Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-08-14 · Heft 33-34 (14.8.1919) · p. Seite 1061-1062

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 33-34 (14.8.1919)
Date
1919-08-14
Page
Seite 1061-1062 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649303--0673-2650031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10Ö1 VOLK und LAND 1062 schäftigung entzieht. Und dann die vielen vielen anderen Gesetze, die jedes für sich eine Beschränkung, eine Einschränkung der persönlichen Freiheit sind, und in Konsequenz die völlige Bindung des Menschen durch die Gesamtheit der Traditionsbestimmungen und die Unterstellung des diese beobachtenden Juden unter eine Aufsicht bestimmter Kreise, bestimmter Einzelpersonen, die diese Hoheit nicht auf eine normale Weise, sondern durch die Kenntnis dieser Normen, durch das Lernen ein Uebergewi-cht über die anderen erlangt haben. Ueberhaupt sei schon der erste Grundsatz der Tradition, die Vorschrift /um Lernen dieser Tradition, etwas das die Kinder, die Jungen und dann die Großen von der normalen Arbeit abzöge, das die anderweitig gut zu verwertende Zeit für etwas verschwende, das nach Ansicht des Neujudentums keinen eigenen Selbstwert habe. Diese Neujuden behaupten, daß die Gefahr, die diese angebliche religiöse Selbstentmannung bringe, größer sei, als die, auch nur noch so schwer gedachte äußere Gefahr, und sie verlangt daher kategorisch die Aufräumung der Tradition, die vollständige Eliminierung! derselben, oder wie ein Hitzkopf derselben sich auszudrücken beliebte: das erste Grundgesetz der jüdischen Einwanderung nach Palästina müßten Sein, jdaß man einem mit Tradition belasteten Juden den Eintritt direkt verweigere. Das diesen Kreisen die Verherrlichung des Traditionsstudiums durch Einführung desselben an der Hochschule das höchste Greuel wäre, ist dann mehr als selbstverständlich. Diese Kreise gehen noch weiter, sie lehnen schon die Verbreitung der Religion ab, des religiösen Wesens überhaupt, und zwar in der Furcht, daß dadurch die jüdische Religion gestärkt werde und dadurch auf irgend eine Weise auch die Tradition wieder aufleben und ihre Wirkungen über id!,as Volk verbreiten könnte; diese Kreise sind bewußt areligiös, indem sie das Areligiöse von größtem Nutzen für das jüdische Volk halten. Ginge es nach diesen Köpfen, dann dürfte nicht nur jüdische Wissenschaft in traditionsmäßiger Art nicht gelehrt werden, sondern auch die sog. voraussetzungslose Art des Studiums jüdischen Wissens müßte aus Palästina verbannt werden, und dürfte in Palästina, in Jerusalem, auf einer jüdischen Hochschule keinen Platz finden. Es ist dies ein Radikalismus schärfster Art, aber man muß zugeben, daß im Sinne der Shakespeareschen Formel auch bier gesagt werden kann: Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode. Diese Negierung des Religiösen ist aber audh vielen Modernen nicht genehm, indem auch diese das religiöse Gemüt, das religiöse Ideal als einen großen Wert betrachten, indem sie gerade im Judentum einen großen Schatz in dieser Beziehung vorfinden und das Judentum erhalten wissen möchten, um gerade diese Werte zu befestigen und sie über das Volk, in erster Reihe bei den Juden, und dann auch bei anderen Völkern verbreiten möchten. Es sind dies die Kreise der sog. Gottessucher, die zusammen mit dem Buberischen Kreise Religion und Judentum bejahen, aber auch ihrerseits Tradition als solche ablehnen, zuweilen mit derselben Schärfe wie die oben genannten Kreise, zuweilen mit geringerer Schärfe. „Auch der Zionismus hat ein himmlisches Ziel für sich, aber es gibt viele irdische Stationen dahin, so unsere physische Sammlung in Palästina“, heißt es in einem Aufsatz dieser Kreise („Der Jude“, Seite 540). In .diesem Sinne wäre das Religiöse ein wichtiger Faktor für die Juden, ohne daß man den Inhalt dieses Religiösen definieren könnte. Der, Volksmund nennt im Osten diese Richtung „Die I Thora ohne Worte“, denn eine Definition ist ausgeschlossen: So lange die Erkenntnis, oder w ie es I diese Kreise heißen, das Finden Goties, die Erlösung, i noch nicht stattgefunden habe, befindet man sich aat | dem Wege zur Religion, und dieser Relativismus kann logischerweise nicht definiert werden. Ist man aber nach der Erlösung’, nach dem Finden, nach dem Erkennen, dann ersieht man, daß dieses Sache des Gemütes, des Gefühles, des Geistes — aber jedenfalls nicht der Worte sei. So oder so, ein positiver Ausdruck ist nicht vorhanden, er kann nicht gelehrt werden, er kann nicht das Produkt einer Wissenschaft sein, die an einer jüdischen Hochschule doziert werden könnte. Nur die Wege, die zu diesen Idealen führen, sind bekannt, sie liegen in den unerschöpflichen Reservoiren des Judentums, der jüdischen Wissenschaften, die dann als solche Disziplinen einer jüdischen Hochschule sein könnten, eigentlich sein müssen. Allein hier muß etwas gesagt werden, das zweifellos heftigem Widerspruch begegnen wird, das jüdische Wissen, das zu dieser Art von Religiösen führt, ist keineswegs die Form der modernen Art, der voraussetzungslosen Forschungsweise und der neuen Formen der Wissenschaft. Aus Idem Alten, aus der Sammlung der alten, nicht näher beleuchteten, nicht näher sezierten Imponderabilien, nicht klaf und deutlich dem menschlichen Geiste vorgeführten Zusammenhänge und Ableitungen, gerade aus alledem, was der neuen Wissenschaft schnurstraks zuwiderläuft, steigt die letzte Moderne und mit ihr das Gottessuchen empor, ohne sagen zu können, wo der Anfang ihrer Grundlage, wo die Basis ihres Wesens sei. Inj den Bereich des Judentums übertragen, bedeutet dies soviel als daß eben Alles ohne Ausnahme gelehrt und: gelernt werden müsse,; damit der Jünger, der Schüler, auch das berühren, auch das finden soll, was ihm den Anstoß zu seinem Begehren nach dem Mystischen, nach der Religion geben soll. Diese Kreise müssen konsequenter Weise das Studium aller jüdischen Wissenschaf« ten aut alle verschiedenen Arten und Weisen empfehlen, damit sie also zu ihrem Ziele gelangen, damit die so gelehrte Jugend ihre Ideale erreichen könnte. Natürlich wollen diese Kreise aber auch keineswegs, daß die Tradition mit der genauen Durchführung dei1 praktischen Religion sich bei den Juden, sich bei der jüdischen Jugend festsetze, denn dieses würde die Jugend von der Moderne schließlich doch abziehen, und die Jugend dahin bringen, wo auch diese Kreise die Juden nicht sehen möchten. Die Tradition als solche ist in ihrer Praxis diesen Kreisen ebenso zuwider wie den ersteren Kreisen, dagegen ist die allgemeine Seite des alten Judentums — in der Verbindung von alledem, was innerhalb des Judentums mit der Tradition zusammenhängt — diesen Kreisen sehr genehm, direkt erwünscht. Sie stehen daher quasi auf einem Mittelpunkte zwischen beiden extremen Parteien* den Materialisten und den Orthodoxen, oder sie bilden quasi eine Synthese der von diesen Parteien vertretenen Ansichten. Punkto Studium der alten jüdischen Wissensgebiete, stehen diese dem orthodoxen Standpunkt viel näher — man kann fast sagen, daß sie hier dieselben Wege wie die Orthodoxie verfolgen und ein volles Zur-Geltung-Kommen aller jüdischen Disziplinen an einer neuen jüdischen Universität wünschen. IIL Diese letztere Tatsache bringt es mit sich, daß die Frage des Lehrens und des Lernens altjüdischer Disziplinen in den modernen jüdischen Kreisen nicht einer solchen direkten Ablehnung begegnet, wie zum Beispiel die .genaue 'Beobachtung der Traditionsnormen; um einen vulgären

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.