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Volk und Land · 1919-08-14 · Heft 33-34 (14.8.1919) · p. Seite 1065-1066

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 33-34 (14.8.1919)
Date
1919-08-14
Page
Seite 1065-1066 (sequence 25)
Language
German
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1065 VOLK UND LAND 1060 sität, nur an der katholischen theologischen Fakultät ein Dogma der unbefleckten Empfängnis vorträgt, hat der Anatom die Resm rektion übelgenommen, hat der Geologe sich an der entsprechenden extremen Auffassung seines katholisch-theologischen Kollegen gestoßen, der ebenso wie die jüdische Theologie noch immer das Kopernikanische System negiert. Hat der Philosoph an der scholastischen Welterklärung Ider katholischen Theologen etwas Schlechtes befunden, hat der Physiker sich veranlaßt gesehen, gegen das Dozieren über Wunder und dergleichen Stellung zu nehmen — sie haben gegenseitig ihre Thesen abgelehnt und dann miteinander ihren Frieden geschlossen und fanden es in Ordnung, daß sogar so ein „Reaktionär“ reinsten Wassers der Rektor der Universität wurde und also der Vorgesetzte des voraussetzungslosen Forschers als akademischen Lehrer. Und noch mehr, gibt es doch Universitäten, die gleichzeitig eine katholische und eine evangelische theologische Fakultät besitzen; an derselben Hochschule wird also im Namen derselben christlichen Religion in dem einen Hörsaale das negiert und als Ketzerei hingestellt, was in dem anderen Saale als der höchste Ausdruck der Frömmigkeit hingestellt wurde; und dennoch kamen die Senate friedlich zusammen und oft wählte bei der Rektorwahl der eine Theologe einen selchen Kollegen zum höchsten Amte seiner Universität, den er von Rechtswegen, im Sinne seiner Auffassung, direkt ins Fegefeuer expedieren müßte. Der Grundsatz, der in solchen Fällen zum Frieden, zur Ruhe im Staate und zur Besänftigung der Parteien führt, ist nicht das Besserwissen und das Paradeführen großer Worte, sondern das Verstehenwollen und das Gewähren-Lassen; wer stärker ist, wird schon durch die Tragweite des Inhaltes seiner eigenen Thesen siegen, oder das Uebergewicht erlangen. Mit Macht und Gewalt werden ebensowenig wie mit Feuer und Sdrtvert religiöse Fragen entschieden. Diesem praktischen Vermittlungswege steht der starre moderne Grundsatz gegenüber, der die Trennung der Kirche vom Staate verlangt, und den die Modernen auch für den Judenstaat *in Palästina durchgeführt haben möchten. Allein die Modernen bedenken nicht, daß die Verhältnisse bei den Juden ganz anders als bei den anderen Völkern geartet sind und daß auch diese anderen Völker dieses Dogma nur als Gegensatz zur These von der Staatskirche aufgesteilt haben, ohne selbst voll und ganz sich an jenen Grundsatz zu halten. Der Unterschied der jüdischen Frage zu derjenigen anderer Völker besteht darin, daß die Maxime: Judentum ist ein nationaler Begriff, erst sehr jungen Datums, relativ ist und daß den anderen Völkern und auch noch vielen Juden der alte Grundsatz: Judentum ist eine Religion, noch nicht ganz ausgemerzt werden konnte. Es müßte daher ein Streben sich geltend machen, auch diese alten Werte für das neue Staatswesen zu verwerten und dieses würde gerade zur Staatskirche bei den Juden führen, die dann ebenso national wie religiös sein müßte. Nun würden die jüdischen Modernen theoretisch niemals eine StaatskirChe zugeben, aber sie werden doch die Tatsachen nicht leugnen können, daß viele Einheimische und noch mehr, die vielen nach Palästina kommenden fremden Juden in allen*Siedlungen koscheres Essen, Bethäuser und alles andere suchen werden, das dem jüdischen Leben bis heute geläufig war, und daß die palästinensische Bevölkerung nolens volens sich dazu bequemen wird. Die Lösung dieses Gegensatzes zwischen Theorie und Praxis wird ebenfalls auf die Weise vor sich gehen müssen, wie dieses im Westen Europas der Fall ist, daß nämlich neben den politischen Gemeinden auch noch religiöse kirchliche Gemeinden errichtet werden und daß diese kirchlichen Gemeinden unabhängig vom Staate für die religiösen Bedürfnisse dieser Bevölkerung sorgen. Aber auch im Westen Europas, wo auf diese Weise die Loslösung von Staat und Kirche durchgelührt ist, behält sich der Staat die Aufsicht über diese religiösen kirchlichen Gemeinschaften vor und es fällt niemandem ein, darin einen Rückfall in das Wesen der Staatskirche zu erblicken. In seinem eigenen Interesse, um die Leitung und die Aufsicht auf die zur großen Macht im Staatswesen heranwachsenden religiösen Gemeinschaften zu wahren und zu besitzen, erklärt der Staat, daß er die Schulen für die Führer dieser religiösen Gemeinschaften unter seiner Obhut haben will und haben muß und auf diesem Umwege kommt der westeuropäische Staat trotz seiner offiziellen Anerkennung des Grundsatzes der Trennung von Staat und Kirdie dazu, die theologischen Fakultäten in seine Obhut, in seinen Schutz und schließlich auch in seine Verwaltung zu übernehmen, - was dann doch nur soviel bedeutet, daß die theologische Fakultät ein staatliches Institut ist und eo ipso der Gesamtheit der Universität eingegliedert werden kann und auch beigefügt wird. Utraquistische Momente bei der Errichtung einer Universität führen dazu, die Konkurrenz der Vollwertigkeit beider Schöpfungen aufzuwerfen und w.o die eine der beiden Richtungen das Feld bereits behauptet, ist das Aufwerfen einer solchen Frage gleichbedeutend mit der Verneinung derselben. Dagegen ist die Errichtung einer, in ihrer Art selbständigen Institution für eine religiöse Minderheit, die aber dennoch zweifellos dem Staate in seiner Gesamtheit Nutzen bringen kann Und Nutzen bringen wird, keine Frage des politischen Ehrgeizes mehr und kann der Majorität, oder den die Führung besitzenden Faktoren zuweilen noch unschätzbare Vorteile bieten, um auf diese Weise ein Austauschobjekt zu besitzen, das den anderen Strömungen und Parteien als angebotener Wert dargereicht werden kann. Die theologische Fakultät würde den Orthodoxen vieles akzeptabel machen, das die Modernen sonst nur durch äußerste Kampfmittel durchsetzen würden. Ueberhaupt darf der Jusamentstandpunkt nicht mit den Forderungen der Modernen verzwickt werden, denn auf Schritt und Tritt wird im Judentum Verschiedenes wiederkehren, das dem feinen Empfinden der Modernen flicht entspricht und dennoch akzeptiert werden kann, weil es akzeptiert werden muß. Schon die Kleinigkeit der Bezeichnung des Lernens der Tradition als „Forschen“ klingt in moderner Beziehung nicht als folgerichtig, und dennoch wird sich niemand weiter darüber aufhalten. Oder die andere Tatsache, daß die alten und älteren termini technici dem religiösem Sprachgebrauch entnommen) sind und sehr oft diese Markierung mit sich herumtragen. Es darf niemals deswegen eine Aufgabe der Modernen sein, um jeden Preis hier Neuerungen einzuführen, nur um die Ueberlieferung zu unterbrechen; denn abgesehen davon, daß auch wissenschaftlich es immer richtiger bleibt, wenn ein terminus technieus eine sichere eingebürgerte Bedeutung mit sich herumtührt, wird dadurch dem Autodidakten, dem insbesondere bei den Juden allzuoft vom religiösen zum modernen Leben hinüberkoimnenden ^Studenten, das Verständnis erleichtert, wenn er auch hier die meisten Fachausdrücke wieder vorfindet, und

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