Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 33-34 (14.8.1919)
- Date
- 1919-08-14
- Page
- Seite 1053-1054 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1053 VOLK UND LAND 1054 seiner Hauptzuflüsse zur Erzeugungelektrischer Energie,! die dem größten Teil des Landes zugute kommen soll. Der Anteil, der Wassermenge, der dem einen Zwecke dienen soll, geht dem anderen verloren, so daß ein beide Interessen gleichmäßig befriedigender Ausgleich gesucht werden muß. Um den Wasserhaushalt entsprechend einrichten zu können, ist es erforderlich, die; zur Verfügung stehenden Quantitäten festzustellen, bej sonders ihre unteren Grenzen, auf die auch in den ungünstigsten Trockenjahren gerechnet werden kann. Denn mit den Niederschlägen wechseln auch die Wasservorräte der Flüsse sehr erheblich, und wie sehr jene schwanken, beweisen 60jährige Messungen der Jahresregenhöhe in Jerusalem, die sich zwischen 318 und 1091 mm bewegen. Daher sind während einer Reihe von Jahren soi^fältige Beobachtungen der Abflußverhältnisse, Messungen der Wassermengen und andere Feststellungen für die ganze Ausdehnung der Flußläufe vorzunehmen, um aus ihnen die Projektunterlagen zu ermitteln. Solche und ähnliche Untersuchungen, Messungen, Aufnahmen, Bohrungen, Probeversuche u. dergl. müssen nun für alle Gebiete technischen Schaffens systematisch durchgeführt werden. Während in Kulturländern durch Jahrzehnte gewonnene Erfahrungen zur Verfügung stehen, muß in Palästina ab ovo, begonnen werden, da die Rückständigkeit des türkischen Regimes keinerlei Vorarbeit geleistet und auch nicht geduldet hat. Die Dringlichkeit und Wichtigkeit einer solchen Vorbereitungsarbeit, die ehestens einzusetzen hätte, kann gar nicht nachdrücklich genug betont werden. Honig denkt sich nun, daß in den Diasporaländem einzusetzende Kommissionen, die bestimmt wären, das Privatkapital für jene technischen Arbeiten durch umfassende Propaganda zu gewinnen, nebenbei auch die Aufgabe erhalten sollten, „Pläne und sonstige Vorarbeiten mit ihren mehr oder minder beschränkten Mitteln vorzunehmen.u Nichts wäre verfehlter als dieser Vorschlag. Vorstudien und Projektierung können nirgends anders als an Ort und Stelle vorgenommen werden. Sie dürfen nicht zersplittert, sondern müssen einheitlich zusammengefaßt werden, um eine zusammenhängende, systematische, großzügige Planung der großen technischen Werke zu ermöglichen. Nicht auf beschränkte, vom Zufall abhängige Mittel darf diese ungemein wichtige Vorbereitungstätigkeit angewiesen sein, vielmehr müssen sie im Gegenteil aufs reichlichste bemessen werden, denn Tausende, die für sorgfältige Studien ausgegeben werden, können Millionen für verfehlte Ausführungen ersparen. Die besten Fachleute, die über Spezialerfahrungen in ähnlichen natürlichen Verhältnissen verfügen, sind für diese Arbeit gerade gut genug. Doch auch - nach Abschluß des V orbereitungsstadiums kann nicht damit gerechnet werden, daß die -so festgelegten und entworfenen Arbeiten in einem ununterbrochenen Zuge zur Durchführung gelangen können. Dem stehen mehrere sehr reale Umstände entgegen, die hemmend auf das Tempo der Ausführung der öffentlichen Arbeiten wirken und dazu zwingen, sie über Jahrzehnte hinaus zu dehnen. Sie stellen daher doch nicht das erwartete Allheilmittel der „Notstandsaktion“ dar, die den Andrang des Zuwanderungsstroms gleich befriedigen könnte. An erster Stelle steht der enorme Kostenaufwand der öffentlichen Arbeiten — ein Faktor, dessen Tragweite überhaupt im allgemeinen von vielen unserer Aufbautheoretiker zu wenig gewürdigt wird. Obendrein sind viele technische Anlagen unglücklicherweise ganz ertraglos — wenn auch von hohem indirekten Nutzen — und darunter finden sich gerade die nicht am wenigsten notwendigen: städtebauliche und gesiundheitstechnische Anlagen, Straßenbauten, Flußregulierungen usw. Wiederum andere Bauten gewährleisten gerade in der Anfangszeit nur eine geringe, erst langsam wachsende Verzinsung. Weiter hängen viele technisdte Werke erst von der schrittweisen Entwicklung des Landes und Hebung seines Kulturniveaus ab. Das gilt unter anderen für die sehr kostspieligen Verkehrsanlagen, deren Entstehung das Vorhandensein eines gewissen Verkehrs voraussetzt. Last not least spielt der vorläufige Mangel an genügenden brauchbaren jüdischen Arbeitskräften eine bedeutende Rolle. Wir müssen hier zwei Kategorien unterscheiden, gelernte und ungelernte Arbeiter, von denen die letzteren bei den öffentlichen Arbeiten bei weitem das überwiegende Kontingent stellen. Von den handwerklich ausgebildeten Arbeitern sind unter den Juden nur wenige Gruppen zahlreich vertreten, höchstens finden sich eine größere Anzahl Tischler, Schlosser und Klempner unter den Ostjuden, Steinhauer bei den Palästinensern; vielleicht mögen auch die Vereinigten Staaten, wo die geringere Berufsstarrheit ein Umsatteln erleichtert, hier und da ein größeres Angebot aufweisen. Immerhin ist im ganzen für die erste Zeit mit einem gewissen Manko an gelernten jüdischen Arbeitern zu rechnen. Um dieses nicht zu sehr fühlbar werden zu lassen, dürfen wir uns nicht aiuf passives Abwarten beschränken, sondern müssen uns bemühen., möglichst sämtliche brauchbare, geschülte Kräfte ausfindig zu machen und sie durch kostenlose Uebersiedlung, Unterstützung bei der Einrichtung, Sicherstellung lohnender Beschäftigung u. dergl. heranzuziehen. Außerdem sind geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um das Bauhandwerk durch eine gediegene fachliche Ausbildung und Schulung weiter zu fördern. Daß diese im jüdischen Osten ziemlich im argen liegt, ist bekannt, und in Palästina ist es bisher auch nicht besser darum bestellt gewesen. Der Mangel an Gründlichkeit und umfassender Sachkenntnis auf einem Gebiete wird oft begleitet von einem dilettantischen Alleskönnen auf mehreren Gebieten. So sind mir Handwerker begegnet, die heute tischlern, morgen Glaserarbeiten machen, um übermorgen den Anstreicher zu spielen. Nachdem bereits die Schule durch Handfertigkeitsunterricht vorbereitend wirken wird, muß eine ausreichend bemessene praktische Lehrzeit die berufliche Grundlage legen, die durch ein sorgfältig ausgebautes Gewerbeschulwesen ergänzt und weiterentwickelt werden soll. Zugleich soll es durch Abhaltung von Kursen den Meistern und Gesellen behilflich sein, etwaige Lücken auszufüllen und sie mit den neuen technischen Fortschritten vertraut machen. Auf weitere Schritte zur Hebung und Förderung des Bauhandwerks (Unterstützung des Genossenschaftswesens, Musterbetriebe, Ausstellungen und dergl.) einzugehen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Während die Schwierigkeit der Heranziehung genügender gelernter Arbeiter auch in Laienkreisen nicht verkannt wird, erscheint die Beschaffung der ungelernten Arbeitskräfte — die ebenso wie im Bauwesen auch in der Landwirtschaft in größtem Umfange erfordert werden — gemeinhin als ganz einfache Aufgabe: „Wir haben große, entwurzelte Volksmassen, die zur Auswanderung bereit sind — gebt ihnen Schaufel und Hacke in die Hand und das Arbeiterheer ist fertig.“ So einfach liegen mm die Dinge leider doch nicht. Die Verrichtungen ungelernter Arbeiter (vornehmlich Lesen und Bewegung von Erdmassen, Materialtransport und dergleichen einförmige, mechanische Leistungen) erfordern einen robusten, arbeitsgewöhnten Körper, der auch gegen klimatische Einflüsse widerstandsfähig ist, und in geistiger Beziehung eine tüchtige Portion — Stumpfsinn. Nicht alle Völker, und am wenigsten die höchststehenden, bringen hierfür die nötige Eignung mit, und so sind auch beispielsweise hier in Deutschland für technische Massenarbeiten im allgemeinen nicht die heimischen Arbeiter, sondern zahlreiche Ausländer. Slawen, Italiener usw., zur Verwendung gekommen. Um wieviel ungeeigneter muß nun erst der Durchschnitt unserer jüdischen Bevölkerung erscheinen, deren Körper seit Generationen physischer Anstrengung entfremdet,