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Volk und Land · 1919-07-31 · Heft 31 (31.7.1919) · p. Seite 975-976

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 31 (31.7.1919)
Date
1919-07-31
Page
Seite 975-976 (sequence 12)
Language
German
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975 VOLK UND LAND 976 betriebe an der deutschen Nord- und Ostseeküste, ja sogar in Berlin, verwenden teilweise englische Kohle. Diese Tatsachen mögen genügen, um den „Kohlenmangel“ zu beseitigen. 2. Palästina ist arm a nindustriellen Rohstoffen. Es fehlt an Eisen und anderen Erzen, Holz. Baumwolle und Wolle. Deutschland befindet sich in ähnlicher Lage. Die hochentwickelte deutsche Eisenindustrie ist zum größten Teil auf ausländische Erze angewiesen. Die oberschlesischen Werke und diejenigen an der Ostseeküste verhütten im wesentlichen schwedische Erze, während die rheinis ch-westfälisehen Hütten daneben a(uch spanische Erze beziehen. Auch die Vorräte an anderen Erzen genügen bei weitem nicht, •um Iden Bedarf der deutschen Industrie zu decken. Die Holzbearbeitungsfabriken sind ebenfalls auf ausländische Rohstoffe angewiesen. Russische, galizische, rumänische, schwedische Hölzer werden in Riesenmengen hier verarbeitet, und ein Blick in ein Fachbla.tt der Holzindustrie zeigt jedem Laien, daß in deutschen Fabriken Hölzer aus allen, selbst den entlegensten Teilen der Welt verarbeitet werden. Auch Baumwolle ist noch nie in Deutschland oder in England gewachsen und doch versorgen beide Länder einen großen Teil der Welt mit Baumwollfabrikaten. Lind nur ein kleiner Teil der hier verarbeiteten Wolle ist im La,nde gewonnen. Ich denke, daß hiermit auch dem „Rohstoffmangel“ abgeholfen ist. 3. Wir müssen mit einer starken sozialen Belastung unserer Industrie rechnen. Mandarf sich niehteinbilden, daß wir billigere Löhne haben werden als andere Industrieländer. Zunächst sei darauf hingewiesen, daß höhere Löhne und soziale Lasten an sich noch keine Verteuerung der Produktionskosten bedeuten. Es kommt vielmehr darauf an, was für die höheren Löhne geleistet wird. Besser organisierte, technisch auf höherer Stufe stehende Betriebe können höhere Löhne zahlen, als solche, die ihnen in dieser Beziehung nachstehen. Die an sich höhere Leistungsfähigkeit des Werkes gleicht das wieder aus. leb halte es aber nicht nur für möglich1, sondern für ganz sicher, daß wir erheblich1 geringere soziale Lasten und niedrigere Löhne bei höchster technischer Vollkommenheit der Werke haben werden, als dies in den alten Industrieländern der Fall ist. Wir werden nicht Industriestädte nach europäiscbamerikanischem Muster erbauen, sondern Industriedörfer, wo jeder Industriearbeiter sein Stück Land erhält, das er mit seiner Familie bewirtschaftet. Nach Oettingers — durch Chajmitzer richtiggestellter — Berechnung kann eine Arbeiterfamilie im landwirtschaftlichen Nebenberuf weit tnehr erwerben, als sie zum Leben braucht. Wenn der Arbeiter in der Fabrik selbst zu einem sehr niedrigen Lohn arbeitet, so wird er sehr bedeutende Ersparnisse machen können. Diese Ersparnisse sollen die Arbeiter dazu verwenden, um sich als „Kapitalisten“ an dem Unternehmen, in dem1 sie arbeiten, zu beteiligen. Auf diese Weise können sie, wenn sie sich zur Wahrung ihrer Interessen vereinigen, als „Großaktionäre“ einen weit größeren Einfluß auf das Unternehmen gewinnen, als ihnen ein noch so weit gefaßtes Mitbestimmungsrecht zugestehen kann. Eine derartige Beteiligung der Arbeiter kann der Leitung des Unternehmens nur willkommen sein, denn in diesem' Falle können sie nicht mehr einseitig die Interessen der Arbeitnehmer vertreten; sie sind ja nun zugleich ihre eigenen „kapitalistischen Ausbeuter“ und müssen als solche das Gedeihen des Unternehmens, an dem sie ja selbst mit Kapital beteiligt sind, im Auge behalten. Es liegt auf der Hand, daß für einen solchen Arbeiter alle sozialen Versicherungen überflüssig sind. Also auch soziale Lasten und hohe, Löhne brauchen wir keineswegs zu fürchten*). Auch bei seiner Gruppierung der Industrien nach den Aussichten, die sie zu bieten scheinen, ist Auerbach auf einen Holzweg geraten. Für unsere Industrie kommt eine andere Gruppierung in Frage, nämlich: I. Industrien, deren Absatzgebiet vorwiegend das Inland ist. II. Industrien, deren Absatzgebiet vorwiegend das Ausland ist, wobei allmählich ein Uebergang von der ersten zur zweiten Gruppe eintreten kann. Es ist ohne weiteres klar, daß die erste Gruppe den großen Vorzug hat, für ihre Erzeugnisse sofort einen Markt zu besitzen, während die (zweite Gruppe sich diesen erst im Konkurrenzkampf mit anderen Ländern erobern muß. Die Entwickelung der Gruppe I wird daher eine schnellere und leichtere sein, als die der Gruppe II. Die Gruppe I setzt sich aus folgenden Industrien zusammen: 1. solche, deren Ro hs to f f e-ganz oder zum überwiegenden Teile im Lande vorhanden sind; 1 2. solche, deren Rohstoffe ganz oder zum überwiegenden Teile eingeführt werden müssen. Welche dieser beiden Untergruppen eine schnellere Entwickelung nehmen kann, ist schwer vorauszusehen; da,s Vorhandensein der Rohstoffe ist nicht das Entscheidende, da deren Gewinnung oft große Schwierigkeiten entgegenstehien. Zunächst wird die Untergruppe 2 wahrscheinlich eine frühere Inangriffnahme ermöglichen. •Zur Untergruppe 1 gehören: a) die Industrie der Steine und Erden: Steinbrüche, Kalkwerke, Zementwerke, Zementwarenfabriken, Ziegeleien, Tonwarenfabriken, Porzellan- und Steingutfabriken, Glasfabriken. b) Die chemische Industrie: Phosphatfa.briken, sonstige Düngemittelfabriiken. Zur Untergruppe 2 gehören: a) Die Bauindustrie. b) Die Holzbearbeitungsindustrie: Sägewerke, Baiutischtereien, Möbelfabriken. c) Die Eisenindustrie: Eisenhoch- und Brückenbau-Anstalten, Fabriken für Bau- und Möbelbeschläge, Schloßfabriiken, Fabriken für Haus- und Küchengeräte. d) Die Maschinenindtustrie: landwirtschaftliche Maschinen-Fabriken, Baumasehinen-Fabri- - keu, Fabriken für Eisenbahnbedarf, Kesselschmieden, Motorenfabriken, Werkzeugmaschiinen-Fabriken, Allgemeine Maschinen- Fabriken. e) Die Elektrizitäts-Industrie. Von diesen Industrien ist sofort in Angriff zu nehmen die Bauindustrie (2 a), da sie für die Unterbringung der Einwanderer und ihre primitivsten Bedürfnisse unentbehrlich, eine Einfuhr ihrer Erzeugnisse aber flicht denkbar ist. Die Holzbearbei- *) Dieser Teil der 'Ausführungen dürfte auch bei „industriefreundlichen,“ Kreisen auf Widerspruch stoßen. Wenn durch die 'Erwerbsheimstätte die Frage der sozialen Belastung der Industrie •auch nur einigermaßen gelöst wäre, dürfte nicht 'nur das jüdische Palästina, sondern auch manch europäischer Staat sehr erfreut sein. Die Formel: „Hoher Ertrag der Heimstätte, niedriger Industrielohn“ dürfte jedoch kaum allgemeine Gültigkeit beanspruchen dürfen. 1 D. Sch,

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