Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 33-34 (14.8.1919)
- Date
- 1919-08-14
- Page
- Seite 1051-1052 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1051 VOLK UND LAND 1052 Während des Krieges und durch denselben haben unserer Meinung nach die Verhältnisse sich in verschiedenen Hinsichten verschoben. Mit der Oeffnung Palästinas für eine jüdische Masseneinwanderung, die auch auf Grund der Zustände im Osten einen gewaltigen Umfang annehmen dürfte, haben wir von vornherein mit der KI e i n h e i t des Landes zu rechnen und mit der Zuteilung von Boden sparsamer umzugehen, als vordem Kriege und bei den damaligen Verhältnissen noch zweckdienlich scheinen konnte. Ferner haben wir mit den verstärkten sozialen Strömungen zu rechnen, die zu der Forderung gleichen Landmaßes für alle führen. Dieses gleiche Landmaß kann nicht groß sein. Denn für die einwandernden Massen bietet das kleine Palästina nur dann Raum, wenn das Landmaß für den Einzelnen von vornherein entsprechend klein gewählt wird. Zu einem solchen Vorgehen stimmen aber die besonderen Verhältnisse des Landes ebenso vorzüglich wie die besondere Eignung der Juden. Denn Palästina ist ein ausgesprochenes Gartenbauland bzw. ein Gebiet der intensivsten Kulturen, und auch die Juden eignen sich unvergleichlich besser für die — Intelligenz und Geschicklichkeit erfordernden — Arbeitsmethoden der Kleinwirtschaft, als für die bäuerliche Wirtschaftsweise der Getreideproduktion. Außerdem aber muß von vornherein in erster Linie mit der tatsächlichen bereits ausgeprägten Berufs Schichtung unseres Einwandererelementes gerechnet werden, das für die industrielle Betätigung viel mehr Kenntnis und Eignung mitbringt als für die Landwirtschaft — besonders in ihren extensiven Formen. Soll eine wirklich großzügige Ansiedlung bewerkstelligt werden können, so muli von vornherein mit einer Kolonisationsform gerechnet werden, die Industrie -und intensive Landwirtschaft vereinigt. Hierfür bieten Gartenstadt und Industriedort die geeignetste Form, in der die Vorteile der städtischen wie der ländlichen Existenz zu bester Harmonie gebracht werden, während gleichzeitig die Nachteile sowohl der Industrie wie des Landlebens sich restlos vermeiden lassen. Was die AchuSa betrifft, so war sie nach bisherigen Begriffen die ideale Ahsiedlungsform für bemitteltere Elemente, die sich in Palästina vorwiegend aut Grundlage von Pflanzungsbau eine sorgenfreie Existenz und in den meisten Fällen wohl auch ein arbeitsloses Einkommen sichern wollten. Wir müssen uns aber darüber klar sein, daß eine solche „beschauliche“ Kolonisationsform zwar für Leute, die über das arbeitsfähige Alter hinaus sind, eine durchaus passende und auch berechtigte Form darstellt, daß sie aber keinen dauernden Zustand arbeitslosen Einkommens schaffen darf. Auch die Ansiedler, die wegen Alters oder sonstiger Verhältnisse nicht als selbst arbeitende in Frage kommen, wollen ja mit ihrer Achusa-Existenz nicht auch ihren Kindern und Kindeskindern auf ewige Zeiten ein arbeitsloses Leben sichern: die bisher propagierte Form der Achusa bildet vielmehr ein ausgesprochenes UebergangsStadium, das wieder in die Arbeit — wenn auch eine verhältnismäßig leichte und hochlohnende — ausmündet. Eine Achusa-Kolonie der bisherigen Auffassung würde ja auch ein dauerndes Arbeiterelement neben sich brauchen, und wir hätten dann wieder das Verhältnis von Herr una Knecht (wie sehr dieses auch durch geeignete Arbeits Verträge gemildert werden mag) und auch die Ungleichheit größerer und kleinerer Landparzellen für die Kolonisten und die Arbeiterschaft. _ Das paßt nicht in unsern neuen Aufbau. Zum mindesten wird „gleiches1 Landmaß für alle“ dort zur Forderung erhoben werden müssen. Und auch ein ständiges Verhältnis von arbeitslosem Einkommen neben einer dauernden Arbeiterschaft ist weder anzusitreben, noch kann es unter heutigen Zeitläuften auch nur als durchführbar gelten. Die Achusa-Interessenten werden daher am besten tun, sich von vornherein normalen, vorwiegend auf der eigenen Arbeit der Ansiedler aufgebauten Kolonien anzuschließen. Sie mögen sich in eigenen Gruppen zusammenfinden oder in der Gesamtheit größerer Kolonien aufgehen. Der Anschluß von Achusa-Interessenten an größere gartenstädtische oder industriedörfliche Siedlungen ist sowohl seitens einzelner wie seitens organisierter Ach'usa-Gruppen durchaus möglich und in hohem Maße wünschenswert. Schließlich sei nodr auf das in „Volk und Land“ Heft 12/13 erschienene Projekt einer jüdischen Großsiedlung in Palästina auf Grundlage seiner Landwirtschaftsbetriebe und verschiedener Industrien hingewiesen, dais — mit einigen Verbesserungen — auch separat gedruckt wurde und vom Ingenieur P. Kaufmann, Charlottenburg, Wimdscheidstr. 32, an Interessenten kostenlos zur Verfügung gestellt wird. DIE OEFFENTLICHEN ARBEITEN IN PALAESTINA ALS NOTSTANDSARBEITEN Von Dipl.-Ing. M. Hecker, Haifa. Die öffentlichen Arbeiten werden für unser „ künftiges Gemeinwesen in Palästina von grundlegender Bedeutung sein. Ihren umfassenden, vielgestaltigen Umkreis habe ich bereits in Nr. 1 und 2 dieser Zeitschrift skizziert. So sehr eine Beschleunigung der öffentlichen Arbeiten zu wünschen ist, wäre es doch irrig, anzunehmen, wie es der Artikel von Dr. Honig über „Notstandsarbeiten in Palästina“ tut, als ob diese Aufgaben nun £chon unmittelbar angriffsbereit vor uns lägen, so daß es nur unseres guten Willens bedürfte, um1 an ihre Ausführung zu schreiten. Tatsächlich sind erst einige wenige Aufgaben, und zwar solche mehr lokaler Natur und beschränkteren Umfangs, genügend reif oder: bedürfen nur geringer Vorstudien, um alsbald in Angriff genommen zu werden. Weitaus die meisten und wichtigsten Schöpfungen erheischen umfangreiche und oft langwierige Vorarbeiten, die ihre Projektierung erst auf eine zuverlässige Grundlage zu stellen vermögen. Außerdem sind sie zum Teil derart miteinander verknüpft, daß selbst eine Teilausführung nicht eher vorgenommen werden kann, als bis der Rahmen des Gesamtwerkes festgestellt worden ist. Ein Beispiel wird dies erläutern. Die künstliche Bewässerung des Jordangebiets, die dieser jetzt verödeten Gegend ihre natürliche Fruchtbarkeit wiedergeben soll, hängt aufs engste zusammen mit der Ausnützung der Wasserkräfte des Jordans und