Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 33-34 (14.8.1919)
- Date
- 1919-08-14
- Page
- Seite 1027-1028 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1027 VOLK UND LAND 1028 der Sozialismus erheben wird, kann und wird ihm die Mittel geben, die Landwirtschaft technisch umzuwälzen. Vor allem wird es wichtig sein, um der Landwirtschaft die größtmöglichste Produktivität zu gewähren, den einzelnen betrieben jene Maximalgröik zu geben, bei der sie alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel am vollkommensten auszunützen vermögen; Diese Maximalgröße wird nicht für alle Gegenden und Betriebsarten, so wenig wie für alle Zeiten, die gleiche sein können. Wir wissen bereits, daß der Marxismus keineswegs behauptet, der größere Betrieb sei unter allen Umständen idem kleineren überlegen. Er behauptet das nicht von den Betrieben sondern von den Kapitalien, Es ist aber kaum anzunehmen, daß jemals und irgendwo für irgendwelchen größeren Produktionszweig das Ausmaß des Eigenbetriebs eines Ehepaars als die rationellste Maximalgröße oder überhaupt als einigermaßen leistungsfähige Größe in Betracht kommen könne. Mag das heute noch bis zu einem gewissen Grade möglich sein, so nur deshalb, weil es dem bürgerlichen Hirn als selbst verständlidh gilt, daß der Arbeiter ein Arbeitstier ist und ausschließlich seiner Arbeit lebt. Der kleinbäuerliche Familienbetrieb verliert seine Lebensfähigkeit in dem Moment, in dem die Massen der Landbevölkerung anfangen, die Muße zu den für sie unentbehrlichen Lebensmitteln zu rechnen. Ebensowenig wie eine Arbeitsteilung erlaubt der kleinbäuerliche Familienbetrieb einen Schichtwechsel — oder gar Ferien, ein längeres Aussetzen von der Arbeit. Ununterbrochen, tagaus, tagein, vom Morgen bis in die Nacht müssen der Zwergbauer und seine Gattin sich schinden; niemand ist da. sie abzulösen. Wenn sich neben seinem Zwergbetrieb eine große Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft erhebt, in der etwa während des Frühjahrs, Sommers und Herbstes in drei Schichten von je fünf Stunden gearbeitet wird, während der drei Wintermonate in zwei Schichten;, indes in jedem Monat eine Schicht Ferien hat, wer wollte glauben, daß da der Kleinbauer daneben noch das Evangelium der Herrlichkeit des bäuerlichen Familienbetriebs nachbeten/ wird, das uns jetzt einige Sozialisten predigen? Er wird alles aufbieten, Mitglied der Produktionsgenossenschaft zu werden. So wird das Privateigentum am Boden aufhören. Zuerst für die großen Betriebe, dann ohne jeden Zwang äuch für die kleinen, die in den großen aufgehen. Mit der Organisierung mehr oder weniger großer ProduktivgeniossensChaften, für die Landwirtschaft und der Herabsetzung ihrer Arbeitszeit wäre es natürlich noch nicht getan. Sollen sie ihr Vollkommenstes leisten, müssen intelligente und wissenschaftlich gebildete Arbeitskräfte aufs Land, muß die Arbeit auf dem Lande für geistig regsame und gebildete Leute erträglich gemacht werden. Bessere und höhere Schulen sind dort zu gründen, Bibliotheken und Lesezimmer, Stätten geselligen Kunstgenusses. Damit wird das Bedürfnis nach Kirche und Gottesdienst auch auf dem flachen. Lande verschwinden. Natürlich müssen! die neuen Betriebe aufs beste ausgestattet werden mit alten Behelfen der modernen Wissenschaft und Technik, was wieder die Beschaffung zahlreicher motorischer Kräfte erheischt, die teils durch Dampf, teils durch Wasserbauten zu liefern sind. Sollen diese Kraftanlagen völlig ausgenutzt werden, dann erfordert dies seinerseits eine Verbindung von Industrie und Landwirtschaft, da diese nicht das ganze Jahr iin gleichem Ausmaß motorischer Kräfte bedarf. Das gleiche gilt von den menschlichen Kräften. Auch diese können beim Vorhandensein eines industriellen Betriebs neben dem landwirtschaftlichen gleichmäßiger beschäftigt werden. Die Verlegung der Industrie aufs flache Land, die im Interesse der Steigerung der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit liegt, wird aber auch den geistigen Bedürfnissen der ländlichen wie der industriellen Arbeiter entsprechen. Diese kommen dadurch leichter in Verbindung mit der Natur, für jene wird mit der Verdichtung der Bevölkerung auf dem Lande die Möglichkeit mannigfaltigerer Geselligkeit und freien Genießens und Produzieren in Kunst und Wissenschaft vermehrt. Es wird eine gewaltige Umwälzung der Landwirtschaft sein, die (der Sozialismus auf diese Weise bewirkt. Sie wird niCht ausschließlich die Erzeugung der Bodenprodukte erhöhen; weit mehr wird sie für die landwirtschaftliche Bevölkerung das Ausmaß ihrer Muße vergrößern, sie wird sie aus Lasttieren, die sie heute sind, zu freien Menschen machen. Allenthalben wird diese Umwälzung der Landwirtschaft eine tiefgehende gei«. Aber noch riesenhafter als in den Industrieländern wird die umwälzende Wirkung des Sozialismus in den primitiven Agrarländern auf treten, weil dort der Unterschied zwischen der wirklichen und der möglichen Produktivität der Arbeit ein viel größerer ist, der Sprung von jener zu dieser also ein noch weit mächtigerer. Ebensosehr wie die kapitalistische muß. die sozialistische Gesellschaft trachten, die Ueberschüsse an Bodenprodukten zu erhöhen, die die Landwirtschaft liefert. Aber sie kann nur noch die Methoden der Produzierung des relativen, nicht mehr die der Produzierung des absoluten Mehrproduktes anwenden. Sie befreit die Bewohner der Agrarländer von der auf ihnen lastenden und sie ruinierenden kapitalistischen Ausbeutung, um ihrer Landwirtschaft neues Leben einzuflößen und sie auf die höchste Stufe der Vollkommenheit durch Zuführung des modernen, Wissens und der modernen Technik zu bringen. Dazu bedarf es keiner Kolonialpolitik, keiner ~ berung, keines Zwanges. Mittel zur Vermehrung der Produktion 'und zur Ersparung der Arbeit nimmt jeder gern entgegen; die rückständigen Völker wenden sich gegen die modernen Produktionsmittel nur dort, wo sie ihnen als Mittel der Ausbeutung und Knechtung entgegentreten. Gerade die Aufhebung jeden Zwanges ist die erste Vorbedingung, den modernen Produktionsmitteln raschen Zugang in den agrarischen Ländern zu eröffnen. In einer sozialistischen Gesellschaft wird die Ausbreitung der modernen Produktionsmethoden innerhalb der agrarischen Länder in demselben Tempo vor sich gehen können, An dem die Industrie der Industrieländer die erforderlichen Prcduktiomsbehe fe sowie die Mittel ihres Transportes beschafft, und in dem die geistige Bildung der Bevölkerung in den Agrarstaaten die zur Anwendung dieser Produktionsbehelfe erforderliche Höhe erreicht. Wir haben keine Ursache, anzunehmen, daß der zweite Faktor langsamer fortschreiten wird als der erstere. Die überlegene Klugheit irgendeines weisen Realpolitikers wird auch hier wieder meine „Phantasien^ mit der Bemerkung verspotten wollen, ich erwartete, daß die sozialistische Gesellschaft ohne weiteres den Kongonegern Dampfpflüge zur Verfügung stellen werde, um damit den Urwald zu pflügen. Solche erhabene Kritiker mögen bedenken, daß zu den Agrarländern, die hier in erster Linie in