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Volk und Land · 1919-08-14 · Heft 33-34 (14.8.1919) · p. Seite 1029-1030

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 33-34 (14.8.1919)
Date
1919-08-14
Page
Seite 1029-1030 (sequence 7)
Language
German
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1029 /OLK UND LAND 1030 Betracht kommen, Länder gehören, in denen modernes Wissen heute schon nicht ganz unbekannt ist: Irland wie Spanien, Süditalien wie Ungarn, Rumänien und Rußland, die Balkanländer, Kleinasien, Persien, Aegypten, Ostindien, die tropischen und subtropischen Länder Amerikas. Bis es gelungen ist, in allen diesen Ländern die kulturfähige Fläche aut die Höhe moderner Produktivität zu bringen, bis nur alle die Anlagen der Entwässerung hier und der Bewässerung dort vollendet sind, die Aufforstung in den einen und die Rodung von Urwald in anderen, und ihre allgemeine Ausstattung mit den besten Produktionsbehelfen und (ausgiebigen motorischen Kräften vollzogen ist — bis wir so weit sind, wird wohl einige Zeit vergehen, die vielleicht genügen wird, iauch bei den Kongonegern die Bedingungen zur Anwendung des Dampfpflugs zu schaffen — wenn es bis dahin noch einen solchen geben und nicht ein weit wirksamerer und einfacherer Apparat ihn verdrängt haben sollte. Jedenfalls liegt nidit die mindeste Notwendigkeit vor, mit der Verbreitung des Dampfpflugs in agrarischen Gebieten gerade bei den Kongonegem zu beginnen. Das Tempo des ungeheuren Prozesses der Umwälzung und Modernisierung der Landwirtschaft in der sozialistischen Gesellschaft hängt von der Masse der Produktionsbehelfe ab, die die Industrie für die Landwirtschaft zu liefern vermag. Der größte Teil der Arbeitskräfte der Metallindustrie und des Baugewerbes, die heute ider Erweiterung der Großstädte sowie dem Kriegswesen dienen, sie werden dann dazu verwendet werden, Bauten, Maschinen, Werkzeuge für die Landwirtschaft zu schaffen. Der Sieg des industriellen Proletariats, er wird schließlich am meisten der Landwirtschaft zugute kommen und der landwirtschaftlichen Bevölkerung ein höheres Dasein bringen. Der Kapitalismus' hat im neunzehnten Jahrhundert vor allem und fast ausschließlich Industrie und Verkehr umgewälzt; der Sozialismus, dem hoffentlich noch der größte Teil des zwanzigsten Jahrhunderts gehören wird, muß viel mehr die Landwirtschaft als die Industrie um wälzen. Nichts verkehrter, als der Sozialdemokratie Feindseligkeit oder auch nur Gleichgültigkeit gegenüber der Landwirtschaft anzudichten. Nicht der Landwirtschaft gilt unsere Gegnerschaft, sondern der Grundrente, die von müßigen Grundbesitzern und Wucherkapitalisten eingesackt wird. Nicht gegen den Klein baue rnst and wenden wir uns, wohl aber gegen jene, die den Landarbeitern, einreden wollen, ihr Endziel habe die Existenz des Kleinbauern zu bilden; darauf hin sollten sie mit aller Macht streben und alle ihre Kraft konzentrieren. .Das heißt ihnen die ewige Arbeitsfron zum Endziel setzen, es heißt aber auch, ihre Widerstandskraft gegenüber ihren Ausbeutern in der Gegenwart herabsetzen, denn ihre wirksamste Waffe ist die drohende Versagung der Arbeit durch Aus- Wanderung, und diese Waffe legen sie aus der Hand, sobald sie sich an die Scholle binden. Der Prozeß der Umwälzung der Landwirtschaft durch die Industrie, der mit dem Siege des Proletariats beginnen muß, ist ein so riesenhafter, daß er nicht so bald zu einem Abschluß, ja nicht einmal zur Verlangsamung kommen kann. Sein Tempo hängt in erster Linie von der Menge Arbeitskräfte ab, die der Industrie zur Verfügung stehen. Je rascher diese wachsen, desto rascher werden sich die Produktivkräfte der Landwirtschaft entfalten. Auch wenn die heute schon in Anbau genommene Kulturfläche der Welt nicht erweitert würde, wenn hygienische, technische, ästhetische Rücksichten nidit erlauben würden, sie auf Kosten dies Waldes im ganzen weiter auszudehnen, wenn c'i-'ser hier gewinnen sollte, was er dort verliert; und auch wenn der Drang nach Muße die allgemeine Arbeitszeit für die notwendigen Arbeiten weit unter deren jetzige Ausdehnung herabsetzen wird; auch dann wird die Lebensmittelproduktion rasch zmehmen, denn im Vergleich zu der heute schon möglichen Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit ist deren wirkliche Produktivität in fast allen Ländern, | außer den alten kapitalistischen Industrieländern, noch winzig. Solange dieser Unterschied zATchen wirklicher und möglicher Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit nicht ausgeglichen ist, wird jede neue (Arbeitskraft, die der Industrie hinzu ge fügt wird, eine Vermehrung der Produktivkräfte für die j Landwirtschaft, eine Vermehrung ihrer Produktivität und ihrer Ueberschüsse, also auch des Nahrungsspielraums bedeuten können. Wie sehr sich dieser noch ausdehnen läßt, dafür nur einige Andeutungen. Niemand wird' behaupten wollen, daß die deutsche Landwirtschaft auf der Höhe der Vollkommenheit stehe. Eine jüngst veröffentlichte Untersuchung der Frage, ob „die deutsche Landwirtschaft unter dem Drucke des Gesetzes vom abnehmenden Bodenertrag steht“, schließt der Verj fasser, Dr. J. Rybark, mit den Worten: | „Wer Land und Leute kennt und weiß, wie I viele Bauernhöfe, ja selbst größere Güter es gibt, I wo noch kein Körnchen künstlicher Dünger hineinj gekommen ist, wo seit Großvaters Zeiten dieselbe Getreide- und Kartoffelsorte gebaut wird, wo die j Ackergeräte dürftig, die Bodenbearbeitung mangel-! haft ist, wo Stallmistpflege, Fruditfolge und sonstige technische und wirtschaftliche Maßnahmen an I Rationalität noch viel zu wünschen übrig lassen, der ist sich darüber klar, daß die deutsche Landj Wirtschaft als Ganzes trotz aller Fortschritte noch! lange nicht auf dem Punkte angelangt ist, wo! größere Erträge nur mit unverhältnismäßig höheren Kosten erzielt werden können.“ (Zeitschrift für | Sozialwissenschaft, S. 445, 1909.) Das gleiche gilt von England: „Vom englischen Landwirt wird... gesagt, daß er ein guter Viehzüchter sei, a/ber im eigentlichen Ackerbau nicht ganz mit der Zeit fortgeschritten und im Gebrauch des Kunstdüngers noch wenig erfahren ist. Dies kommt wohl zum Teil von der Rückständigkeit des landwirtschaftlichen Unster-! richtes, dürfte aber auch mit ... den kurzen und unsicheren Pachtverträgen, durch welche angebrachte Meliorationen nicht ausreichend vergütet werden, in Zusammenhang stehen.“ (Ad. Mayer, Ueber den Erfolg der Reform der Pachtgesetzgebung in England, Zeitschrift für Sozialwissenschaft, S. 660, 1909.) Wie weit zurück noch die europäische Landwirtschaft ist, wie wenig sie sich noch von den technischen Fortschritten angeeignet hat, bezeugt uns unter anderem ein Vortrag, den Dr. Ed. v. Seidl am 16. Februar 1910 an der Wiener Hochschule für Bodenkultur gehalten hat. Er hat seit 1889 einen Gutskomplex in Mähren gepachtet, der 2135 Hektar umfaßt, und bewirtschaftet ihn mit ausreichendem Kapital nach modernen Prinzipien, ohne dabei alle Neuerungen einzuführen. Die Elektrizität zum Beispiel spielt bei ihm noch keine Rolle. Der Boden des Gutes ist nicht besonders günstig, zum Teil sumpfig, zutn Teil stark gej neigt, die Ackerflächen mit vielem Parzellen anderer i Besitzer gemischt, oft klein und unregelmäßig. Die Arbeiter, zumteit slowakische Wanderarbeiter, deren Arbeit geringwertig, die Nachbarn jedem Fortschritt feindlich, was zum Beispiel die Dränage sehr erschwert. Und doch gelang es Seidl, seit

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