Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1919)
- Date
- 1919-07-31
- Page
- Seite 971-972 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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971 VOLK UND LAND 972 diente es sehr bald. Von Haifa strahlten die Leitungen längs den Hauptllnien unserer Arbeit aus. Ein Telegraphist fuhr in einem der Begleitwagen immer hinter mir her, und der Anschluß an mein Büro in Haifa, somit auch an die Londoner Zentrale war schnell hergestellt. Ein guter Nachrichtendienst war mir natürlich immer das Wichtigste. Nur so konnte ich über Menschen und Material übersichtlich disponieren. Jetzt gab es jeden Tag Landungen von fünfhundert, tausend, zweitausend Einwanderern in den verschiedenen Häfen von Jaffa bis Beirut. Am Tage nach der Ankunft wurden sie schon weiterdirigiert, ohne Verzug ,an die Arbeit. Für die Eisenbahnlinien allein waren zehntausende von Männern erforderlich. Andere zehntausende für die Errichtung der öffentlichen Gebäude unserer Neuen Gesellschaft: Betriebsämter, Verwaltungsstellen, Schulen, Krankenhäuser und so weiter. Die Ausführung war kein Kunststück, wenn nur der Plan so feststand, wie es bei uns der Fall war. Für die Arbeit an Wegen, Eisenbahnen und änderen öffentlichen Bauten bekamen unsere Arbeiter nicht nur den Lohn ausgezahlt — nach Abzug der Raten, die wir mit den Kaufhäusern für die von den Einzelnen bezogenen Waren verrechneten — sie erwarben auch Anspruch auf die spätere Kolonisierung. Der Mann, den wir vom Hafen weg zu den verschiedenen Arbeiten kommandiert hatten, sollte bis zum Herbst bereits das für ihn inzwischen hergestellte Haus in einer Kolonie beziehen und seine Familie zu sich rufen können. Die Sache war, wie gesagt, sehr einfach, es mußte nur ein Plan da sein. Die Militärverwaltungen der großen Staaten hatten im neunzehnten Jahrhundert vieli schwierigere Aufgaben gelöst. Es ist eigentlich schon unbescheiden, daß ich unser Werk mit solchen Leistungen vergleiche. Wir hätten bis zum Herbst nur eine halbe Million Menschen amzusiedelm und bis dahin war eine erste Ernte zu gewärtigen. Die Heeresverwaltungen des vorigen Jahrhunderts mußten Millionen Menschen versorgen, möglicherweise im Feindesland, jedenfalls in einer Zeit allgemeiner Einschüchterung vom Handel1 und Verkehr. Wir dagegen befanden uns in Freundeslamd, nein, auf dem väterlichen Boden, und wir verscheuchten nicht, wie zogen vielmehr Handel und Verkehr gewaltig an. Die Leute, die wir zunächst verpflegten, schufen sogleich die Mittel zu ihrer baldigen eigenen Verpflegung und zu derjenigen der Nachkommenden. Ueberall im Lande wurden von freien Unternehmern Fabriken gebaut, die im Herbst unter Dach sein sollten. Tatsächlich mußte doch jeder vernünftige Mensch einsehen, welch glänzende Aussicht für Industrien sich in diesem Lande eröffnete. Der Absatz an Ort und Stelle bei so mächtiger Einwanderung, die Möglichkeit, bei billigem’ Tarif die jetzt noch ohne Rückfracht fahrenden Importschiffe zu benützen, die Küstenausdehnung, die Lage des Landes in der Mitte zwischen1 Europa Und Asien — das alles zusammen lockte die Leute her. Und als ich nach der ersten Ernte, die nicht einmal ‘besonders gut, sondern eben nur erträglich war, den Stand der Dinge überblickte, konnte ich den Entschluß fassen» die Einwanderung im Herbste nicht zu unterbrechen. Ursprünglich war es so geplant gewesen. Aber die Sistierung war Gott sei Dank! nicht nötig. Ich telegraphierte dies dann am alle Landeszentralen, und es erregte ungeheuren Enthusiasmus in den Prtsgruppen. Von unserer ersten, Ernte datiere ich den Sieg der Neuen Gesellschaft. Es gab später viel reichere Ernten, das alte Gold der Brotfrucht wuchs (uns üppiger jaus dem Boden, aber nie wieder heimsten wir so viel ein. Denn wir ernteten damals1 das Vertrauen unserer Brüder in der ganzen Welt. Kaum zwölf Monate waren vergangen, seit ich meinen großen Generalstab in London versammelt hatte, und ich durfte meinen Freunden im Hauptquartier zu Haifa sagen, daß da£ erste Jahr gut gewesen sei. Unser Direktionsgebäude in; Haifa war in jenem Herbste wohl schon unter Dach, aber im Inneren noch nicht fertig. Bezogen sollte es ist im zweiten Frühjahr werden. Ich konnte dennoch schon meinen wackeren Gehilfen erklären: Unser Haus ist unter Dach! Ich meinte damit die ganze Neue Gesellschaft. Es galt hur, von da weiter auch nichts zu versäumen, immer mit gespannter Aufmerksamkeit unsere Pflicht zu tun. Die Aufgaben wurden umfangreicher, und doch waren sie in der Folge leichter zu bewältigen. Der Apparat war aufgestellt, wir mußten ihn nur richtig in Stand und Gang erhalten. Die größeren technischen Werke wurden geschaffen, namentlich unsere Wasseranlagen. Wir knüpften da an eine sehr alte Tradition unseres Volkes wieder an. Die Salomonischen Teiche zeugen noch von der verschollenen Tüchtigkeit unserer Vorfahren. Wir hatten freilich andere Wasserwerke herzustellen, nicht nur für die Trinkwasserversorgung von Jerusalem und anderen Städten, auch für Kraft und Licht. Der Tote-Meer-Kanal und die übrigen technischen Leistungen beweisen, daß die Ingenieure der Neuen Gesellschaft nicht rasteten. Ihnen allen immer voran ihr herrlicher Chef, der unvergeßliche Fischer. Und noch ein anderer Strom ergoß sich befruchtend über unser Land: Kapital und Kredit. Unsere zielbewußte Arbeit, unsere ersten Erfolge weckten das Vertrauen. So wie wir in den, landwirtschaftlichen Produktivgeinossen neue Bauern auf die Scholle gesetzt hatten, so brachten wir auch den modernen Ackerbaukredit ins Land. Früher hatte man geglaubt, daß wir unsere Geldmittel erschöpfen würden, wenn wir unseren Ansiedlern Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude, Felder, und Maschinen. Pferde, Kühe und Schafe und Geflügel, Wagen und Geräte, Lebensmittel Saat und Futter gäben. Die Klügsten unserer Gegner hatten sogar ausgerechnet, wann wir auf dem Trockenen sitzen müßten. Eine Familie, nach dem Durchschnitt mit fünf Köpfen angenommen, koste zur Ansiedlung ungefähr sechshundert Pfund Sterling. Folglich kosteten tausend solche Familien sechsmalhunderttausend Pfund, zehntausend sechs Millionen, das ist hundertundZwanzig Millionen Mark, und so fort. Diese ausgezeichnetem Rechner hatten dabei nur die Kleinigkeit übersehen, daßi die Ansiedler einen bedeutend größeren volkswirtschaftlichen Wert repräsentieren, und daß man auf Wertvolles auch Geld geborgt erhält. Die Neue Gesellschaft konnte ihre Geldmittel durch wohlgedeckte und amortisierbare Anleihen gewaltig vermehren. Mit einem Worte: je mehr der Ansiedler wir herüberbrachten, umsomehr Geld strömte uns Zu. So (ist es überall i,n der Welt, wo man zu wirtschaften versteht; warum hätte es nicht auch bei uns &o (sein sollen? Das war ebenso einfach und selbstverständlich, wie alles andere. Aber ich bemerke eben, daß ich von der Zeit abgekommen bin, von der ich erzählten wollte. Das war die Zeit, in der uns der Futuro besuchte. Ich war im Inneren des Landes beschäftigt, wie ich schon erwähnte. Von Tag zlu Tag mußte ich meine Abreise nach Jaffa Verschieben. Dort tag das Schiff der Weisen, die ich so gerne gesehen und gesprochen hätte, vor Anker. Einmal geschah es, daß mehrere Wagen mit Ausfl/ügkrn vom Futuro in meiner Nähe auftauchten. Ich war zu Pferde auf dem Feld, als se [auf dem neuen Wege vorüberkamen. Sie betrachteten die große Daimpfstraßenwalize, sahen auch einen Augenblick (unseren Leuten