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Volk und Land · 1919-09-04 · Heft 36-37 (4.9.1919) · p. Seite 1121-1122

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 36-37 (4.9.1919)
Date
1919-09-04
Page
Seite 1121-1122 (sequence 5)
Language
German
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VOLK UND LAND 1022 1021 Bewegung setzen“, sagte Herzl im Frühjahre 1903, als er glaubte, in El-Arisch eine große Kolonisationsmöglichkeit zu haben . . . ein deutliches Zeichen dafür, in welchem Geiste e r den Zionismus auffaßte. In diesem Geiste auch war die Organisation geschaffen, Schekel, Nationalfonds und Bank propagiert worden. Die großzügigs te Judenhilfe war Ausgangspunkt und Existenzberechtigung des noch unverfälschten Zionismus jener Jahre. Die Judenhilfe, die seither — unglaublich, aber wahr — von sogenannten zionistischen Führern als unzionistisch abgelehnt wird. Schlauköpfe, die die Rettung der Nation für „Philanthropie“ halten (!) und nicht begreifen wollen, daß es nichts Nationaleres geben kann. Das sind ungefähr die Leute, die im Palästina- Zionismus vom Lande ausgehen möchten, anstatt vom Volke, die da behaupten wollen, daß das Land ein unabänderlicher Begriff sei, nach dem das Volk mit sieinen Bedürfnissen sich zu richten habe, die da behaupten, daß durch keine Jiudennot in der Welt die Aufnahmefähigkeit des Landes auch nur um einen Juden vergrößert würde. Eine römerhafte Unerschütterlichkeit, die sich am Ende noch einreden wird, der gegenwärtige zionistische Kurs werde auch eine Katastrophe überdauern, in der alle Juden zugrunde gegangen wären. Wir müssen unbedingt von der durch solcherlei Gesichtspunkte mancher ihrer Organe und Personen kompromittierten Leitung eine unzweideutige und klare Aeußerung darüber verlangen, ob sie auf dem Boden des unverfälschten Zionismus steht oder nicht. Von denen, die seinerzeit Herzls Ablehnung jeder andern als der großzügigsten Palästina-Arbeit als zionistisches Dogma hinnahmen, und die heute — nachdem der Spruch der Mächte das Unmögliche ermöglicht und sogar gebietet — die Massenwauderung auf Amerika und Rußland ab wälzen wollen, — von diesen müssen wir ein uneingeschränktes Eingeständnis dieser grundstürzenden Sinnesänderung und die entsprechenden EWlärungen hierfür fordern. Unfug und Volksbetrug ist es, unter Berufung auf Zionismus und Herzl eine antizionistische, dem Sinne desl gefeierten Führers ins Gesicht schlagende Politik zu propagieren, der noch dazu die politischen, nationalen und wirtschaftlichen Erfordernisse der Juden und die tatsächlichen Möglichkeiten Palästinas diametral entgegenstehen*). *) Die Erklärungfür meine „Sinnesänderung“ gegenüber dem Herzischen Standpunkte, habe ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegeben. Ich habe Herzls Forderung, alles auf die eine Karte des „Charter“ zu setzen, bekämpft, weil der Charter „unmöglich“ war, und weil seine supermaximalistische Forderung ohne den von ihm als Voraussetzung verlangten Charter de facto und auch bewußt auf Untätigkeit hinauslief. Ich aber habe jederzeit das Maximum des Möglichen an Kolonisation (nach Quantität und Qualität) gefordert. Heute, wo Herzls maxi|- malistische Tendenz durch das „Wunder“ der Anerkennung Palästinas als jüdische Heimstätte ermöglicht ist, trete ich aus den völlig gleichen Erwägungen für Herzls) Standpunkt ein. Dies est meine Erklärung. Welches aber ist die derjenigen unter unsem Offiziellen, die für Herzte Standpunkt eintraten, als! er undurchführbar war, um sich in dem Augenblick gegen ihn zu wenden, in dem die erträumte und ersehnte politische Möglichkeit Einer derartigen, fast hoffnungslosen Unklarheit über die primärsten und primitivsten Grundlagen der zionistischen Bewegung gegenüber, wird es am Platze sein, nochmals eine logische Reihenfolge unserer Grundlagen zu formulieren. Vom jüdischen Volke, von seiner Lage und von seinen Notwendigkeiten geht die zionistische Bewegung aus. Sie hat erkannt, daß die jüdische Frage nur in und durch Palästina erfolgen kann. So haben wir das jüdische Palästina- Programm, bei dem aber das Volk der Zweck und das Primäre, das Land das Mittel und das Sekundäre ist, wie sehr auch dem Palästina als „Mittel“ der Charakter des Unbedingten innewohnt. Palästina vor allen Ländern, aber nicht vor dem Volke. Die Palästina-Lösung ist des Volkes wegen da. Wären nicht die Notwendigkeiten des Volkes, so würde uns der Zustand Palästinas nicht mehr interessieren, als etwa eine alte Stammburg. Es wäre schlimm, wenn Palästina nicht imstande wäre, unsere Volksfrage zu lösen. Wenn es! nicht möglich wäre, so hätte man sich das vorher überlegen müssen. Es ist aber möglich, und ich selbst habe diese Möglichkeit durch die Einbeziehung der Nachbarländer in unser Landprogramm wesentlich erweitert und gesichert. Die Fassungskraft des Landes wird bekanntlich sehr verschieden beurteilt. Dies ist aber keine Besonderheit Palästinas, sondern alle Länder der Erde zeigen je nach Notwendigkeiten und Arbeitsmethoden verschiedene Fassungskraft. Meistens hängt ihie Beurteilung auch von der Fassungsgabe und der „Mentalität“ des Beurteilenden ab. Es könnte genügen, wenn ich Ru pp in zitierte, der für unser nächstes Nachbargebiet, den Libanon, eine tatsächliche Bevölkerungsdichte von 1019 auf den Quadratkilometer anbaufähigen Landes feststellt. Danach würde Palästina für weit über 20 Millionen Menschen Platz haben. Ich selbst bin ganz ähnlicher Ansicht und habe im übrigen in der Libanonfrage darauf hingewiesen, daß die ägyptische Landwirtschaft (vom Großgrundbesitz abgesehen) eine noch viel stärkere Volksdichte aufweist als der Libanon. Wo Ruppin und ich (die beiden Antipoden in dieser Frage) derart übereinstimmen, ist weiteres Material kaum nötig. Aber dennoch ist mir die Feststellung Soskins, wonach bereits 4^2 Millionen Menschen auf dem vorerst bewässerbaren besten Zehntel des Landes Palästina Platz haben, zu wertvoll, um sie hier zu übergehen. Auch B al lods Berechnung, nach deT — auf der Grundlage der Autarkie — Palästina allein landwirtschaftlich 6 Millionen Einwohner ernähren kann, gehört hierher. Lehnen wir (wie auch Ruppin in seinem neuesten Buche) die Autarkie ab noch weit über Herzls. Erwartungen hinaus erngetreten ist? Sollten unsere „Fachleute“, wie etwa Oettinger und Ruppin, sich dahinter verschanzen wollen, daß sie den Herzischen Zionismus nicht mitgemacht haben, so würde das die Frage nicht entscheiden. Verantwortlich ist uns in erster Linie doch das Actions - Co mit 6, das ausnahmslos aus Leuten der Herzischen Periode besteht, und die weder das Basler Programm, noch die sonstigen Grundlagen des unverfälschten Zionismus von sich weiden abschütteln wollen.

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