Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 33-34 (14.8.1919)
- Date
- 1919-08-14
- Page
- Seite 1055-1056 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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1055 VOLK UND LAND 1056 unter der Wirkung ständiger Not entkräftet, dank dem Elend des Krieges vollends geschwächt und unterernährt! ist? Und wie wenig die eigenartige Mentalität der. Juden für solche Schwerarbeiten befähigt, hat erst neulich Julius Berger in seinen kenntnisreichen Ausführungen hier dargelegt. So wird mit einem Minderangebot geeigneter jüdischer Arbeiter vorerst nun einmal zu rechnen sein. Trotz aller Schwarzmalerei Honigs wird es sich daher nicht umgehen lassen, zur Ausfüllung der entstehenden Lücken einheimische Araber zu verwenden. Diese Notwendigkeit ist ohnehin geboten, einerseits im Interesse eines auskömmlichen Nachbarverhältnisses, andererseits dort, wo besonders ungünstiges Klima die Verwendung von Europäern verbietet. Wohl mag der Mangel an eigenen Arbeitskräften sich allmählich verringern, wenn der fortschreitende Neubau .unseres Volkes eine kräftigere Generation heranwachsen lassen wird. Doch wird der geistig regsame und wirtschaftlich aufstrebende Jude kaum dauernd in einer so primitiven Beschäftigung sein Genüge finden, die außer den bereits erwähnten physij sehen und geistigen Mängeln auch noch das Stigma der Aussichtslosigkeit trägt, die keinen Aufstieg verheißt. Vielmehr scheint mir die Lösung dieses schwerwiegenden Problems in einer anderen Richtung zu liegen, in die der Ballod-Oettingersche Vorschlag einer Arbeitsdienstpflicht weist. Alle Angehörigen unseres Gemeinwesens, Männer und Frauen, sollen ohne Unterschied zwei Jahre hindurch der Allgemeinheit dienen, nicht, wie sonst, zur Vorbereitung eines Zerstörungsvverkes, sondern zur Mitwirkung an aufbauender Arbeit. Zu den Leistungen dieses Arbeitsheeres soll unter anderen in Landwirtschaft und Industrie die Erledigung aller schweren, mechanischen Verrichtungen, die keiner besonderen Vorbildung bedürfen, sowie der nur zeitweilig mehr Kräfte erfordernden Saisonarbeiten gehören. Durch die Verwirklichung dieses sehr fruchtbaren Gedankens wird die Gesamtheit selbst der Gesamtheit dienen und vermag dadurch, daß sie den Pariastand der aufstieglosen Klasse der ungelernten Arbeiter überflüssig macht, die Lösung der sozialen Frage in Erez Israel einen weiten Schritt vorwärts zu bringen. DAS FORMENPROBLEM DER NEUJUEDISCHEN UNIVERSITAET IN JERUSALEM Von Dr. M. W. R Wir veröffentlichen diesen Beitrag, obwohl wir mit sehr vielen der darin aufgestellten Behauptungen in keiner Weise überemstfmmen, weil wir glauben, nicht achtlos an einem Kernproblem des Neubaus Palästinas vorübergehen zu dürfen, nur weil das mit Absicht beschränkte Programm dieser Zeitschrift die Möglichkeit bieten würde, solche Fragen mit Anstand1 zu ignorieren. Die Frage nach der Synthese zwischen Altem und Neuem, Ueberßefertem und Revolutionärem wird aktuell mit dem ersten Schritt zu praktischer politischer Arbeit. Das hat der Konflikt wegen des Frauen Wahlrechts bereits mit aller Deutlichkeit bewiesen. Indem wir einen — uns unvollkommen dünfcenden — Versuch der Lösung dieses Problems auf akademischem Boden veröffentlichen, möchten wir der Bedeutung Ausdruck geben, welche wir dieser Frage beimessen. Wenn der Zuschnitt des Blattes uns auch nicht gestattet, einer Diskussion darüber in dem notwendigen Umfang Rauffti zu geben, so werden wir doch die Aussprache über diese Dinge mit aller Aufmerksamkeit verfolgen und von Zeit zu Zeit unsere Leser darüber informieren. D. Sch. Die Errichtung einer jüdischen Universität in Palästina ist zur Tatsache geworden, an welche selbst die ewigen Zweifler und Nörgler glauben müssen, und 'sie müssen zugeben, daß dem Zionismus zumindest dieses eine sicher gelungen ist, daß die Juden eine eigene Hochschule sich nach ihren eigenen Wünschen einrichten können. Der Inhalt der Aufsätze und der Artikel über diese Frage, die früher dahin gingen zu beweisen, daß eine Möglichkeit für eine Universität vorliege, daß eine solche eine bestimmte Nützlichkeit habe, daß diese die Stellung der Juden sichern werde und so weiter, ist daher seit geraumer Zeit überflüssig geworden, und es ist jetzt Aufgabe der verschiedenen Autoren und Verfasser, über die Details dieses Problems sich .auseinanderzusetzen und darzufcgen, wie die einzelnen Formen dieser Universität beschaffen sein sollen, beschaffen sein müssen. Auch in der letzteren Art sind mehrere Artikel und Aufsätze bereits erschienen; allein es zeigt sich hier die eigentümliche Erscheinung, daß, trotzdem die Verfasser dien besten Willen haben, diese Frage apaport, Zürich. rein technisch-wissenschaftlich zu behandeln, dieses ihnen dennoch kaum, fast gar nicht gelingt, und sie immer nur bestimmten Strömungen für die Formen der Universität einen Ausdruck verleihen wollen. Schließlich ist dieses doch auch logisch unabwendbar; um Formen zu entwickeln muß vorerst der Inhalt für diese Formen gegeben sein, und da über diesen Inhalt sozusagen bis heute keine Diskussion eröffnet wurde, so vertritt jeder Autor in seiner Darstellung jenen Inhalt, der seifiem Herzen und seinem Streben am nächsten liegt. Dieses ist auch aus zwei der jüngsten Artikel*) über dieses Thema zu ersehen, wo die Verfasser, trotz ihrer fachmännischen Berufung, in solchen Sachen zu urteilen, dennoch nicht umhin können, sich bei der Darlegung der Details, von der Allgemeinheit ihrer Auffassung und Richtung leiten zu lassen. Dadurch kommen sie aber zu Konsequenzen, solches zu verlangen, das, wenn auch an sich vielleicht richtig, aber dennoch vom Standpunkte einer anderen Richtung abgelehnt werden muß. Es wäre daher ratsam, offen den Ausgangspunkt darzulegen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, wodurch man auch in die Möglichkeit versetzt werden kann, die Richtung und die Auffassung anderer anzuerkennen oder zumindest zu respektieren, und dann der also gefundenen Resultierenden in der Darlegung der Einzelformen gerecht zu werden. Betrachtet man näher z. B. die angeführten Artikel, so ersieht man, daß die Autoren mit der Auffassung und der Richtung einer jüdischen Partei gar nicht gerechnet haben, und das ist die Orthodoxie. Daß isie der alten Assimilation keine Rechnung tragen, ist zumindest darin begründet, daß die Vertreter jener Richtung nicht nach Palästina gehen und daher auch auf die dortigen Einrichtungen keinen Einfluß beanspruchen können. Dagegen ist dieses bei der Orthodoxie nicht der Fall, diese will — soll zumindest mit nach Palästina kommen wollen und sie mag daher verlangen, *) Harry Torczyner und Adolf Frankel in „Der Jude“, 111. Heft 8/9.