Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1919)
- Date
- 1919-08-28
- Page
- Seite 1111-1112 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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1111 VOLK UND LAND 1112 halt bekam. Die Vereinsmitglieder selbst widmeten der Gartenarbeit ungefähr eine Stunde täglich. Wie vorauszusehen war, mißglückte dieser erste Versuch. Denn man war nicht recht vertraut mit den verschiedenen Gemüsearten, setzte sie zu spät oder zu früh, so daß ein großer Teil davon verdarb. Den Rest aber trug : man stolz zu Markt, wo man dann oft gebildete junge; Leute neben den Marktfrauen sehen konnte, in der einen; Hand einen Stoß Bücher, in der andern einen Korb mit! Gemüse, das sie feilboten. Das erste „Geschäftsjahr“ endete mit einem großen Defizit. j Doch der Gedanke, in Jerusalem Gemüse zu bauen, : hatte in der Stadt viele Anhänger gefunden. Ein energischer Arbeiter organisierte eine Gruppe von 5 Mädchen, übernahm den Arbeitsplatz des Vereins und auch dessen Arbeitsgeräte und pachtete außerdem noch eine Bodenfläche von 12 Dunam in der Stadt mit einem dazu j gehörigen Hause. Die Einrichtung und Bewirtschaftung i des Hauses überließ er den Mädchen und er selbst ar- ' beitete mit 4 Landarbeiterinnen auf seinem Boden. Trotz i des mißlungenen ersten Versuches machte auch diese Gruppe wieder ein Experiment: sie setzte Gemüse im j Winter, das eigentlich erst im Frühling oder Sommer | hätte gesät werden dürfen. Man hatte gehofft, mit diesem „Experimental“-Gemüse besonders hohe Preise! zu erzielen, statt dessen verwandelte sich der Gemüsegarten urplötzlich in einen Blumengarten, weil das Gemüse Blüten bekam, — und der Schaden war groß. Dann ging der einzige männliche Arbeiter dieser Gruppe in die jüdische Legion, und die Mädchen legten die i Arbeit nieder und übergaben das ganze Grundstück dem \ Palästina-Amt. Inzwischen beschlossen auch die Poale-Zion, eine I ähnliche Gruppe zu organisieren. Im Jahre 1918 mieteten sie ein Grundstück inmitten der Stadt, das ihnen aber bald von der Stadtverwaltung strittig gemacht wurde, und später ein anderes, kleineres, das von einem Genossen und mehreren Mädchen bewirtschaftet wurde, bis auch dieser Mann in die Legion eintrat und die Sache sich auflöste. * Jetzt wurde ein neuer Versuch gemacht. Man setzte beim Waad Hazirim die Anstellung von im Gartenbau bewanderten Lehrern der Schulen von Jerusalem durch. Die Kinder wurden nun zur Gartenarbeit angeleitet und sie widmeten sich ihr mit großer Freude. Um aber auch die Erwachsenen zur tätigen Mitarbeit heranzuziehen, bildete sich ein Verein „Land und Arbeit“, dessen Mitglieder es sich zur Aufgabe machten, von. dem Geld des Vereins, das durch einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von V2 engl. Pfund aufgebrachj wurde, mehrere Landarbeiter anzusiedeln. Zuerst schien dieser Verein sehr viele Mitglieder in seinen Versammlungen zu gewinnen. Bald aber stellte sich diese Annahme als. ein •Irrtum heraus, der dadurch hervorgerufen wurde, daß die Leute, durch die großen Plakate angelockt, meinten, sie tvürden hier Land umsonst geschenkt bekommen. Soviel Geld brachte man aber mit Hilfe des Palästina- Amtes, das dafür 160 Lstrl. gab, doch auf, um bei Moza eine Genossenschaft von mehreren Mann anzusiedelu, die jedoch mit einem großen Fehlbetrag arbeitete und sich schließlich auflöste, nachdem man sich zuletzt 2 Beiruther Kühe angeschafft hatte, die ungefähr 8—9 Lstrl. monatlich einbrachten. Dann suchte man die Waisenmädchen für die Gartenarbeit zu gewinnen. Man gab ihnen dafür eine Unterstützung von U/s Pfund monatlich; sie waren damit nicht zufrieden, erlangten aber nicht mehr — und kamen nicht mehr zur Arbeit. Eine englische Dame, die landwirtschaftliche Kenntnisse besitzt, hat nun die von den Waisenmädchen bearbeitete Bodenfläche übernommen und beschäftigt dort 50 Mädchen unter der Aufsicht von 2 Facharbeitern. Jedes Mädchen bekommt 2 Lstrl. monatlich. Hapdel- Hazai'r in Jerusalem organisierte einen Teil dieser Mädchen unter dem Namen „Chaluzah jerusdialamit“ und richtete ihnen Abendkurse und Sonnabendvorlesungen ein. Dieses Unternehmen geht sehr gut. Die Mädchen haben Lust und Liebe zur Arbeit und viele von ihnen gehen als Landwirtschaftslehrerinnen aufs Land. Außerdem hat das Palästina-Amt in Jerusalem eine Baumschule errichtet, daneben große Sämereianlagen und Blumenzüchtereien. Auch hier sind noch viele Hindernisse zu überwinden, doch sieht man deutlich, daß Jerusalem in Bezug auf den Gartenbau einen großen Schritt vorwärts gekommen ist, und es in nicht allzu langer Zeit von Gartensiedlungen umgeben sein wird. (Aus dem „Hapoel-Haza'ir“, Palästina.) Landwirtschaftliche Ausstellung in Jaffa Im Juni d. J. wurde än Jaffa unter Leitung des Agronomen Oettinger eine landwirtschaftliche Ausstellung eröffnet. Die Ausstellung ist sowohl was äußere Anordnung, wie auch inneren Zusammenhang anbelangt, trefflich gelungen. Sie verteilt sich auf sechs Zimmer, wobei in den vier Hauptzimmern folgende in die Landwirtschaft einschlägige Objekte gezeigt werden: Im ersten ist eine geologische und meteorologische Abteilung untergebracht, im zweiten die die Landwirtschaft schädigenden Gewächse und Insekten, darunter besonders verschiedene Arten von Heuschrecken, die speziell in Palästina den Kulturen schon seit biblischer Zeit so großen Schaden zufügen. Das dritte Zimmer enthält die Forstabteilung, während im vierten Zimmer Bodenprodukte wie Getreide, Gemüse usvv. ausgestellt sind. Industrie-Pläne In New York wurde eine Aktiengesellschaft mit einem Stammkapital von zehn Millionen Dollars gegründet, mit dem Zweck, in Erez Israel diverse Industriezweige wie. Baumwolle, Zuckerrohrpflanzung, Früchte und Fruchtkonserven, Viehzucht, Leder und Oele einzuführen. Der amerikanische Konsul in Palästina, A. Glasbrook, hat die Gründung der Gesellschaft befürwortet. Anläßlich der Misrachikonferenz ln Cincinnati wurden von den Teilnehmern Aktien im Betrage von 50000 Dollars übernommen. SOZIALES Auswanderung aus Amerika Schon seit längerer Zeit hat man sich in den Vereinigten Staaten mit der großen Einwanderung beschäftigt, welche, wie man annahm, nach Beendigung des Krieges einsetzen würde. Gesetzentwürfe wurden ausgearbeitet und diskutiert, welche diese Bewegung kontrollieren und in einschneidender Weise hemmen sollten und auCh auf dem Kongresse der Arbeiterföderation wurden dahingehende Resolutionen angenommen. Nun stellt sich aber heraus, daß für die Vereinigten Staaten die Frage der Auswanderung viel mehr Sorge zu verursachen geeignet ist, als die der Einwanderung. Wie übereinstimmend von verschiedenen Seiten gemeldet wird, hat eine ungemein starke Abwanderungsbewegung eingesetzt, welche das Maß der normalen Rückwanderung, mit der man reChnen zu können glaubte, weit übersteigt. Als Grund wird angegeben, daß insbesondere viele Angehörige jetzt befreiter oder politisch mächtig gewordener Staaten den Wunsch haben, in ihre Heimat zurückzukehren. Dazu kommt der Umstand, daß bei den zahlreichen aus Mittel- und Osteuropa stammenden Arbeitern schon die Ersparnisse von«“\renigen Jahren in der einheimischen europäischen Währung bereits ansehnliche Vermögen darstellen, schließlich wird auch behauptet, daß die amerikanische alkoholfeindliche Gesetzgebung vielen den Aufenthalt im Lande verleidet hat. Jedenfalls ist der Andrang derjenigen, welche sich um Pässq bewerben, um abzureisen, sobald der Trans-