Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 36-37 (4.9.1919)
- Date
- 1919-09-04
- Page
- Seite 1147-1148 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649305--0726-2650086- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1147 VOLK UND LAND 1148 daß die englischen Baracken zumeist sehr gute Fabrikwaren waren, welche im Felde nur zusammengesetzt wurden, während de deutschen Baracken in der Nähe der Front fast ausnahmslos von Pionieren an Ort und Stelle aus dem rohen Material errichtet waren. Auch diesen konnte zum großen Teil eine sehr annehmbare Wohnlichkeit, welche in einzelnen Fällen sogar weit über die der englischen Fabrikware hinausging, zugesprochen werden. Wenn wir uns aji eine große Anzahl, zumeist Offiziersbaracken in den großen Waldlagern der Champagne und benachbarter Gegenden erinnern, so können wir nur wünschen, daß unsere Einwanderung fürs erste in Palästina annähernd ebenso zweckmäßig und komfortabel untergebracht werden möchte. In jedem Falle werden uns die im Kriege gewonnenen Erfahrungen für die schnelle und zweckmäßige Massenunterbringung bei vielen Gelegenheiten unserer ersten Ansiedlung von nicht geringem Nutzen sein können. Doch nähern wir uns mit diesen Vergleichen und Erwägungen bereits dem Probleme der Unterbringung an den „zweiten Punkten“ der Einwanderung. Es war davon gesprochen worden, daß ein sehr beträchtlicher Teil der Einwanderung, bevor er auf der ihm zugedachten Scholle endgültig zur Ansiedlung kam, bei der Ausführung der notwendigsten großen öffentlichen Arbeiten Beschäftigung und Verdienst finden sollte. Der Unterbringung dieser sehr erheblichen Arbeitermassen, welche natürlich auch nur eine provisorische sein kann, wird sich unsere Aufmerksamkeit an zweiter Stelle zuwenden müssen. Hier wollen wir die kurzen Notizen über provisorische Unterbringung von Bauarbeitern im Orient, die uns von befreundeter Seite in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt werden, und die das Ergebnis langjähriger Erfahrungen an Ort und Stelle enthalten, zur allgemeinen Information einfügen. Soweit es sich auf die Unterbringung eingeborener Arbeiter bezieht, wird sich manches davon auch für uns mit Nutzen verwerten lassen, jedoch müssen wir wohl für die Unterbringung europäischer jüdischer Arbeiter von Anfang an mit der Notwendigkeit soliderer Behausungen rechnen, wie diese weiter unten beschrieben werden. (Fortsetzung folgt.) ZUR LAGE DER M1TTELEUROPAEISCHEN JUDEN Von Dr. Die während der letzten Wochen stattgefundenen Ereignissen sowie überhaupt die politische Entwicklung in den neuen Nationalstaaten haben bedauerlicherweise die Gegensätze zwischen ihnen, sowie den Antagonismus zwischen den einzelnen Völkern untereinander und gegen die Juden sehr gesteigert. Die Flitterwochen all der neuen Staatsgebilde sind längst vorüber, mehr oder minder verhüllte Ministerkrisen, verschärfte nationale, konfessionelle und soziale Gegensätze, erbitterte Parteikämpfe und vor allem eine sich stets steigernde wirtschaftliche Not sind der Nährboden für den in allen Teilen des ehemaligen Donaureiches mächtig emporsprießenden Antisemitismus. Dieser äußert sich nicht mehr wie früher allein in den obligaten Angriffen gegen Juden in den Versammlungen und in der Presse, sondern ging bereits in 'Wien, Brünn, Lundenburg, Pest und in anderen ungarischen Städten, nach den traurigen Beispielen Polens und der Ukraine zur Tat über. Allerdings hat entsprechend dem Kulturgrade der Wiener Bevölkerung man sich hier darauf beschränkt, an die Ausweisung der polnischen und ungarischen jüdischen Flüchtlinge zu schreiten, während es in der Tschechoslowakei, sowie Ung arnvielfachzu handgreiflichen iE xzessen, vielfach sogar, so wie in den polnischen Landesgebieten, zu regelrecht organisierten Judenpogrome n kam. So sehr auch wirtschaftliche Motive den Boden der antisemitischen Hetze ebnen, in erster Linie, das kann nicht oft und nachdrücklich1 genug betont werden, entspringt doch der Antisemitismus bei Deutschen, Sklawen, Magyaren und Rumänen dem bis zur Gluthitze gediehenen, tollgewordenen n ationalen Fanatismus der extremen Nationalisten. Die nichtigsten Vorwände dienen dem nationalen Demagogentume der verschiedenen Völker H. K adisch. dazu, um auch im „NationaI“staate, in welchem sich die sozialen Gegensätze täglich mehr verschärfen, den Chauvinismus und den Antisemitismus immer von neuem aufzupeitschen, um die Bevölkerung über die wahren Ursachen ihrer Notlage hinwegzutäuschen. ln Wien verzögerte sich die Abfahrt der tschechischen Sokoln um 24 Stunden infolge der Verkehrsmisere und eines Zusammenstoßes zwischen ihnen und deutschnational-antisemitischen Chauvinisten. Einige Tage darauf erfolgte in Brünn und Lundenburg die Antwort, die in der Zertrümmerung deutscher Fensterscheiben, sowie in der Hetze gegen ‘Deutsche und Juden sich äußerte. Ertönten in Wien in der jüngsten Zeit bei antisemitisch-chauvinistischen Demonstrationen wiederholt Rufe: „Juden und Tschechen hinaus“, so folgte der Refrain in Tschechoslowakien „Deutsche und Juden hinaus“. In Brünn hat man übrigens nach dem Beispiele Wiens und Pests auch bereits die galizischen Flüchtlinge ausgewiesen. Daß unter den galizischen Flüchtlingen sich auch urchristliche Polen befanden, berührte nicht weiter die tschechischen Behörden, zumal da derzeit die Polen nicht besser bei der tschechischen Regierung angeschrieben sind', als die Deutschen und Magyaren. Speziell die letzteren scheinen trotz alledem, was sich seit einem halben Jahre in Ungarn abgespielt hat, und trotz der Besetzung der ungarischen Landeshauptstadt durch die rumänischen Truppen nichts gelernt und alles vergessen zu haben. Die magyarische Volksseele, hat trotz der verschiedenen Wandlungen, die Ungarn im Laufe des letzten halben Jahres durchgemacht hat, trotz des Zusammenbruches des magyarisch-oligarchisclhen „Juden“liberalismus, des kommunistischen Experimentes Beta Kuns,. der Okkupation Budapests durch die Armee des früher so gehaßten und verachteten Wallachentums sich nicht geändert, sie ist immer gleich empfänglich geblieben für den magyarischen Chauvinismus, der