Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 36-37 (4.9.1919)
- Date
- 1919-09-04
- Page
- Seite 1155-1156 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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156 1155 ■ - -^= VOLK UND LAND =-- .■■-= 1 _i_ |- - — -REFERATE -=|| ZIONISTISCHE BEWEGUNG Die neue Lage Die englische Regierung hat den Okkupationsbehörden in Palästina eine Order zugehen lassen, in der sie an die bekannte Balfoursche Erklärung vom 2. November 1917 erinnert und die Okkupationsbehörden anweist, es als eine vollendete Tatsache zu betrachten, daß Palästina die nationale Heimstätte der Juden werden soll, ln der Order wird den britischen Behörden in Palästina des weiteren aufgegeben, der jüdischen Bevölkerung gegenüber eine diesem Standpunkt entsprechende Haltung einzunehmen. Der Umstand, daß die Juden augenblicklich noch eine Minorität in Palästina darstellen, sei kein Grund, von dieser Haltung abzugehen. Diese Erklärung der englischen Regierung wurde zu einer Notwendigkeit angesichts der Klagen, die über das Verhalten der englischen Militärbehörden in Palästina gegenüber den Juden in wachsendem Maße laut wurden. Die englischen Militärs in Palästina kommen meistens aus dem Orientdienst Großbritanniens, aus Aegypten, Nubien, Indien usw. und sind gewohnt, mit einer mohammedanischen Bevölkerung fertig zu werden und ihre Politik mit Rücksicht auf diese anzupassen. Mit Juden haben sie noch nie zu tun gehabt und haben sich offenbar auch wenig willig und fähig gezeigt, umzulemen. Wir in Deutschland kennen ja ähnliche Verhältnisse sehr gut aus dem. Verhalten der deutschen Besatzungsarmee im Osten, und; wir wissen, wie schwer es einer Zivilverwaltung ist, sich gegenüber in solchen Fällen immer zitierten militärischen Notwendigkeiten durchzusetzen. In Palästina führte die Stellungnahme der britischen Behörden zu recht unerquicklichen Verhältnissen und Vorfällen, die in der jüdischen Bevölkerung einen Zweifel an der Wirksamkeit und dem Ernst der Bülfburschen Erklärung aufkommen ließen. Die so entstandene Unzufriedenheit hat ihren Ausdruck auch in der Presse gefunden und ist — wie es bei dem Zustand der jüdischen öffentlichen Meinung leider selbstverständlich ist . — vielfach zu abfälligen und häßlichen Bemerkungen über die „Erfolge“ der Zionisten ausgenutzt worden. Umso erfreulicher wirkt das starke und eindeutige Bekenntnis, das in der neuerlichen Erklärung der englischen Regierung zum Ausdruck kommt. Gutgläubig ist jetzt kein Zweifel an der Haftung der englischen Regierung gegenüber den zionistischen Bestrebungen mehr möglich. An und für sich konnte ein solcher Zweifel für den nicht bestehen, der die Grundlagen der englischen Politik kennt. Wenn von irgend etwas, so ist die englische Regierungsmaxime entfernt von einer Politik der halben Tatsachen. Es kann wie in vorliegendem Fall Vorkommen, daß äußere Umstände — die Rücksicht auf militärische Erfordernisse und die Empfindlichkeit verdienter englischer Heerführer — die Ausführung einmal beschlossener Maßnahmen verzögern. Wenn aber die englische Regierung sich so klar für die nationale Heimstätte der Juden in Palästina ausgesprochen hat, wie es in der Balfourschen Deklaration und dem ganzen Verhalten gegenüber den Zionisten zum Ausdruck kommt, ist es sicher, daß England nicht nur von dieser Politik ohne zwingende Gründe nicht wieder abgehen, sondern auch alles daran setzen wird, um sie bis zur letzten Konsequenz durchzuführen. Nachdem einmal das jüdische Volk mit der englischen Politik in so mhen Zusammenhang gebracht worden ist, wird es das Bestreben der englischen Regierung sein, nunmehr auch weiterhin so zu verfahren, daß die einmal erweckten Erwartungen nicht enttäuscht werden, daß das jüdische Volk zu der Ueberzeugung gelangt, daß es! Großbritannien verpflichteter und dankbarer sein muß als irgend einer anderen Macht der Erde. Nur wenn dieser Zustand cintritt, hat die von England unternommene Aktion den Erfolg, der feie auch für die englische Politik nutzbringend macht. Und die englische Politik ist zu durchdacht und geradlinig, als daß sie an dieser Folgerung vorbei* ginge. Sie arbeitet nicht mit halben Versprechungen und leeren Wendungen, sie weiß, daß es auf Realitäten ankommt und bringt dies1 in der Erklärung an die Behörden in Palästina zum Ausdruck. Die Ernennungen der neuen englischen Beamten für Palästina, die inzwischen bekanntgeworden sind, lassen ihrer ganzen Art nach erkennen, daß man entschlossen ist, nunmehr in der Tat die Entwicklung Palästinas zur nationalen jüdischen Heimstätte — soweit England dazu wirken kann — durchzuführen. Wir erfahren auch, daß bereits eine Verordnung ergangen ist, die außer der englischen, französischen und arabischen die hebräische Sprache als offizielle Sprache des Landes anerkennt, so daß in Zukunft jeder Jude mit jeder Behörde in Palästina in der hebräischen Sprache verkehren und einen Bescheid in dieser Sprache verlangen kann. Es ist anzunehmen, daß weitere Verfügungen dieser Art bald folgen werden. Die nationale jüdische Heimstätte in Palästina ist damit ihrer Verwirklichung einen großen Schritt näher gerückt. Es heißt keine Zukunftsmusik treiben, wenn man annimmt, daß die endgültige Festsetzung des englischen Mandats über Palästina zum Zwecke, aus Palästina die nationale jüdische Heimstätte zu machen, bald erfolgen wird, sowie nämlich durch den Abschluß des Friedensvertrages mit der Türkei die äußeren Vorbedingungen dazu gegeben sind. Was von außen zur Realisierung der alten nationalen Träume des jüdischen Volkes geschehen kann, geschieht offenbar. Um sio wichtiger ist die Frage, ob das jüdische’Volk selbst reif und; stark genug ist, um nunmehr auch für sich die Leistung zu erfüllen, die die große Aufgabe, vor der es steht, verlangt. Gerade unter diesem Gesichtspunkt muß festgestellt werden, daß schwere Schatten das glänzende Bild noch trüben. Das jüdische Volk steht nicht einig und geschlossen vor der weltgeschichtlichen Umwälzung, die es erwartet. Noch ist es in einen zionistischen und einen antizionis tischen Teil gespalten, und noch scheint es, als ob beide Teile ihre alte Gegnerschaft nicht vergessen können. Insbesondere muß es mit Bedauern erfüllen, wenn wir sehen, wie die liberale und orthodoxe Presse, vor allem in Westeuropa, auf ihrem kleinen VereinsstandpUinkt beharrt und offenbar glaubt, ihrem Prestige etwas zu vergeben, wenn sie sich vorbehaltlos zu dem großartigen Aufschwung der Lage des jüdischen Volkes stellt. Immer noch wird jede Schwierigkeit höhnisch und hämisch unterstrichen; wird an der Ernsthaftigkeit der englischen Absichten gezweifelt, wird den Zionisten vorgehalten, daß sie nichts erreicht oder daß sie nur deshalb etwas erreicht haben, weil sie nichts verlangt haben usw. Man könnte an der Zukunft des jüdischen Volkes verzweifeln, wenn man annehmen müßte, daß diese kleine, klüngelmäßige Auffassung von Volksipolitik tatsächlich dem Empfinden der breiten Massen entspräche. Dem ist aber nicht so. Nach allem, was zu uns dringt, sind die jüdischen Massen im Osten trotz der furchtbaren Verhältnisse, unter denen sie jetzt leben und die ihrer ganzen Art nach nicht geeignet sind, das Ver-