Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1919)
- Date
- 1919-07-31
- Page
- Seite 985-986 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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985 VOLK UND LAND 986 land und Rußland betrachtet. Französische Offiziere richten die polnische Armee ab, kommandieren sie beinahe und die französische Diplomatie, deren Tendenzen stark klerikal sind, ist jetzt die einstige wirkliche Vertretung Europas oder der Liga in Warschau. Keine Allianz noch setzte sich zum Ziele, den Alliierten zu kontrollieren. Von einem Alliierten verlangt man eine Armee und keine Tugend, und so lange der Völkerbund eine militärische Allianz gegen Deutsche und Bolschewiken bleibt, wird er nichts für die polnischen Juden erwirken. Die Polen kennen ihre Rolle in der französischen Einkreisungsstrategie und wissen, daß, so lange sie sie erfüllen, sie die Juden und Deutschen und die anderen Minoritäten nach ihrem Belieben behandeln können. Das ist eben die Folgeerscheinung des neuen Militarismus. | AUS POLITIK, WIRTSCHAFT UND PALAESTINA - ARBEIT POLITISCHES Achad Haam und die jüdische Presse Achiad - Haatn halt vor kurzer Zeit einem Zeitungskorrespomdenten gegenüber vor übertriebenen Hoffnungen hinsichtlich Palästinas gewarnt. In den zionistischen Kreisen hat man sich darüber stark aufgehalten. Nun veröffentlicht das New Yorker hebräische Journal „Hatoren“ eine weitläufige Erklärung Achad-Haams an Schmariahu Lewin zur Entschuldigung seiner damaligen Warnung. Nach längerer Behandlung der rein formellen Seite, worin Achad Haara behauptet, daß seine Aeußerungen mehr privaten Charakter trugen und eigentlich nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt waren — er hätte sonst auf andere Weise sich am das Publikum .gewendet —, geht er auf das Monitum ein und schreibt: Nachdem die Veröffentlichung bereits ohne meinen Willen geschehen ist, muß ich zugeben, daß diese Anschauungen tatsächlich die meinen sind, obwohl ich, wenn ich selbst zum Publikum gesprochen hätte, bemüht gewesen wäre, diese präziser und angenehmer zu formulieren. Ich habe mich tatsächlich Herrn Bernstein gegenüber beklagt, daß die jüdische Presse Amerikas aus Sensationssueht nicht genügend vorsichtig im Entfachen der Volksphantasie ist. Sie bringt durch ihre Berichte das Volk' zum Glauben, daß in Kürze — in einigen Tagen, Wochen oder Monaten — Palästina unser sein wir^, ein richtiger jüdischer Staat, in welchem! Hunderttausend« Juden, die ihren Leiden entrinnen wollen, unter ihrer nationalen Fahne Rettung und Ruhe finden werden. Es scheint daß niemand sich der großen, Gefahr bewußt wird, die dies für die Massen im Galufh wie auch für unsere nationale Arbeit in Palästina bildet. Wenn, ich auch überzeugt bin, daß die an der Macht Seienden ihre gegebenen Versprechen erfüllen werden, so dürfen dennoch Jahrzehnte vergehen, bis wir mit Recht einen tatsächlichen „Jüdischen Staat“ werden fordern können. Im Verlauf dieser Uebergaugszeit, bis yör die Mehrheit im Lande erringen, müssen unsere wichtigsten Eigenschaften Fleiß und Geduld sein. Mit offenen Augen umd ruhigem Sinn müssen wir den vor uns sich antürmenden Berg besteigen, mit genauen und abgemessenen Schritten, mit unaufhörlichem Fleiß und Geduld, ohne Rücksicht auf Tage und Jahre. Mit bloßen Träumen richtet man ein Volk nicht wieder auf. Achad-Haam schließt mit der Bemerkung, wenn man auch die HöChstzahl der Palästina-Immigranten derzeit mit Sicherheit nicht bestimmen könne, glaube er doch nicht, daß bei dem zu erwartenden Emigrationsstrom aus den östlichen Ländern alle Emigranten Lebensunterhalt in Palästina finden können. Ueber die eventuellen Folgen wolle er lieber nicht sprechen; „wollen wir hoffen, daß uns der Gott Zion vor diesem schrecklichen Unglück bewahren werde“. (Jüd. Korr.) Der „Bund“ für Palästina Endlich hat sich auch die jüdische sozialistische Arbeiterpartei „Der Bund“ der Forderung nach einem jüdischen Palästina angeschlossen und ist dadurch, wenn .er auch diese Forderung auf eigene Art formuliert, zum Teil ins Poale-Zionistische Lager abgeschwenkt. In dem der Friedenskonferenz überreichten Memorandum fordert der Bund, daß Palästina unter Souveränität der Liga der Nationen als unabhängiger Staat erklärt werde, die auch dessen Autonomie. Unverletzbarkeit und Neutralität garantieren soll. Falls die Liga der Nationen beschließen sollte, einen Mandatar für Palästina zu bestimmen, so muß gefordert werden, daß die Bevölkerung Palästinas und die jüdischen Organisationen bei der Auswahl dieses Mandatars ein Votum haben und dieses Mandat keinesfalls länger als 50 Jahre dauere. Nachher soll Palästina vollständig unabhängig werden. Der Boden und die natürlichen Reichtümer Palästinas sollen nationalisiert werden. Die großen Güter sind zu verteilen, wobei ihre Eigentümer evtl, eine Entschädigung erhalten können. Die Besetzung des Landes und ähnliche Fragen sollen von der Regierung Palästinas gemeinschaftlich mit einer „Exekutive des Jüdischen Volkes“, die die demokratischen jüdischen Organisationen der ganzen Welt vertritt, kontrolliert werden. Der arabischen Bevölkerung Palästinas soll vollste Autonomie in religiösen, kulturellen und sozialen Angelegenheiten zugesichert werden. Die Lage in Odessa In der Wilnaer „Jüdischen Zeitung“ schildert ein Reisender, der Odessa vor einigen Wochen verlassen hat, die dortige Lage. Als die Bolschewisten gegen Mitte des Winters Odessa besetzten, trafen sie dort einige angesehene kadettische und oktobristische Führer an. Auch einige Führer der „Schwarzen Hundert“ befanden sich dort Die Bolschewisten ließen sie unbehelligt. Alle, darunter auch Puryschkiewitsch, konnten nach Ressarabien und Rumänien flüchten. Ein Teil der reichen Odessaer Juden befand sich auf den Schiffen der Alliierten. Die französischen Matrosen versuchten anfangs unter dem Einfluß der kommunistischen 'Agitation sie von den Schiffen zu vertreiben. Es gelang ihnen jedoch, sich mit Geld loszukaufen, so daß tfie Franzosen sie schließlich doch mitnahmen. — Das jüdische gesellschaftliche Leben ist fast ganz abgestorben. Der größte Teil der Führer ist geflüchtet und die Stimmung in den jüdischen Kreisen ist gedrückt. Die Nachricht, Zlatapolsky sei von Bolschewisten verhaftet worden, stimmt nicht, da er beim Einmarsch der Bolschewisten sich mit seiner Tochter bereits in Konstantinopel befand. Dagegen verhaftete man Perschitz. Zlataploskys Schwiegersohn. Die Druckerei der „Moria“ wurde von Bolschewisten requiriert, die seither dort ihren „Kommunist“ drucken. Die poale - zionistische Zeitung „Dos Naie Leben“ hat noch früher ihr Erscheinen eingestellt. Der „Haschiloach“ erschien bis Mitte Winter. Das Lehrerseminar, unter Leitung von Dr. Mohilewer, arbeitet noch.