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Volk und Land · 1919-09-04 · Heft 36-37 (4.9.1919) · p. Seite 1163-1164

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 36-37 (4.9.1919)
Date
1919-09-04
Page
Seite 1163-1164 (sequence 26)
Language
German
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1163 Lebensgev•■ohiiheilen. Wer solch ein Stuck Mittelalter so schön findet, daß er es der Wiederherstellung' für würdig hält, mag es gerade heraussagen; aber es geht nicht an, eine so bedenkliche Neu-Romantik, oder, um es präziser auszudrücken, so reaktionäre Tendenzen für revolutionäres Trachten auszugeben. Wer die Restituierung des Kleinvertriebs in Industrie und Landwirtschaft für das Mittel einer Menschheitsrenaissance hält, die das Echte und Wertvolle unserer Kultur in schlichten, kraftvollen Persönlichkeiten ausprägen soll, setzt dabei unbewußt Zustände voraus, die erst durch die moderne Technik geschaffen werden konnten. Warum, wird man fragen, sollte der Bauer und Kleinbürger eine mittelalterliche Figur sein? Könnten nicht auch ihm alle Hilfsmittel modernster Wirtschaftstechnik und eines entwickelten Genossenschaftswesens die Arbeit erleichtern und produktiver gestalten, könnten nicht Volkshochschulen und öffentliche Bibliotheken seinen Horizont weiten? Gewiß gibt es solche Möglichkeiten. Aber sie sind nur gegeben, wenn der Großbetrieb und die Wirtschaftstechnik nicht für überwunden und kulturfeindlich erklärt, sondern mit allen Mitteln vervollkommnet werden. ... Die Aufgabe der neuen, revolutionären Menschheit ist es darum nicht, auf die wundervollen Erfindungen des Menschengeistes, auf die akkumulierte Himarbeit all der Generationen zu verzichten und in hochmütiger j Verblendung die Kulturarbeit auf einer niederen Stufe von neuem zu beginnen, sondern die moderne Technik und Wissenschaft klug und weitschauend in den Dienst des Menschheitsfortschritts zu stellen. Vor allem auch in den Dienst der Persönlichkeit, die einsichtige Sozialisten so hoch schätzen, wie nur der fanatischste Individualist. Ein tolles Mißverständnis ist es aber, zu glauben, daß die Kultur der Feind der Persönlichkeit sei und Individualitäten nur in der Sphäre der Primitivität gedeihen. Der Kleinbürger und Bauer mögen dem Kultureuropäer, der den Schein für das Sein nimmt, 1164 des Kontrastes wegen als Originale erscheinen; in Wirklichkeit sind sie die gröbst zugehauenen Typen, die sieh denken lassen. Die wirkliche Persönlichkeit ist das Gegenteil undifferenzierter Primitivität, ist die Vereinigung von Talent und Charakter, ein glückliches Produkt von Philosophie und Lebenserfahrung. Und wenn sich, nach Goethe, ein Charakter nur im Strom der Welt bildet, so bildet das Talent sich in der Stille, in der Nachdenklichkeit freier Stunden. Will man die Masise zu Persönlichkeiten erziehen, so verschaffe man ihr vor allen. Dingen freie Zeit zum Lernen, zum Ueberdenken, zur freien Betätigung der geistigen Kräfte. Freie Zeit aber gewinnt die Menschheit durch die Entwicklung der Technik, durch die Anwendung arbeitsparender Maschinen, durch die Emschirrung der Naturkräfte in den Dienst der Gesellschaft. Die Auffassung, daß der Arbeiter, der sein Handwerk liebevoll zur Kunst entwickelt, mit viel innigerer Anteilnahme an seiner Arbeit hängen wird, als der Teilarbeiter, der eine Maschine bedient, ist unstreitig richtig. Aber so sehr wir auch den künstlerischen Geschmack entwickeln und allen Gerätschaften des täglichen Lebens ein künstlerisches Gepräge geben wollen — der Typus des Kunsthandwerkers ist doch nicht die letzte und höchste Menschengattung, so wenig wie der mit Chinesenhafter Emsigkeit seine Scholle bewirtschaftende Kleimi bauer. Die körperliche Arbeit soll doch schließlich nicht den Endzweck des menschlichen Daseins bilden, sondern nur die Voraussetzung seiner höchsten Lebensfunktionen. Tolstoi meinte es, an seinem Lebensabend freilich, - ehrlich mit seiner Lebensphilosophie. Aber unter den Literaten und Aestheten, die für Tolstois Lehre schwärmen, würden es im Ernstfälle neunundneunzig von hundert ablehnen, selbst tagaus, tageiin zu 6chmieden, zu zimmern oder den Acker zu pflügen. Und ihr Instinkt, der sich dagegen auflehnte, wäre zuverlässiger als ihre Logik und Psychologie. (Die Weltbühne.) Heinrich Strobel. VOLK UND LAND AUS POLITIK, WIRTSCHAFT UND PALAESTINA ■ ARBEIT iiiMimiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinin POLITISCHES Aufruf des Zentralkomitees der Zionistischen Organisation in Polen; An das jüdische Volk! Juden! Zionisten! Der Seym hat den Friedenstraktat mit Deutschland und zusammen mit ihm den besonderen Traktat zwischen der Entente und Polen, in dem unsere nationalen Minderheitsrechte garantiert werden, ratifiziert. Es ist also eine Tatsache: Die polnische Regierung hat sich verpflichtet, alle Rechte, die uns> durch den Friedensvertrag garantiert und in einem besonderen Traktat, der Polens Unabhängigkeit und^ Souveränität sichert, bestätigt werden, in Wirklichkeit durchzufünren. Die Minderheitsrechte, die man uns so hartnäckig verweigert hat, sind als internationale Verpflichtungen anerkannt worden. Der Traktat bezüglich der religiösen, nationalen und Sprachen-Minderheiten wird für uns die Charta magna der nationalen Rechte sein. Nicht alle unsere Forderungen, die durch unsere Vertreter in Paris vorgebracht wurden, sind in ihm erfüllt; dies ist aber der erste Schritt. Zum ersten Male haben es die großen westeuropäischen demokratischen Staaten begriffen, daß die jüdische Frage nicht durch Assimilation geregelt und die Lebensbedürfnisse der jüdischen Volksmassen nicht auf diese Weise befriedigt werden können. Man hat es begriffen, daß die Judenfrage im allgemeinen und besonders in den Städten, wo die Juden in kompakten Massen wohnen, in erster Linie eine nationale Frage ist, die nur dann gelöst werden kann, wenn das jüdische Volk die Möglichkeit erhält, seine nationale Eigenart zu pflegen und zu entwickeln. Man! hat endlich begriffen, daß nicht diejenigen, die den Unterj gang des jüdischen Volkes erstreben, daß nicht die; Assimilanten das Judentum vertreten, sondern diejenigen, die die Wiedergeburt des Volkes und seine Befreiung erstreben. Und darum bezeichnen wir den Traktat als unseren Sieg, als erstes Resultat des Kampfes, den wir schon seit vielen Jahren für, unsere Befreiung führen. Wir waren die Ersten und die Einzigen, die die Judenfrage nicht in viele Lokalfragen, die nur einen losen Zusammenhang haben, zergliedert haben; wir waren die Ersten und die Einzigen, die die Judenfxage als eine einheitliche all weltliche Frage aufgestellt haben, als eine Frage, die nur von dem internationalen Forum gelöst werden kann; wir waren die Ersten und die Einzigen, die die jüdische Frage ganz beantworteten: ein nationales Heim für das jüdische Volk in Palästina und das Recht, das jüdische Leben in der Diaspora auf der Grundlage des Selbstbestimmungs- und Selbstverwaltungs- Rechtes aufzubauen; und niur auf diesem Wege haben Wir da9 Recht und die Möglichkeit erhalten können,

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