Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 33-34 (14.8.1919)
- Date
- 1919-08-14
- Page
- Seite 1063-1064 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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iÜ63 VOLK UND LAND 1064 Ausdruck zu gebrauchen, kann man sagen, die Gottessucher haben die jüdischen Wissenschaften auch für die Modernen salonfähig gemacht. Und was in den Salon gehört, kommt auch auf die Universität, muß auch dort doziert und verbreitet werden. Daß ein solcher Standpunkt ebenfalls ein direkter Faustschlag ins Gesicht der Orthodoxie ist, braucht hier nicht erst weiter dargelegt werden, denn aus diesem folgt doch die Nichtbeobachtung der Traditionsnormen, der Wert all dieser Disziplinen als nur relativ in dem Streben nach etwas anderem und neuem, im Gegensätze zur Orthodoxie, die den Selbstwert der Tradition, als ihr erstes Dogma betrachtet. Der Standpunkt der Orthodoxie ist der rein theologische, jener der Gottessucher der einer modernen Wissenschaft; schließlich jener der Materialisten — wie man die eingangs dieses Aufsatzes angeführten Hyperzionisten heißen müßte — der rein negierende. Stellt man diese drei Momente gegeneinander, so erkennt man sofort,, daß die beiden, vorgeschlagenen; Lösungen: die utraquistische Ernennung von Lehrkräften für die alte Richtung im Judentume und für die der modernen Forschung, oder endlich der zweite Vorschlag, die absolute Durchführung des Standpunktes der voraussetzungslosen Wissenschaft, beide unmöglich und unpraktisch sind. Ein Utraquismus ist nur innerhalb von zwei genau umschriebenen Gegensätzen möglich, zum Beispiel bei zwei Sprachen, wie die Errichtung ruthenischer Lehrstühle an polnischen Universitäten, französischer an deutschen Universitäten und so weiter; dagegen ist der Gegensatz zwischen orthodox und modern, zwischen alt und neu nicht genau definierbar, nicht genau umschrieben, und all die Sicherungen Adolf Fraenkels werden das nicht schaffen, was er beabsichtigt: die Beruhigung der Orthodoxie und die tatsächliche Durchführung des Prinzipes, daß in, beiden Richtungen gelehrt werde. Die absolut voraussetzungslose Richtung Harry?drczyners bedeutet aber weder die Durchführung des Wunsches der extremen Materialisten, denn es werden dann doch tatsächlich jüdische Wissenschaften an der Universität gelehrt werden, und es könnten Orthodoxen hinkommen und diese so geartete Universität nach dem alten talmudischen Grundsätze verwerten,, daß man die moderne Schalle wegwirft und den alten guten Kern sich aneignet, andererseits würde die Auffassung auch jenem Vermitthimgsstandpunkte, oder sagen wir dem Mittelstandpunkte der GottessuCher nicht entsprechen, denn unter dem Seziermesiser der modernen Voraiussetzungslosen kann unter gar keinen Voraussetzungen eine Basis für Glauben, Mystik öder Religion jemals entstehen — im Gegenteil! diese Art des Lehrens und Lernens rottet alles aus, was an solchen Imponderabilien noch in einem menschlichen Herzen sich finden könnte. Und natürlich ist dieser Standpunkt sChnnrstraks jenem der Orthodoxie zuwiderlaufend. Ein logischer -Ausweg ist nur jener, der schon seit Jahrhunderten auf allen europäischen Universitäten praktiziert wird, und dies ist die Errichtung der theologischen Fakultäten. Eine theologische Fakultät an der neu-jüdischen Universität in Palästina würde in der Form denkbar sein, daß Lehrer der hervorragendsten Jeschiwoth in der Diaspora, dahin als Professoren berufen werden, und diese dort die ganze Art ihres früheren Dozierens fortsetzen würden. Sie hätten nichts zu, ändern als ihren Wohnsitz und ihren Titel — anstelle von Rosch- Jeschiwoth würden sie Professor tituliert werden. Die Ergänzung der Kräfte würde durch Fakultätsbeschluß geregelt sein, ganz so und nicht anders, als es an allen theologisdien Fakultäten der ' Welt üblich ist, wobei in all diesen Fällen 1 der Einfluß der Oberrabbiner ebenso zur Geltung I kommen würde, wie jener des Erzbischofes oder j der evangelischen Synode an den bereits erwähnten Fakultäten in Europa. Dieser Vorschlag kurz präzisiert bedeutet: Die Errichtung einer solchen theologischen Fakultät an der Universität | in Palästina, wie dies an den Universitäten in Europa i üblich ist - nicht aber wie jene, die jetzt in Europa | bestehen und dort jüdisch-theologische Fakultäten geheißen werden, oder zumindest es sein wollen, j auch wenn sie nach außen hin andere Namen; und Titel führen. Die Errichtung selbständiger, j mit der Universität nicht zusammenhängender jü- | disch-theologischer Fakultäten muß abgelehnt wer-! den, und zwar aus verschiedenen Gründen. Die Praxis hat gezeigt, daß die Orthodoxie diese im allgemeinen ablehnt, und daß die dort großgezogenen Zöglinge tatsächlich keine Gemeinsamkeit mit der Orthodoxie mehr haben — es ist hier nicht der Ort, die Gründe darzulegen, allein die Tatsache ist doch jedem sehenden Juden bekannt. Dagegen hat der Erfolg der theologischen Fakultäten bei den Christen überall^ sich voll und ganz gezeigt, und es fällt auch nicht dem schwärzesten Klerikalen ein, gegen .die Heranziehung der religiösen Kräfte an die Universität zu protestieren, denn auch die Schwärzesten der Schwarzen sind von Universitäten in das Leben hineingekommen. Die Orthodoxie würde zufrieden sein, auch jene Gottessucher und vielleicht auch die Materialisten. — Denn schließlich haben doch tatsächlich alle theologischen Fakultäten nicht hindern können, daß die neue materialistische Hochflut über die Welt und insbesondere über Europa hereingebrochen ist, die Materialisten dürften in dieser Beziehung auch für Palästina sich den besten Hoffnungen hingeben... Der Vorteil! der Angliederung an die Universität läge wissenschaftlich-technisch schon darin, daß innerhalb der theologischen Fakultät nicht eine Kanzel für Bibelkritik nötig wäre, da Bibelkritik der philosophischen Fakultät angehören würde. Es wäre auch moderne und neuere Philosophie an jener theologischen Fakultät nicht nötig, weil diese doch an der philosophischen Fakultät doziert werden würden; die theologische Fakultät würde sich abschließen können im orthodoxen Sinne der Tradition und deren Auffassung sich widmen können, wie es das betreffende fromme Kollegium nur wünschen könnte. Je orthodoxer dieses werden würde, desto ungefährlicher würde es den Materialisten sein, denn diese Kreise würden dadurch, vom Standpunkte der Moderne, sich nur selbst ausschließen, oder wie der akademische Ausdruck heißt, die Orthodoxie würde sich selbst wissenschaftlich kaltstellem. Aber den Frommen selbst würde diese sog. Totstellung der höchste Grad des frommen Lebens sein, sie würden!zu dieser Fakultät jenes Zutrauen finden, die sie zu den selbständigen Fakultäten dieser Art in der Diaspora nicht finden konnten. Und zwar können die Frommen gerade aus den eben dargelegten Gründen zu den bestehenden Fakultäten kein Zutrauen finden, weil diese als selbstständige Institute Bibelkritik usw. üben müssen. Am ehesten würden aber dadurch jene Einwendungen entfallen, die in dem Aufsatze „Zur Universitätsgründung in Jerusalem“ (a. a. O. im Juden) enthalten sind. Die jüdische Theologie kann an der theologischen Fakultät behaupten und verbreiten, was sie will, das geniert die Dozenten an den anderen Fakultäten nicht im geringsten. Hat »jemals ein Professor der Gynäkologie sich daran gestoßen, daß sein Kollege von. derselben Univer-