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Volk und Land · 1919-08-14 · Heft 33-34 (14.8.1919) · p. Seite 1071-1072

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 33-34 (14.8.1919)
Date
1919-08-14
Page
Seite 1071-1072 (sequence 28)
Language
German
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1072 1071 VOLK UND LAND Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung iür Deutschland (Ende Mai 1919) aus. Möglich, dal) er recht hat. Aber was ist dem Volk mit diesem Verständnis geholfen? „Man muß die Massen warnen,“ meinte ein anderer i Redner, „ihnen nicht etwa sagen, daß Palästina für ' sie für lange Zeit gesperrt ist, sondern gefühlsmäßig j etwa so argumentieren, daß es nun nach einem so endlosen Golus nicht mehr auf ein paar Jahre ankäme, wenn diese paar Jahre dazu nötig sind, Palästina zu einer Heimstätte für das jüdische Volk zu machen.“ Ein schlauer Rat! Aber ob sich die Massen nicht doch schließlich fragen werden, ob denn „die paar Jahre“ durchaus mit ihrem Untergang ausgcschmückt sein müssen? Ob es, damit ihre Kinder und Enkel später Palästina bevölkern, wirklich nötig ist, daß sie jetzt die Elendsstätten, die Irrenhäuser, die Landstraßen und die Gräber füllen? Nein, es genügt nicht, die Massen hinzuhalten, zu trösten und — obendrein etwas spät — zur Mäßigung ihrer Hoffnungen zu veranlassen. Man muß auch etwas für sie tun, nachdem man. ihnen die schönsten Hoffnungen nehmen mußte. Es genügt nicht — nach einem auf der vom 9. bis 11. März 1919 in Petersburg stattgehabten Konferenz der russischen Zionisten erstatteten Referate — durch eine Grenzsperre für die Emigranten Palästina retten zu wollen. Es genügt nicht,- den Ansturm der Emigration durch Informations-Büros und Aufklärungsarbeiten aufzuhalten. Es genügt nicht, kooperative Üebersiedlungsgesellschaften zu gründen, um dadurch katastrophale Folgen für Palästina zu verhüten, wie dies eben in Rußland geschieht. Man muß auch an die ungeheure Katastrophe der zurückgewiesenen jüdischen Menschen denken. Man muß auch den für Palästina aufgehaltenen Ansturm der Emigration irgendwo und irgendwie anders bewältigen. Man muß doch wohl außer Palästina auch die heutige jüdische Generation und mit ihr das jüdische Volk retten. Wie weit das Verkennen dieser Notwendigkeit geht, dafür ist eine erst jüngst erfolgte Bekanntmachung des Palästina-Amtes der zionistischen Organisation wohl der sprechendste Beweis: Da wird die Gründung eines Einwanderungsdepartements dieses Amtes, bzw. von Zweigbüros zur Information von, Leuten angezeigt, die aus Osteuropa, Nord- und Südamerika, Großbritannien und den britischen Kolonien auswandern wollen. Es wird der ganze technische Apparat der Emigrationsregulierung, aber inur iür jenen kleinen Bruchteil der Emigranten aufgeboten, die für die Einwanderung in Palästina jn Betracht kommen. Die große Mehrheit, die der regulierenden Hilfe erst recht bedürftig ist, soll sich, als quantite negligeable behandelt, wohl selber helfen. Dabei wissen die Zionisten, ganz gut, daß es sich wirklich um die große Mehrheit, um Massen, um Millionen jüdischer Menschen handelt. In ihren Zeitungen und auf ihren Tagen wird kein Hehl daraus gemacht. Auf dem bereits erwähnten Palästina-Delegiertentag der deutschen Zionisten hat man dem „maximalisfischen“ Führer Davis Trietsch nur in seinen optimistischen Auffassungen hinsichtlich der Einwanderungsmöglichkeiten in Palästina, nicht aber in seinem Hinweis auf die Gewaltigkeit des bevorstehenden Wandersturms widersprochen. Seiner Behauptung, daß im Osten Millionen Juden zur Auswanderung bereit stehen und daß diese Millionen direkt einem Auswanderungszwang unterliegen, hat man einfach als das, was sie ist, als notorische Wahrheit hingenommen. Es liegt hier nicht der geringste Anlaß zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Zionismus vor. Er mag recht haben oder nicht, er mag wirklich die einzige Lösung der Juden frage vorstellen oder nicht. Jedenfalls kann auch im Fälle seiner Richtigkeit nicht jeder nebensächliche Widersinn, den er angesetzt hat und mitschleppt, als legitimiert gelten. So vor allem dier alte liederliche und klägliche Aberglaube nicht, als ob irgendwelche Maßnahme zugunsten der Juden, die sich auf andere Orte als Palästina bezieht, der zionistischen Lösung der Jndenfragc abträglich wäre. Soll dieser Aberglaube, der auf dem Gebiete der sogenannten „Landespolitik“ nach schweren Kämpfen in der Hauptsache überwunden ist, hinsichtlich des Wanderungswesens aber mit trauriger Beharrlichkeit sich erhalten hat, noch immer nicht zu Grabe getragen werden? Wollen die Zionisten, wenn sie schon in den Zeiten der ersten großen Wanderungskatastrophen' durch ihre Abstinenz maßlosem Unglück zuim Durchbruch mitverholfen, Rettungen mitvereitelt, das jüdische Volk und ihre eigene Sache um wichtige Stützpunkte mitberaubt haben — wirklich auch jetzt in dieser Stunde äußerster Gefahr und letzter Entscheidung — auch für sie — noch immer nicht zur Besinnung kommen? Wollen sie noch immer nicht einsehen, daß das „versprochenste“ oder auch „zugesprochenste“ Land weniger als nichts ist, ohne ein Volk mit innern Kraftquellen, und daß diese Kraftquellen, die bei den eigenartigen jüdischen Verhältnissen zumindest für Jahrzehnte hinaus fast nur in der Diaspora entspringen können, durch größere Katastrophen mit dom Versiegen bedroht sind? Wollen die zionistischen führenden Instanzen noch immer dem nervösen Aberglauben der Partei-Subalternoffiziere, und damit der Parteiimannschaften schmeicheln, wonach es besser ist, hunderte, tausende, hunderttausende Juden ziellos umherirren, ganze Judenschaften in Not und Elend und Schmach verkommen zu lassen, als für ihre Unterbringung in anderen Ländern als Palästina Sorge zu tragen? Wollen sie nicht endlich, — angesichts der furchtbaren Gefahren, angesichts der sie erwartenden reelleren Verantwortlichkeit für das Gedeihen der jüdischen Ansiedlung im heiligen Lande — von oben her diesem Aberglauben mutig die Spitze bieten? Wann träfe sich eine bessere Gelegenheit dazu als jetzt, da nicht nur die ungeheure Not, sondern auch das Wesen der Palästinabesiedlung als einer langsamen, stetigen mit verhältnismäßig geringen Zahlen arbeitenden Aktion selbst dem blödesten Auge sichtbar werden oder zumindest ersichtlich zu machen sein muß? Oder wollen, sie vielleicht noch mit dem alten Holm arbeiten, daß sie doch nicht alles machen können und daß doch auch die Nichtzionisten zeigen mögen, was sie imstande sind? Glauben sie wirklich noch hervorheben zu müssen, daß — wo Wenigstens einige Nichtzionisten etwas, wenn auch wenig, taten — sie einfach nichts getan haben? Fühlen sie nicht, daß, was früher bei milder Beurteilung noch als burschikose Ironie einer übermütigen Gruppe von starker Aktivität hingehen konnte, heute, da sie weite nichtzionistische Kreise mit ihrer Intransigenz in bezug auf Palästina angesteckt haben, eine beispiellose Frivolität wäre? Und fühlen sie nicht, daß sich durch die Mentalität, die sie verbreiteten, das Gewicht ihrer Mitschuld im Vergleich zu ehemals ums Tausendfache vermehrt hat, die Mitschuld fast zur 'Alleinschuld geworden ist? Insbesondere jetzt, wo sie selber wissen, daß eine Katastrophe von Millionen naht und sie im besten Fall nur eine Hilfe für einige Zehntausende bereit haben? Dr. Nathan Birnbaum. Die Wahrheit aus Palästina In „Die Arbeit“, dem deutschen Organ des Hapoel- Hazair, schreibt V. Ch. Arlosoroff folgendes: .... Wie stellt sich die Londoner Konferenz, die für lange und entscheidende Zeit der Tätigkeit der Monistischen Weltorganisation d e Richtlinien zu geben hat, zu Palästina? Die Tatsachen allein sollen sprechen. Es gibt Vertreter Palästinas auf dieser Konferenz, — und ihre Stimme ist gewichtig und entscheidend. Und wer sind diese Vertreter? Wen „vertreten“ diese „Vertreter“? E>en jungen produktiven Jischuw vielleicht?

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