4.9.1919)
Date
1919-09-04
Page
Seite 1171-1172 (sequence 30)
Language
German
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1171 judenfrage erwarten. Abgesehen davon ist aber der zur Erörterung stehenden Agrarreform auch in rein gffiilicher Beziehung grobe Bedeutung beizumessen. Die in der jüdischen Oeffentüchkeit Polens vorherrschende Auffassung, als wären die Juden an der polnischen Agrarfrage sachlich desinteressiert, scheint uns unberechtigt. Dieser Auffassung entsprach die nicht ganz klare Haltung der jüdischen Abgeordneten in den letzten Sejmverhandlungen, wobei der Zionist Grünbaum im Namen des nationaljüdischen Klubs die Erklärung abgab, er würde, obgleich die Juden an der ganzen Frage nicht interessiert sind, aus Gründen des allgemeinen Staatswohls für die Durchführung der Agrarreform auf Grund zwangsweiser und entschädigungsloser Enteignung eintreten, ferner für die Festsetzung eines Höchstbesitzes und die Unterbindung jeder Bodentransaktion. Für die von den polnischen Bauernparteien geforderte eritschädigungslose Enteignung des Großgrundbesitzes erklärte sich übrigens auch Abgeordneter Hirschhorn. Entgegen der Behauptung Abg. Grünbaums glauben wir, daß die Juden Polens und namentlich Galiziens an der Art der Lösung des polnischen Agrarproblems in erheblichem Maße interessiert sind. Es gibt in Polen, vor allem aber in Galizien eine verhältnismäßig und absolut nicht unbedeutende landwirtschaftliche jüdische Schicht, die sowohl Eigenbesitz wie Pachtland bewirtschaftet. Diese jüdische Schicht — sie zählte um die Jahrhundertwende in Polen 31 699, in Galizien 93 471 Seelen — ist an der polnischen Agrarreform unmittelbar interessiert. Allein, vom bereits Vorhandenen abgesehen, müssen auch Zukunftspläne und Notwendigkeiten in die Berechnung eingesetzt werden. Man spricht bei ums häufig und nicht ohne Berechtigung von Berufsumschächtung. In der Tat, die Gesamtlage des jüdischen Handels und Handwerks ist infolge wachsender Ueberfüllung längst unhaltbar. Der große, 70 «u aller Erwerbstätigen umschließende jüdische Mittelstand in Polen fällt einem rapiden Verelenduugsprozeß anheim. Das unglückliche jüdische Industrieproletariat wird badd ein vollgültiger Bestandteil örtlichen „Luftmenschentums“ sein. H ier gibt es nur einen Weg: Jüdische Sozialpolitik. Die Ueberführung jüdischer Massen in die Landwirtschaft ist ein dringendes Gebot, vielleicht das dringendste Gebot dieser Stunde. Es gehört kein besonderer Scharfsinn dazu, um ziu erkennen, wie sehr diese jüdischen Bestrebungen von der Gestaltung der polnischen Grundbesitzerverhältnisse berührt werden. Auf ein anderes Moment von offenkundigem jüdischen Interesse sei in diesem Zusammenhang hingewiesen. Die polnischen Agrarreform Entwürfe sehen die Zuweisung von Boden an heimkehrende Militärpersonen vor. Es stehen Zehntauseude von Juden in den polnischen Legionen, die bei ihrer hoffentlich baldigen Heimkehr den Wunsch nach Ansiedlung hegen werden. Wird ihnen ihr Recht werden? Ein anderer Punkt dieser Entwürfe gesteht die Boden Zuweisung nur denjenigen zu, die für den Landwirtberuf theoretisch und praktisch vorbereitet sind. Nun, die jüdischen Anwärter werden in der Mehrzahl wahrscheinlich in der Lage sein, die Eignung sich erst nachträglich zu erwerben. Daß in den Entwürfen selbst keine Ausnahmen gegen Juden vorgesehen sind, genügt natürlich nicht. Abgesehen von all dem darf wohl mit Fug und Recht behauptet werden, daß auch die jüdische städtische Bevölkerung an den landwirtschaftlichen Reformbestrebungen in mehr als in einer Beziehung interessiert ist, was nicht erst erklärt zu werden braucht. Indessen tritt das sachliche Interesse der Juden an den polnischen Reformbestrebuingen hinter der allgemeinen politischen Bedeutung der Auseinandersetzungen auch für die jüdische politische Situation weit zurück. Als Folgewirkung der Aufro lung der polnischen Agrarfrage ist vorerst die Sprengung des übermächtigen antisemitischen Mehrheitsblockes eine Tatsache von einschneidender Bedeutung und ein Lichtblick. Die durch das Zusammengehen in der Agrarfrage bewirkte An- 1172 1 näherung zwischen den Linksparteien und der nationaljüdischen Fraktion dürfte günstigere Folgen auch für eine künftige Lösung der zweiten großen Frage Polens, der } Judenfrage, zeitigen. „Der Widerstand der Rechten,“ schreibt die Warschauer „Hazefira“ in ihrem Leitartikel vom 10. d. M., „hat auch den polnischen Bauern bewiesen, wo sie ihre wahren ■ Feinde zu suchen haben. Zwischen den Bauernparteien und den Rechtsgruppen ist ein klaffender Riß entstanden, der einen wichtigen Faktor für die Verbesserung der politischen Beziehungen im allgemeinen und der Haltung gegen die Juden insbesondere bilden wird.“ i („Jüd. Echo“.) Handel in Saloniki Die Importbewegung in Saloniki nimmt jeden Tag einen größeren Umfang an, besonders dadurch, daß die Eisenbahnlinie, die es mit Serbien verbindet, wieder hergestellt ist, und die Güterzüge bis Nisch und in kurzer Zeit bis Belgrad verkehren können. Große Ladungen besonders von Lebensmitteln und Artikeln, für die dringender Bedarf vorliegt, kommen von England und den Vereinigten Staaten an. Sie werden am Kai von einer Militärmission übernommen und nach Serbien weiter verladen. Etwa 10 000 Tonnen Waren sind schon angekommen, und man erwartet in kurzer Zeit weitere Schiffe. Auch der Schleichhandel nimmt nach dem „Semaphore de Marseille“ eine große (Entwicklung, da die vor dem Waffenstillstand angehäuften Warenvorräte nach Konstantinopel, Rumänien und Odessa abgeflossen sind und man sie jetzt erneuert. Die Importeure übermitljeln jedoch w'enige Aufträge nach Frankreich, weil eine regelmäßige Linie Marseille-Saloniki fehlt, sondern nach England, Italien und Spanien, auch weil sie sicher sind, sie von dort schnell ausgeführt zu sehen. Die italienischen Dampferlinien werden immer zahlreicher. Unabhängig von der „Servizi Martimi“ und der „Maritima Italiana“ besteht auch noch der Lloyd Triestino (ehemaliger österreichischer Lloyd), der schon neue Levantelinien errichtet mit schnell und bequem eingerichteten Dampfern, wie die „Praga“, „Karlsbad“, „Corintha“, „Gorniolia“. Diese Dampfer fahren von Triest ab und laufen Venedig, Brindisi, Kreta, Korfu, Piräus, Saloniki, Konstantinopel, Smyrna, Syrien, Alexandrien an. Zuerst sind die Dampfer, die jetzt zweimonatlich verkehren, vollkommen leer oder nur mit Passagieren gefahren, jetzt haben sie jedoch schon ganz ansehnliche Ladungen zu verzeichnen. . Verschiedene japanische Ladungen sind nach Saloniki mit Reis, Zucker und Stückgut von Aegypten angekommen. Der Export beschränkt sich auf Tabakladungen nach Holland, Ziegen- und Hammelfelle nach Marseille und Newyork. Deutsche Palästina-Bank, Berlin Nach dem Bericht des früher dem Fürsten Hohenlohe gehörigen Instituts mußten 1918 infolge weiteren Vorrückens der Entente sämtliche Filialen aufgegeben werden. Direktoren und Beamten sei es gelungen, mit dem größten Teil der Bestände nach Deutschland zurückzukehren. Die Abwicklung machte weitere erhebliche Fortschritte. Die Bestrebungen, bei den türkischen Filialen noch möglichst viel Außenstände hereinzubringen, die zunächst noch „sehr erfolgreich“ fortgesetzt waren, mußten allerdings aufhören. Auf Zinsen- und Wechselkonto wurden 1 127 694 (1 206 551) Mark und auf ProvLsionskonto 120 028 (157 573) Mark vereinnahmt, an Unkosten und Tantiemen 171 209 (165 458) Mark verausgabt. Der Ueberschuß von 1076514 (1 198 665) Mark wird, wie gemeldet, für Verluste, die die Anlagen der Filialen bringen könnten, wieder auf Debitoren abgeschrieben. Diese erscheinen dann nodh mit 1,73 VOLK UND LAND

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