Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 33-34 (14.8.1919)
- Date
- 1919-08-14
- Page
- Seite 1057-1058 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 1058 1057 daß auch ihre Stellung und Ansicht, wenn nicht voll und ganz akzeptiert, so doch gehört und nach Möglichkeit berücksichtigt werde. Und dieser Standpunkt der Orthodoxie ist demjenigen der bisher veröffentlichten Aufsätze über dieses Thema schnurstracks entgegengesetzt, die sogenannte thoratreue Partei muß die Ausführungen der angeführten Aufsätze glattweg ablehnen. Wenn diese Partei bis heute geschwiegen hat und auch jetzt niemandem ein offizielles Mandat erteilt, um die Wünsche derselben darzulegen, so ist dieses noch lange kein Beweis, daß sie die Ausführungen dieser Herren {akzeptiert, denn in der gegenwärtigen Zeit der unabsehbaren Komplikationen gilt wahrlieh nicht mehr der alte Grundsatz, daß Schweigen Zustimmen bedeute. Es muß daher ureigene Aufgabe der berufenen Faktoren sein, Klarheit in all diese Beziehungen zu bringen, neben der Darlegung der einzelnen Formen auch die Ursache vorzuführen, die (die einzelnen Details nötig machen; denn nur durch Klarheit und volle Offenheit wird es möglich sein, den berufenen Führern und auch dem Volke ein Bild der zukünftigen Universität zu entwickeln, das für die Wirklichkeit jene Elemente enthalten soll, die (eine Neuschöpfung für eine nach menschlichem Ermessen lange Dauer sichern und vor Eischütterungen bewahren. I. Die Gegensätze in den Auffassungen über die Details der einzuführenden Formen an der neujüdiscüen Universität stoßen mit der größten Schärft aufeinander. Diese Schärfe läßt zuweilen an einer Beilegung des Gegensatzes verzweifeln, und dennoch — wenn man näher himsieht, so zeigt es sich, daß es nur der uralte Gegensatz zwischen dem Alten und dem Neuen ist, der hier noch tobt und ausgefochten werden muß. Nicht in der Universität selbst, nicht in der Technik ihrer Institutionen ist die letzte Ursache der Differenzen zu suchen, denn diese sind nur Glieder in einer langen Kette und Verkettung von Umständen und Verhältnissen, die sich letzten Endes auf einen Gegensatz zurückführen lassen, auf jenen zwischen dem extremen Zionismus und der Orthodoxie. Unter extremem Zionismus wird hier jenes und jener bezeichnet, dem es nicht genügt, daß das jüdische Volk in Palästina eine neue Heimat finden wird, daß dort ein Bauernstand dem Judenvolke erstehen wird, daß die Juden dort einen geraden Rücken und eine aufrechte Denkweise erlangen werden, sondern die noch darüber hinaus ein Plus erstreben dadurch, daß sie ein bestimmtes Ideal gleichzeitig in Palästina verwirklicht wissen, möchten. Zum Beispiel; die Poale-Zion. Sie vertreten in der Diaspora einen Sozialismus, der dem einen oder dem andern nicht ganz angenehm ist; dieses kann und darf ihnen aber niemals zum Vorwurf gemacht werden, jedermann darf mit der Verve der Jugend sein Ideal verteidigen und solches darf nicht auch nur dem Schatten eines Tadels unterzogen werden, es gereicht dies ihnen im Gegenteil nur zur Ehre. Kompliziert wird erst der Fall, wenn diese Partei in Palästina ihr sozialistisches Programm durchführen will, denn der einzelne Neubürger des jüdischen (Staates müßte dann in diesem Sinne einen doppelten Sprung machen, den einen aus dem Wirtschaftsleben der Diaspora und den zweiten aus! der Diaspora selbst, und dieses Doppel ist eben zu viel, dies darf, dies kann nicht einer Generation zugemutet werden. Denselben Fehler begehen in einem geringeren Maßstabe unsere "Oekonomen und Sozialtheoretiker, die kollektivistische Dorfgemeinden und Kolonien in 'Palästina mit Diasporajuden gründen wollen, mit solchen Juden, die ihr lebelang nichts vom Kollektivismus und all den anderen schönen theore-; tischen Dingen gewußt haben. Wenn Europa sich in Zuckungen windet, nur um sein Wirtschaftsleben; zu ändern, wie kann da den in jeder Beziehung | viel unglücklicheren und viel mehr mit verschiedenen Sorgen beschwerten Juden zugemutet werden, daß sie nun das leisten sollen, was Europa fast nicht zu leisten vermag, sondern dabei noch den ebenfalls riesigen Sprung von der Diaspora in das Heimatland Palästina durchmachen sollen. Wer zuviel will, erreicht in der Regel wenig, oder wie es im Sprichwort heißt: allzu scharf macht schartig. Aehnlich den wirtschaftlichen Verhältnissen liegen auch die religiösen Verhältnisse. Unsere Jugend ist an den Hochschulen und sonst auf ihren verschiedenen Wanderungen von der Reli- . gion weit abgekommen, die moderne Kultur hat ihnen ein Ideal außerhalb der Religion geschaffen, zumindest außerhalb der uralten jüdischen Religion, außerhalb der jüdischen Tradition. Was sie für richtig hält, will sie auch konsequent durchführen, und wenn man auch anderer Meinung ist, muß man doch zugeben, daß auch die Jugend sich in jeder Beziehung ausleben darf und äusleben soll. Allein es würde vollständig genügen, wenn unsere Jugend diese Ideale innerhalb der bereits bekannten und den Juden geläufigen Verhältnisse in der Diaspora durchführen oder zumindest dort erstreben würde — es bleibt noch immer der anderen Partei ebenso das Recht der Verteidigung, wie ihr das Recht des Angriffes. Der Fehler beginnt erst, wenn diese Jugend diesen Gegensatz zur Tradition gerade bei der Neugründung des jüdischen Staates oder der jüdischen Autonomie in Palästina durchzuführen erstrebt, denn es gilt hier, was schon oben gesagt wurde: dies soll eine doppelte Leistung sein, das Durchführen der religiösen Kultur und die Neugründung eines Staates, öffentlich-rechtlicher Verhältnisse. Dieses Unternehmen ist ein Wagnis, ist ein allzu großes Wagnis, als das die Hoffnung bestehen sollte, daß dieser Wagemut nicht eines in Frage stellen sollte, und zwar die gute gesicherte Errichtung dieser Verhältnisse im neuen (Lande. Denn auch die Gegenpartei ist an der Arbeit, und aus dem Gegendrücke kann sehr oft bei auch nur dem kleinsten Fehlschritte ein großer Schaden für die Neuschaffung des jüdischen Gemeinwesens entstehen. Man wende nicht ein, daß gerade bei Neuschaffungen radikale Kuren gut durchgeführt werden. Palästina ist im eigentlichen Sinne keine Neuschaffung, zumindet keine aus dem Chaos, es ist kein unbeschriebenes Blatt, auf welchem man nach Wunsch alles hinsehreiben kann, was man will; der religionstreue Menschenschlag ist dort varläufig in einem größeren Maße als die Neu-Jugend vorhanden, und er hat in der Diaspora einen 'Rückhalt, wie ihn unsere Hyperzionisten sich kaum zu denken vermögen. Noch' mehr, er hat auch in den Nichtjuden einen Rückhalt, denn diese waren durch Jahrtausende gewöhnt, die Juden als eine Religionsgpnemschaft zu betrachten, und diese Nichtjuden können nicht so leicht eine andere Denkweise annehmen. Der Sprung von einer religiösen Basis der Diaspora in einen areligiösen Staat oder Autonomie in Palästina ist daher für die Massen allzu groß, um die Wahrscheinlichkeit eines Gelingens zu bieten. An der Arbeit des Staates oder der Autonomie in Palästina stehen aber derzeit Männer, die von der modernen Kultur getragen, diese Kultur als für sich allein genügend betrachten, um das jüdische Volk in Palästina zu erhalten, sie betrachten all die anderen Juden nach ihrem eigenen Maßstabe und denken mit Kultur allein, mit euro-