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Volk und Land · 1919-08-14 · Heft 33-34 (14.8.1919) · p. Seite 1073-1074

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 33-34 (14.8.1919)
Date
1919-08-14
Page
Seite 1073-1074 (sequence 29)
Language
German
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1073 VOLK UND LAND Drei von vier Delegierten sind Feinde des arbeitenden Jischuw, nicht zufällige Gegner, nicht harmlos Unbedeutende, die drei Stützen der „Haesrach'partü, die bewußt auf dem Standpunkt der kapitalistischen Bourgeoisie steht, geben ihre fachlichen Gutachten auf der Londoner Konferenz. Sie zeichnen die Lage im Lande, eben jene Karikaturenzeichner, die die Schuld tragen an der Verhüllung der Wahrheit aus Palästina und an der Unkenntnis der verantwortlichen Stellen; eben jene nationalen Idealisten, deren Idealismus vor Berechnungen nicht standhalten kann; einige jener wunderbar sozialen Typen, die jüngst bei den Wahlen des Kolonial- Waad in Petach proklamierten, sich der Stimme enthalten zu wollen, weil sie mit den umstürzlerischen Arbeitern nicht gemeinsam an die Urne gehen wollten! Diese Vertreter lenken die Beschlüsse der Konferenz. Und wäre Wilkanski der vierte nicht gewesen und einige aus dem jungen Zionismus, so wäre vielleicht selbst die „Nationalisierung des Bodens“ nicht angenommen worden. Kann es da noch vvundernehmen, daß d:e Entschlüsse der Konferenz deutliche Zeichen der Nichtbeachtung der Interessen des arbeitenden Jischmv ebensosehr wie der Vernachlässigung der produktiven Stützpunkte im Lande zutage treten lasstn. Man denke sich: Für „das laufende Jahr 1919“ wird ein Budget aufgestellt, das sicli auf Hunderttalusende von Pfund beläuft. Und als man, notgedrungen sparsam geworden, sich einschränken will, findet das Aktionskomitee keinen von den Posten des Etats, der leichter zu streichen wäre als der Etat — für die landwirtschaftliche Arbeit. Es bleiben erhalten und bestehen (neben anderen selbstverständlich noch wichtigeren Summen): 48 000 Lstrl. für die Aufrechterhaltung der Polizei usw. (Gott sei Dank, das Galuth ist überwunden!) 38 000 Lstrl. für diie zionistische Palästinakommission; 50000 Lstrl. für „Unvorhergesehenes“; 50 000 Lstrl. für den Organusationsapparat in der Dias pora usw. und einem allerwichtigsten und dringendsten Bedürfnis, der Förderung und Unterstützung der produktivsten jüdischen Arbeit wird nicht die geringste Rechnung getragen! Das zentrale Problem des zionistischen Kolonisationswerkes ist die Schaffung einer bodenständigen, erdverwurzelten, ackerbautreibenden Volksschicht, die allein die tragfähiige Grundlage für den ganzen Bau der nationalen Heimat bilden kann; der Uebergang der Siedler zur Landwirtschaft ist durch eine zweitausendjährige Tradition innerlich besonders erschwert — und gerade die Geldsumme, die dazu hätte beitragen können, diesen Uebergang (durch Schaffung von 'Lehrfarmen, Musterstationen usw.) zu erleichtern und diese Grundlage zu sichern, wird unter allen Ausgaben, also als die unnötigste und leichteste, gestrichen. Oft schon gab es Kabinette in Europa, die weniger willig, weniger talentvoll, weniger fähig waren als unser „Aktionskomitee“, aber seit Erschaffung der Welt noch keine „Regierung“, die volksferner, ahnungsloser wau4, die so wenig das Allernotw'endigste, die nie wiederkehrende Pflicht erkannte. Proportioneil der Auffassung der Konferenz zeigt denn auch die im Budget erwähnte Palästinakommission während ihres ganzen Aufenthaltes im Lande weder Verständnis für die Lage der jüdischen Arbeit, noch für eine ernsthafte ökonomische Aufbau- oder Reformaktion. Weder mit den Juden Palästinas, noch mit den englischen Verwaltungsbehörden steht diese Kommission in gehörigem Kontakt. Die Expertisen von Eisenberg und Disengoff haben genügt. Der palästinensischen Arbeiterschaft bleibt nichts anderes, als in Versammlungen zu protestieren: gegen den Geist, der die Verantwortlichen im Zionismus beherrscht, gegen die Streichung des Arbeiteretats, gegen 1074 j die Unfäh'gkeit der PalaStmakommmission. Wer hat deu | Protest der palästinensischen Arbeiterschaft gehört? Wenn der Arbeiter fordert, bekreuzigt nun sich stillschw eigend im Namen des nationalen Idealismus, Das ist, summa summarum, das Fazit der Londoner Konferenz samt ihren Wirkungen für den arbeitenden Jischuw. LJnd das heißt mit anderen Worten: so ist in Wahrheit die Stellung der zionistischen Welt zum produktiven Palästina. Drei Schilling Tagelohn — das ist der Marktpreis, um den unsere junge Generation willigen l Ierzens ihre Arbeitskraft verkaufen geht. (Die Entlohnung der Jemeniten und Kurden ist natürlich noch viel schlechter.) Das große Ziel vor Augen, das sie ihrem Wachstum gesetzt hat, will sie stolz diese mühseligen Bedingungen ertragen. Das ist ihr Recht und ihr Stolz. Sind aber diese Bedingungen auch der Stolz unserer nationalen Kraftökonomie? Wir dürfen niemals vergessen, mit wieviel nutzloser Energieverschwendung selbst das Wenige geschaffen worden ist, das wir wirklich im Lande besitzen. In einem Tiefstand der Lebenshaltung, der Ernährung, Kleidung und Wohnung, der sich nicht länger ertragen läßt: Zwanzig Arbeiterinnen — die sogenannte Zwanziger- Gruppe in Kinereth —- wohnen noch jetzt in einer Stube, neben dem Pferdestall. Die Berliner Wohnungsstatistik, eine Musterkarte sozialen Elends, nennt „schon“ ein Zimmer, das von elf (nur elf) Personen bewohnt wird — übervölkert. Eine Siedlung mit Familien drei Jahre hindurch ohne jedes Gebäude — die sogenannte GiPadi-Gruppe in Obergaliläa. Wie wird dieses Leben auf die Arbeitskraft der Pioniere wirken? Wie ist es möglich, hier auch nur die elementarsten Vorschriften der Hygiene zu beobachten? Und wie wird der Nachwuchs dieser Siedler — notwendigerweise die wichtigste Sorge jeder nationalen Kolonisation — körperlich und geistig beschaffen sein können? Erinnert Ihr Euch nicht da an die Worte, die Tiberius Sempronaus Gracchus in der Volksversammlüng sagte, als er sein Agrargesetz einbrachte: „Jedes der Tiere, die Italien bewohnen, hat seine Höhle; nur Du nicht, Volk Roms . . . Und die Feldherren lügen, wenn sie sagen, Ihr kämpft für die Ehre und die heiligen Gütfcr der Römer!“ Und doch schätzen sich die Arbeitenden glücklich. Und, da sie schaffen dürfen, ist — w'ie durch ein Wunder trotz der Härte ihres! Daseins — ihre innere Spannkraft nicht erschlafft und ihre Schaffensfreude nicht erloschen. Aber nicht sie tragen das. schwerste Schicksal, nicht sie, sondern — die Arbeitslosen. Denn hinter dem ganzen Leben des! arbeitenden Jischuw droht das alte palästinensische Gespenst: die jüdische Arbeitslosigkeit. ... Der Kampf der Arbeit steht schlecht. Der Kampf um die Eroberung der Arbeit steht noch schlechter. Vor dem Krieg gab es Hunderte von Arbeitern in Palästina — und unter ihnen immer einige Dutzend von zur Zwangsfaulheit Verurteilten, Hungernden und Fiebernden. Das Lager der Arbeitenden ist heute kleiner geworden, die Arbeitslosigkeit größer. Nun gibt es heute bei allen Völkern mehr Arbeitslose als je. Wir, im Europa des Kriegsendes und der Revolutionen, haben uns an die Arbeitslosigkeit „gewöhnt“ als an eine alltägliche Erscheinung des gesellschaftlichen Lebens, deren Entstehungsgründe ebensosehr in dem plötzlichen Zurück fluten der Soldatenmillionen aus den Schützengräben in die Heimatländer, wie in der heutigen schweren Krise der europäischkapitalistischen Gesellschaft zu suchen sind. Die jüdische Arbeitslosigkeit in Palästina aber -— das soll betont werden — ist nicht mit diesen Maßstäben zu messen, denn sie ist im Wesen *und in den Wirkungen eine verschiedene, eine andersgeartete als alle europäi-

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