Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 36-37 (4.9.1919)
- Date
- 1919-09-04
- Page
- Seite 1161-1162 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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1161^== VOLK UND LAND - . 1162 das herrschende Zentrum unseres geistigen und religiösen Lebens und selbst mit dem bescheidenen Maßstab unserer kümmerlichen Gegenwart gemessen, ist es noch in ihr eine vorwiegend jüdische Stadt. Um wieviel mehr haben wir den Anspruch zu erwarten, daß die Zukunft mit der Erfüllung mehrtausendjährigen Höffens und Streben s ein wahrhaft jüdisches Jerusalem Wiedererstehen lassen wird. Die Berechtigung dieses Anspruchs ist durchaus unabhängig davon, wie sich die politische Form des künftigen Palästinas gestalten und wie weit der Rahmen der uns zufallenden Rechte und Befugnisse gesteckt werden mag. Ebensowenig beeinträchtigt unsere Forderung die selbstverständliche Anerkennung der traditionellen Ansprüche, welche die anderen Religionen auf ihren Anteil am Jerusalem der Vergangenheit erheben. Das neue Jerusalem soll sich jedoch, ebenso wie es ehedem das alte war, zu einer jüdischen Stätte, erfüllt von unserem Geiste, entwickeln. Wir danken England alles, was es bisher für die Hebung und Gesundung der Stadt getan hat. Wir vertrauen darauf, daß es auch weiterhin seine Tatkraft, seine reichen Mittel und die Erfahrungen seiner Fachleute im weiten Umfange im Interesse der Förderung der Hauptstadt zur Verfügung stellen wird. Aber wir dürfen auch fordern, daß wir hierbei nicht ausgeschaltet und der Einflußnahme beraubt werden. Der Aufbau des neuen Jerusalem, nicht nur des geistigen, sondern auch des wirklichen, ist eine Aufgabe von höchstem jüdischen Interesse, deren Lösung nicht ohne unsere weitgehende Mitarbeit erfolgen darf. Dipl.-Ing. M. Hecker. | —— STIMMUNGEN UND MEINUNGEN iitttHMiHiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHnMiiiiiimiHiuumiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiii Vom „Bauern - Ideal“ „In unzähligen Varianten hört (und Liest man jetzt eine Doktrin, die im Grunde doch an die Mittelstandsretterei reaktionärer Zunftschwärmer höchst bedenklich anklingt. Und was man für die Industrie postuliert, fordert man erst recht für die Landwirtschaft. Der Kleinbetrieb, der mit chinesischer Emsigkeit und Peinlichkeit das Stückchen Scholle bearbeite, sei nicht nur die ergiebigste Betriebsart, die das dichteste Volksgewimmel ermögliche, sondern auch die natürlichste, den psychischen Bedürfnissen angemessenste Form der Landwirtschaft. Aber die Schüler RousSeaus und Tolstois gehen noch viel weiter in leidenschaftlicher Anpreisung des Kleinbetriebs. Er‘allein stelle die naturgemäße Lebensweise dar, er allein könne die Menschheit vom Fluche einer falschen Kultur befreien. Die ganze moderne zivilisatorische Entwicklung habe sich in eine Sackgasse verrannt. Ein besonders verhängnisvoller Irrtum sei der Kult der technischen Vervollkommnung. Diese Technik habe den Menschen in Wirklichkeit zum Sklaven eines unbarmherzigen Mechanismus gemacht. Die Teilung der Arbeit, die Spaltung der Berufe, die Verfeinerung der Genüsse, die ganze vielgepriesene Kultur samt Wissenschaft und Kunst seien nur Krankjieitssymptome und Verfallserscheinungen eines von Grund aus falschen Systems. Erst die Vereinfachung der Arbeitsmethode, die Rückkehr zur Natur werde die Menschheit vom Schwindel dieser ganzen Afterkultur erlösen und wieder starke, gesunde Persönlichkeiten schaffen. Nun, weder RousSeaus Naturevangelium noch Tolstois moralische Anpreisung der primitiven Lebensweise haben die Entwicklung der komplizierten Produktionsformen und Gesellschaftszuständen zu hemmen, ja auch nur zu verlangsamen vermocht. Die einseitige Philosophie dieser Primitivitätsapostel war nur ein Stück nützlicher Gesellschaftskritik, die vor einer Überschätzung fbrmaltechnischer Fortschritte warnte und die Selbstzufriedenheit des Kapitalismus und Liberalismus bekämpfte. Aber heute, wo die 'wirtschaftlichen Folgen des Krieges das ökonomische Gebäude unserer bisherigen Gesellschaftsordnung so schwer erschüttert haben, kann die Verdammung de® Wirtschaftsfortschritts und der maschinellen Technik verhängnisvoll werden. Heute kann die Anpreisung des Primitiven und Urväterlichen den Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens gefährden und einen Rückfall in überwundene Zustände begünstigen helfen. Und das wäre ein großes Unglück. Sicher ist, daß das Maschinenzeitalter des Kapitalismus nicht das letzte Stadium der Entwicklung sein kann. Denn es schuf zwar für eine diünne Schicht Privilegierter unerhörte Möglichkeiten körperlichen und geistigen Genie ßens, für die große Masse aber die brutalste Arbeitsversklavung. Alle revolutionären Elemente sind sich denn auch darin einig, daß die® System der Kapitalsherrschaft und der proletarischen Hörigkeit verschwinden muß. Nichts aber wäre schlimmer, als die Rückkehr zu älteren Formen der Wirtschafistechnjk, als die Flucht in® europäische (oder asiatische) Mittelalter mit seiner handwerksmäßigen Form der Gütererzeugung und seiner bäuerlichen Kleinwirtschaft. Krapotkin weiß uns so viel Rühmliches von dem Wirken der mittelalterlichen Zünfte und Gilden zu sagen. Und in der Tat: wenn wir heute so manches prächtige Münster, so manches Rat- oder Zunfthaus bewundern, so staunen wir, wie Gewaltiges der Gemeinschaftswille dieser mittelalterlichen Handwerksmeister und Kleinbürger schuf. Aber unser klarer Blick und die Geschichte haben uns längst auch die Kehrseite sehen gelehrt: die ragenden Dome und prächtigen öffentlichen Gebäude standen im Gewimmel dumpfer, lichtk>ser Gassen für abergläubische Bewohner, die unserm Mensehenideal mindestens ebenso fern sind, wie die geknechteten Fabriksklaven oder die in Luxus und Snobismus entarteten Vertreter der Plutokratie. Der Kleinbürger ist iim Grunde nur ein soziales Mißgeschöpf, und nicht minder der Kleinbauer. Nur wer den Bauern nicht kennt, dichtet ihm jene Eigenschaften an, die ihn für unsere Naturapostel zum strahlenden Vertreter wahrsten Menschentums machen. Schon Jeremias Gotthelf und Karl Immermann wußten lange vor Maupassant sehr genau, wie der Bauer in Wirklichkeit aussieht. Er ist, wie jeder Mensch, ein Produkt seiner Lebensumstände, seiner Arbeitstätigkeit. Und hart, wie der Kampf mit der Scholle, hart, wie die schwielige Faust des Bauern, ist auch sein Gemüt. Keine Schicht hängt mehr am Besitz, identifiziert restloser Besitz und Persönlichkeit, als der Bauer. Keine Menschengattung ist mißtrauischer gegen alles Neue, eingekapselter in Traditionen und Bräuche, als der primitive Lamdbauer. Besitzhochmut, Geiz, Feindseligkeit gegen alles Kulturelle, J/erachtung von Wissenschaft und Kunst sind seine hervorstechendsten Eigenschaften. Die Bauernphilosophen und Bauerndichter beweisen nichts gegen die Regel, denn rühmliche Ausnahmen gibts in jeder sozialen Schicht. Wer uns also von der Herrlichkeit des Handwerks und des Bauerntums vorschwärmt, sollte sich dessen bewußt sein, daß er sich damit auch für kastenmäßige Borniertheit begeistert. Denn engstirnige Zünftelei und rustikales Barbarentum sind keine Zufallserscheinungen, sondern die natürlichen, unausbleiblichen Ergebnisse der kleinbürgerlichen und bäuerlichen Betriebsweise und