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Volk und Land · 1919-08-14 · Heft 33-34 (14.8.1919) · p. Seite 1059-1060

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 33-34 (14.8.1919)
Date
1919-08-14
Page
Seite 1059-1060 (sequence 22)
Language
German
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1059 — — T 7:= ——- VOLK UND LAND - - .--= 1060 päischer Kultur allein, mit Ethik allein, würde das jüdische Volk in seinem neuen Laude auskommen. Dieses ist aber ein prinzipieller Denkfehler. Denn abgesehen davon, daß zwischen der Ethik des Aristoteles und jener Spinozas eine Anzahl verschiedener Auffassungen von Ethik vorhanden ist, sind auch nach Spinoza noch eine Reihe anderer Auffassungen entstanden, und diese wechseln nicht nur nach der Ansicht ihrer Vertreter, sondern auch nach dem subjektiven Bildungsgrade der einzelnen Menschen, der Leser, der Jünger, jener, die diese Ideale praktisch ins Leben umsetzen sollen. Ethik ist etwas Erhabenes, aber sie ist nichts Konstantes, sie ist nichts Populäres, sie kann nicht jedem Bauer vorgesetzt werden, nicht jedem Juden aus der Diaspora und daher auch nicht dem Diasporajuden, der als Bauer nach Palästina kommt, Ein mit Ethik gefüttertes Bauernvolk kennt die Geschichte nicht, und das Griechenvolk, — wohlgemerkt das Volk —, war ein einfaches Heidenvolk mit (polytheistischer Vielgötterei als seine Philosophen, und fmur diese allein, über die Ethik philosophierten, Ethik ist Sache der Intellektuellen, für das Volk gibt es nur einen geistigen Faktor, und dieser heißt Religion. Nur diese kann den Bauer vor Abwegen schützen, nur diese kann ihm Richtmesser sein, wo ihn die Hand des Gesetzes nicht erreichen kann, nur diese kann ihm Begleiter in seinem Familien- und Gesellschaftsleben sein, wenn dieses Leben eine feste Stabilität annehmen soll. Es klingt grotesk, wenn man sagen hört, daß unsere Bauern in Palästina neben ihren Erdarbeiten auch philosophische und ethische Studien betreiben sollen, daß sie ihre verschiedenen Auffassungen über eine Sache oder über ein Tun, mit den Konsequenzen aus den verschiedenen Ethiken oder aus den verschiedenen Auffassungen einer Ethik begründen sollten, das ist nicht möglich, und wäre es möglich, dann wäre es das Chaos, das Ende von dem noch (nicht begonnenen Anfang. Man wolle begreifen, was damit behauptet werden so!>!: Nicht ein Hohelied der Religion soll damit gesungen werden, sondern die Tatsache soll konstatiert werden, daß /Religion ein nützlicher Faktor im Staatsleben ist, daß Religion nicht aus dem Volke gejätet werden soll, daß Ethik nur ein zweifelhaftes Surrogat für die Religion in jenen, wohlgemerkt in jenen weniger intellektuellen Kreisen ist, wenn sie auch für die Intellektuellen weniger erforderlich wäre und zumindest, nach den Wünschen dieser Intellektuellen selbst, übergangen werden sollte. Wenn die Intellektuellen einsehen werden, daß, wenn auch nicht für sie, aber zumindest für gewisse Kreise des Volkes die Religion nichts schädliches enthalte, daß -sie für dieses Volk vielleicht gar erwünscht sei, dann wird das Verhältnis der Intellektuellen zur Religion ein anderes sein, zumindest bei dem Wunsche der Intellektuellen zur Gründung des Neuen in Palästina. Mögen diese Intellektuellen in der Diaspora auch ihre Ideen, wie edle Rosse, herumtummeln, und dort in der Diaspora gegen die Religion wettern, in Palästina ist der Gegensatz zur Religion, die Feindschaft zu dieser, oder gar der Versuch der Ausrottung derselben ein. sehr gewagtes Spiel, ein Wagnis, das eigentlich auch unnütz ist. Denn die Intellektuellen können doch mit ihren Angriffen gegen die Religion in Palästina, warten, bis sich dort die anderen Verhältnisse konsolidiert haben, je besser die Verhältnisse sich dort konsolidierejn werden, desto leichteres Spiel werden sie dort in dieser Beziehung haben: der Westen Europas kann in dieser Beziehung ihnen ein sicheres Beispiel bieten. Wenn aber die Intellektuellen sich nicht überzeugen lassen sollten, so gibt cs doch große, ganz große Kreise in der Diaspora und nicht minder große Kreise auch in Palästina selbst, welche diese Ueberzeugitng von der Nützlichkeit, von der Wichtigkeit der Religion haben, die diese Ansicht um jeden Preis verteidigen werden, und die vielleicht in der Verteidigung der Religion so weit gehen könnten, das ganze Palästinaproblem zu gefährden, um nur nicht die Religion in Frage zu stellen. Denn: l’appetit vient en mangeant, hat man einmal einen Gegensatz heraufbeschworen — und wie hier betmerkt wurde, unnütz heraufbeschworen — dann geht der Kampf los, und wir wissen aus der jüngsten Erfahrung, was das bedeutet: ä la guerre comme ä la guerre, wo dann nach altem Sprichworte das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Das Verlangen, in Palästina nach zwei Seiten hin es gut zu machen, kann es bewirken, daß überhaupt nichts gemacht wird, oder daß das Gemachte erschüttert werde — was aber keineswegsi geschehen soll. H. Das palästinensische Jungjudentum ist freilich ganz anderer Meinung, dieses schreit es direkt heraus: La tradition c’est Lennemi! die Tradition bedrohe den Aufbau und die Existenz des Judenstaates in einem viel größeren Maße, als jede äußere Gefahr. Schon der Sabbat, in seiner von den Orthodoxen gewünschten Durchführung, er- ~ sdmttert alle Grundfesten eines geregelten Funktionierens der Staatsmaschine, ein auch nur feiertägliches Amtieren ist nicht möglich, ein Eisenbahn-, Tram-, Post- und Telegrapheiwerkehr ist ausgeschlossen, eine überall durchgeführte sonntägliche Ergänzung des Nahrungsmittelquantums in den Haushaltungen ist nicht möglich; und nun erst die Wirkung^! dieses Verlangens in der Landwirtschaft! Hat doch ein Redner der Orthodoxie in einer öffentlichen Rede die Notwendigkeit fremder Arbeiter in den Kolonien damit begründet, daß diese am Samstag aushelfen, wenn der Betrieb es erfordern sollte. Mit anderen Worten: der Schabbos-goi müßte dann eine staatsgrundgesetzlich gewährleistete Einrichtung werden. Dasselbe gilt, wenn auch in einem kleineren Maßstabe, für die jüdischen Feiertage; aber auch hier würde der Ausfall zusammenhängender acht oder sieben Tage, bei gewissen Arbeiten ernstlich die einzelnen Betriebe schädigen, diese jedenfalls dem Auslande gegenüber weniger konkurrenzfähig machen. Und dann weiter die anderen Normen, das Kelaimgesetz würde den Anbau, das Orlagesetz den Neuwuchs, und endlich das Schewiitgesetz den allgemeinen Bestand der Ackerwirtschaft erschüttern; und erst das Jobeljahr, das nach dem Schewiithljahr folgend dieses letztere in seinen Wirkungen katastrophal vergrößern müßte. Das Kohanimgesetz würde dem achten Teile der männlichen Bevölkerung unvorhergesehen in größeren Zeiträumen ihre Bewegungsfreiheit entziehen, das Trauergesetz brächte dasselbe und würde in einem noch höheren Maße die ganze Bevölkerung beschweren. Aehhlich gäbe es wirtschaftliche Folgen aus dem Gesetze der Seheloschim, und teilweise auch aus jenes des KaddisChsagen. Das Trefagesetz würde den Wert des Viehstandes in sehr häufigen Fälleni vermindern, die Sdiechita, der Nikkur, die Aufsicht über diese, würde die jüdischen Einheiten, die Kleingemeinden, mit einem zahlreichen Personal belasten, das in keinem Verhältnis zu deren Leistungsfähigkeit stünde. Und' gar das Beten, das dreimalige Beten, das dreimalige Stören der regelmäßigen Arbeit, das an den Samstagen und Feiertagen, direkt viertel und halbe Tage den Juden der normalen Be-

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