Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1919)
- Date
- 1919-07-31
- Page
- Seite 973-974 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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973 ■■■ ----- =— VOLK UND LAND =--= ■■■ ■ 974 beim Arbeiten zu. Von den Hüten der Damen flatterten die lichten seidigen Scnnenschleier, und das sah sehr hübsch aus. Ich ritt aber doch nicht an die Wagen heran, weil ich, bestaubt und verschwitzt wie ich war, den Eindruck eines Wegelagerers zu machen fürchtete. Ich dachte mir, ich würde schon in Jaffa Gelegenheit haben, mich diesen interessanten, feiinen Menschen vorzustellen. Es kam anders. Am nächsten Tage erhielt ich ein Telegramm, das mich zu schleuniger Fahrt nach Konstantinopel zWang. Ich mußte mit der türkischen Regierung eine sehr wichtige Sache ins Reine bringen. Die Zeit drängte. In aller Eile ließ ich meine Jacht in Haifa heizen und berief die Chefs der Abteilungen zusammen. Den Oberbefehl übergab ich' Fischer, der alle imeine Absichten genau kannte, und ich dampfte mit meinen Sekretären noch am selben Tage nach Konstanünopel ab. Den Futuro hatte ich nicht besuchen können, aber ich hoffte, ihn bei meiner Rückkehr von Stambul noch an der Küste zu finden. Ich tat auch mein Möglichstes, um die Verhandlungen rasch zu beenden. Doch wie es nun einmal im dieser liebenswürdigen und schläfrigen Stadt geht, alles zog sich in die Länge, und imeine Ungeduld half mir nichts. Im Geiste und in Ider Disposition war ich freilich bei unseren großen Arbeiten in Palästina. Mit Fischer und dem Londoner Bureau blieb ich in allstündlichem Zusammenhänge. Nur mit der geistreichen Heiterkeit des Weisenschiffes konnte ich mich auf telegraphischem Wege nicht verbinden. Mein Bedauern wuchs in dem Maße, als der Futuro nordwärts fuhr. Die täglichen Telegramme Fischers brachten auch über das Verbleiben des Futuro Nachricht. Schon war er in Tyrus, in Sidon gewesen. Vor Beirut sollte er länger tankern, um den Ausflug niaCh Damaskus' zu ermöglichen. Da hoffte ich ihn auch Zu finden, als ich endlich von Konstantinopel wegkam. Ich hatte Zwar die größte Eile, meine Arbeiten wieder lan Ort und Stelle aufzumehmen, aber einen, halben Tag Aufenthalt in Beirut wollte ich mir gönnen, um die Bekanntschaft dieser ausgezeichneten Menschen! zu machen. Meine gute Jacht flog nur so über die Wellen hin. Ich hatte den Kapitän1 gebeten, idas AeuBerste der Geschwindigkeit zu leisten. Dennoch kamen wir zu spät. Bei der Insel Cypem, an der wir eines Morgens vorüberkamen, sah ich ferne ein Schiff in entgegengesetzter Richtung fahren. Wie der Blitz durchzuckte es mich: das ist der Futuro! Ich stürmte auf die Kommandobrücke und sah durchs Fernrohr. Ich hätte ein geübterer Seemann sein müssen, um ein Schiff auf diese Distanzen zu erkennen. Der Kapitän war leider nicht auf der Brücke, sondern in seiner Kajüte. Bis man mir ihn holte, war jenes Schiff aus unserem Gesichtskreise verschwunden. Aufs Geradewohl hinterdrein zu jagen, wäre nicht ratsam gewesen. Erstens war es fraglich, ob wir jenen Dampfer noch erreichen konnten; zweitens versäumte ich vielleicht eben dadurch den Futuro, falls er noch vor Beirut tag. Wir blieben also in unserem Kurs. Erst in Beirut erhielt ich die Kunde, daß ich richtig vermutet hatte. Jenes Schiff im Morgen Sonnenscheine vor Cypern war der Futuro gewesen. Ich empfand darüber einen gewissen Schmerz. Und seither habe ich den Wunsch, es möge mir wenigstens vergönnt sein, die Wiederkehr des Futuro zu sehen. Denn fünfundzwanzig Jahre nach seiner ersten Fahrt soll er wiederkommen. Allerdings nicht das gleiche Boot, weil es eine veraltete Form hat; ein neues Prachtschiff wird seinen für immer berühmten Namen, erhalten. Und allerdings auch nicht ganz die gleichen Gäste, weil manche schon gestorben sind; wir wollen eben außer den UeberLebenden von der ersten Reise auch noch diejenigen ein laden, die inzwischen die Besten der Kulturwelt geworden sind. Und alle fünfundzwanzig Jahre soll ein Dampfer Futuro einen solchen Areopag, vor dessen Urteil wir uns beugen wollen, zu uns bringen. Wir werden nicht die Potemkinschen Dörfer einer Weltausstellung aufrichten. Das ganze Land soll zur Besichtigung da sein, die Gäste vom Futuro unsere werte Jury. Und wenn sie nun. wiederkommen, und unser Herrgott mich sie diesmal nicht versäumen läßt, und sie finden, daß Joseph Levy seine einfache und doch schwere Aufgabe einigermaßen anständig gelöst hat, dann — dann will ich in Pension gehen. Und wenn ich sterbe, legt mich an die! Seite meines teuren Freundes Fischer, dort oben hin auf den Karmelfriedhof, von wo man den Bück hat auf mein liebes Land und aut mein liebes Meer.“ INDUSTRIE Von Max (Wenn man die Alufsätze liest, in denen für die Besiedelung Palästinas fast jede Industrie, besonders aber die Großindustrie, als unerwünscht abgelehnt wird, so findet man, daß alle Versuche, diese Ablehnung zu begründen, etwas mehr oder minder Krampfhaftes haben. Man hat augenscheinlich eine rein gefühlsmäßige Abneigung gegen jede industrielle Betätigung, weil eng mit ihr verbunden die soziale Frage besteht, deren man nicht Herr zu werden weiß, weil man das Land vor dem sozialistischen Klassenkampf mit seinen häßlichen Begleiterscheinungen bewahren möchte. Und aus Ratlosigkeit und Angst sucht man nach Gründen, die Industrie vom Lande fernzuhalten oder wenigstens ihre Entwicklung nach Möglichkeit zu hemmen. Aber alle die Gründe, die die Unmöglichkeit der gefürchteten industriellen Betätigung erweisen sollen, sind auf Trugschlüssen und Irrtümem aufgebaut. Sie haben zwar für den Laien oft über- Cohn. zeugende Kraft; nur der Fachmann sieht ihre innere Haltlosigkeit. Auerbach, der sich wenigstens von den grotesken Sprüngen der meisten Industriefeinde femhält, hat in seinem Aufsatze „Das Tempo der Einwanderung“ — Heft 20/21 von „Volk und Land“ — diese Gründe zusammengestellt. Ich will diese Gründe hier eingehend auf ihre Berechtigung prüfen. 1. Palästina ist arm an Kraftquellen, vor allem fehlt es an Kohle. Es ist ein grundlegender Irrtum, wenn man als Voraussetzung für die Industrie das Vorhandensein abbaufähiger Kohlenlager fordert. Italien und Frankreich, die doch eine sehr bedeutende Industrie besitzen, führen den größten Teil ihres Kotolenbedarfes ein. Dänemark mit seiner ziemlich hochentwickelten Industrie, ebenso Holland und die Schweiz sind vollständig auf die Einfuhr von Industriekohlen angewiesen. Die riesigen Industrie-